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Ein Bild aus den 90ern: Bewaffnete FARC-Mitglieder kontrollieren einen Pass in der Provinz Caqueta.

Kolumbien

„Es wäre seltsam, wenn ein Mensch nie Angst hätte“

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Er wollte in Kolumbien Lehrer werden – und landete als Guerilla-Kämpfer bei der FARC. Ein Gespräch mit Rafael Diaz über seine Zeit im Krieg und seine Hoffnungen auf Frieden.

Im September 2016 unterzeichnete die Regierung Kolumbiens einen Friedensvertrag mit den Revolutionären Streitkräften Kolumbiens (FARC). Damit war ein 50 Jahre andauernder Krieg beendet, der mehr als 262.000 Tote, 7,7 Millionen Vertriebene und mehr als 70 000 Verschwundene gefordert hatte. Unter dem neuen Präsidenten Duque ist der Friedensprozess ins Stocken geraten, die Verhandlungen mit der ELN-Guerilla sind gescheitert und das Morden geht weiter. Die Entwaffnung von 6500 Kämpfern der FARC hat ein Machtvakuum entstehen lassen, in das in Kolumbien nun Drogenkartelle, Paramilitärs und kriminelle Banden eindringen. Palmölplantagen, Großviehzucht, illegaler Bergbau und der Anbau von Coca versprechen hohe Profite. Mehr als 400 Menschenrechtsaktivisten, die sich dem widersetzten und 85 ehemalige Guerilleros der FARC wurden seit 2016 ermordet. Die „Sondergerichtsbarkeit für den Frieden“ (JEP), die für alle am Konflikt beteiligten Parteien zuständig ist, wird zunehmend in ihren Machtbefugnissen beschnitten. Der Internationale Gerichtshof in Den Haag hat nun angekündigt, tätig zu werden, falls Generäle der Armee sich ihrer Verantwortung entziehen. Der mit so viel Hoffnung verbundene Friedensprozess in Kolumbien ist akut bedroht.

Rafael, wie war es für Sie, im Kolumbien der Siebzigerjahre aufzuwachsen, in der Zeit der „violencia“, der Gewalt?
Ich habe zuhause niemals Gewalt erlebt. Ich wurde 1976 geboren und lebte mit meinen vier Geschwistern und meinen Eltern auf einem kleinen Bauernhof. Unsere Mutter hat uns Liebe gelehrt und ich wollte mir immer einen Traum erfüllen. Meine Mama war Lehrerin – und ich wollte so werden wie sie.

Sie wollten studieren und Lehrer werden.
Ich wollte ins Gymnasium, aber es war drei Stunden Fußweg entfernt. Deshalb brachten mich meine Eltern, als ich zwölf wurde, bei einer Cousine unter. Mein Vater war politisch aktiv und ich begleitete ihn schon früh zu Gemeinderatssitzungen. Später ist fast mein gesamter Abitursjahrgang Lehrer geworden. Mich schickten sie zu dem am weitesten entfernten Dorf. Das war ein großer Schock, in ein Dorf zu kommen, wo wir nicht einmal Radioempfang hatten. Es war sehr einsam. Aber die Leute waren toll, wirklich toll.

Wie war die Arbeit als Lehrer?
Als ich mit 18 Jahren dort ankam, gab es keine Schule, nichts. Es gab nur ein Laboratorium, in dem Paste aus Coca hergestellt wurde. Wir verwandelten dieses Laboratorium in eine Schule. Die Dorfbewohner brachten Holzlatten, malten sie grün an, brachten Stifte und Hefte – und dann unterrichtete ich.

Und wenn die Schule fertig war, kam dann die Einsamkeit wieder?
Ja, aber ich fand dann eine Freundin. Wir erwarteten ein Kind, doch dann geschah etwas Schreckliches: der Tod meines ersten Kindes. Als die Wehen anfingen, dachten wir, es sei noch zu früh. Der Arzt verabreichte ihr Medikamente, um die Wehen zu stoppen. Meine Freundin war 16 und ich etwas mehr als 18 Jahre alt und wir beide „Haarlosen“ hatten von nichts eine Ahnung. Das Kind starb. Dieser Verlust hat mich mein ganzes Leben begleitet. Traumatisch war auch die Ermordung von Manuel Cepeda Vargas, dem Senator der Unidad Popular.

Rafael Diaz.

Viele Politiker und Gefolgsleute der Unidad Popular wurden ermordet.
Zwei Präsidentschaftskandidaten und über 5000 Mitglieder wurden ermordet, fast die gesamte Partei wurde ausgelöscht! Bei uns zuhause hingen überall Poster dieser Politiker. Aber der Mord an Manuel Cepeda hinterließ Spuren in uns allen, vor allem bei meinem Vater. Und da ich eine besonders enge Beziehung zu ihm hatte, ging es mir wie ihm.

Was passierte danach?
Nun, der Tod des Kindes hing mir noch nach und die Beziehung zu meiner Freundin zerbrach. Mit einigen Guerilleros verständigten wir Lehrer uns dann darauf, den Sumpf an Korruption in den Bürgermeisterämtern stillzulegen. Es gab heftigen Streit, denn wir forderten, die Gemeinderatssitzungen öffentlich abzuhalten. In dieser Zeit gab es viele Massaker der Paramilitärs und des Cali-Drogenkartells. 1999 nahm ich an einer bewaffneten Aktion teil. Ab da kehrte ich nicht wieder zurück in ein ziviles Leben. Ich ließ alles hinter mir und begann mein Leben als Aufständischer.

Waren Sie überzeugt, von dem was Sie tun – oder hat Sie die Not getrieben?
Schon als 15-Jähriger wollte ich zur Guerilla. All diese Morde an den UP-Mitgliedern ließen mich nicht ruhen. Ihre politischen Ziele fand ich überzeugend. In dieser Zeit las ich Bücher von Che Guevera, ich verschlang sie regelrecht. Ich las auch Zeitschriften, die aus der DDR bei uns ankamen. Wäre ich in einer anderen Umgebung aufgewachsen, wäre ich sicher auch für die Revolution eingetreten, aber auf eine andere Art und Weise.

War es schwierig, alles hinter sich zu lassen?
Ja, gewiss, es ging darum, mich auf eine ungewisse Zukunft und den bewaffneten Kampf einzulassen. Zunächst denkt man, nach einiger Zeit ist das vorbei, aber dann war da die Ermordung eines Freundes, der uns bei den Gemeinderatssitzungen vertrat. Da war klar, ich kann nicht zurück. Hinzu kam, dass sie meine Familie bedrohten, deshalb mussten sie fliehen. Damals begannen die eigentlichen kriegerischen Konfrontationen unter Präsident Uribe.

Hatten Sie nie Angst?
Es wäre schon seltsam, wenn ein Mensch nie Angst hätte. Du kannst das Leben nicht annehmen ohne Angst. Während meiner Zeit als Kämpfer der FARC gab es schwierige Momente, es sind Dinge passiert, die nie hätten passieren dürfen, Erfahrungen, die mich gezeichnet haben, die mir große Schmerzen bereiteten. Es gab Augenblicke, da war ich bereit das Handtuch zu werfen, nicht aus Angst, aber aus Enttäuschung. Aber immer habe ich mir gesagt, ich bin hier und muss herausfinden, was ich tun kann, damit sich etwas ändert. Es war der Traum der Revolution und Verantwortung für Veränderungen zu übernehmen.

Gab es Veränderungen in der FARC?
Natürlich. Einer der Anführer sagte mir eines Tages: ‚Junge, du musst militärische Erfahrungen machen. Du musst an die Front‘. Dann aber hat er mich eingeschlossen in einem Feldlager für sechs Monate. Ich wurde diskriminiert als Lehrer und Politiker wurden als Schwächlinge gesehen. Dann nahm ich an einem Gefecht teil und es ging gut. Aber die sechs Monate waren schwer, obwohl sie mir viel gebracht haben. Ich las alles, was mir in die Hände fiel, das ganze Werk von Garcia Márquez. Diese Erfahrung hat mich gestärkt. Als wir zum zentralen Lager zurückkehrten, habe ich den Anführer angezeigt. Ich konnte beweisen, dass es zu Inkonsequenzen in seiner Führung der Truppe gekommen war. Das hat mir geholfen, militärisch aufzusteigen. Er kämpfte später bei den Paramilitärs. Ich hatte mich nicht getäuscht.

Würden Sie sagen, Sie waren mutig?
Ja, aber in einer Organisation, die so hierarchisch strukturiert ist, war das nicht leicht. Die Demokratie, die wir in der FARC praktizierten, funktionierte für mich. Es war jedoch ein langer Krieg und es gab compañeros, die unsere Normen nicht respektierten. Damit rechtfertige ich nicht, was Schlimmes geschah, dafür gibt es keinerlei Rechtfertigung.

Die FARC war Ende der 90er Jahre militärisch sehr erfolgreich!
Ja, es gelang uns, dem Militär schwere Niederlagen zuzufügen. Eine Brigade des Militärs wurde von uns Aufständischen gefangen genommen. Hinzukamen erfolgreiche Kämpfe gegen die Paramilitärs mit großen Mengen an erbeuteten Waffen und an Gefangenen. Aber die Regierung war nicht an einer Beendigung des Krieges interessiert. Denn noch während wir einen Frieden verhandelten, erhielt das Militär Millionen an Dollars von den gringos, sie nannten es „Plan Colombia“.

FARC-Flaggen bei Protesten in Bogota im März.

Wollte denn die FARC überhaupt ein Ende des Krieges?
Damals triumphierten wir ein wenig, wollten Stärke zeigen. Jedenfalls zerbrachen alle Bemühungen. Unter Uribe begann eine der tragischsten Epochen der Konfrontation. Zugleich begann der Kampf auf der Ebene der Medien. Heute sehen wir ein Resultat davon, die sogenannten „falsos positivos“: Soldaten des Militärs erschossen wahllos junge Männer, die in die Uniform der Guerilla gesteckt, fotografiert und der Öffentlichkeit als im Kampf gefallene Guerilleros präsentiert wurden.

Wie viele waren es? Kennen Sie Zahlen?
Menschenrechtler sagen, es waren mindestens 10.000. Offiziell dokumentiert sind 3000. Auf diesen makabren Fotos sieht man einen jungen Mann, angeblich im Kampf gefallen, der aber die Stiefel falsch herum trägt.

Aber auch die FARC hatte Verluste zu beklagen, oder nicht?
Es gab schwere Rückschläge und einige wichtige Anführer wurden getötet. Wir haben viele begraben müssen, aber ich erinnere mich an fast alle von ihnen, so als wäre es heute. Sie haben gekämpft, weil sie an das politische Projekt glaubten und angesichts der Realität der Gesellschaft heute, kann man nur sagen, dass sie Recht hatten, sich zu erheben.

Waren Sie durchgängig als Kämpfer aktiv?
Nein, ich war lange mit pädagogischen Aufgaben beschäftigt. Als wir 2016 einen bilateralen Waffenstillstand vereinbarten, änderten sich auch meine Aufgaben. Es ging darum, die Mitkämpfer darauf vorzubereiten, in die Gesellschaft zurückzukehren.

Eine schwierige Aufgabe, oder?
Oh ja. Und wir hatten nichts außer unseren Fingernägeln, wie wir sagen, wir mussten alles ohne Hilfsmittel schaffen.

Wie reagierten Ihre Kameraden?
Es war ein langer Prozess. Aber niemals werde ich den 21. Mai 2015 vergessen. Unsere Einheit war ausgewählt worden, einen Friedenskurs für alle Kämpfer anzubieten! Als alle anwesend waren, gab es einen Bombenangriff der kolumbianischen Luftwaffe, bei dem 34 unserer compañeros getötet wurden. Das war unglaublich schmerzhaft. Dies bedeutete praktisch die „Enthauptung“ unserer Einheit. All dies hat jedoch den Friedensprozess nicht beendet, wir verließen nicht den Verhandlungstisch in Havanna. Wir mussten weitermachen.

Das Vertrauen in den Friedensprozess war nach diesem Erlebnis nicht erschüttert?
Natürlich war die Einheit schwer getroffen, aber nicht im Sinne einer militärischen Niederlage. Der Angriff war verräterisch und heimtückisch – und nun ging es um die Wut. Es gab ja einen Waffenstillstand und wir konnten nicht zurückschlagen.

Wie sind Sie mit dieser Wut umgegangen?
Zunächst habe ich geweint. Meine Seele schien zu zerbrechen. Ich habe Freunde verloren, die mit mir diese Sehnsucht nach Frieden teilten. Aber wenig später gelang ein bilateraler Waffenstillstand. Es blieb keine Zeit für militärische Vergeltungsschläge und Rachefeldzüge. Wie gesagt, ich war ja lange mit pädagogischen Aufgaben befasst gewesen, unter anderem mit unserem Radio.

Das Untergrund-Radio.
Wir schafften 2 bis 3 Stunden Übertragungen pro Tag. Unsere Sendungen wurden in den entferntesten Dörfern gehört.

In dieser Zeit haben Sie nicht gekämpft?
Nein, ab 2012 hatte ich die Aufgabe, Radio zu machen. Von da an war mein Kampf der Kampf mit Worten. Aber nach diesem Bombenangriff mussten wir die Sendestation stilllegen, da ich nun die Verantwortung für meine Einheit übernehmen musste. Es ging darum, Kräfte zu sammeln, weiterzumachen.

Fiel es schwer, die Waffen abzugeben?
Ja, da gab es schon nostalgische Momente, es ging darum, einen Traum zu begraben, der nicht in Erfüllung gegangen war. Wir haben zwar diesen Traum nicht realisieren können, aber wir waren in der FARC, weil es uns um politische Anliegen ging. Unsere Möglichkeiten hatten sich erschöpft, diese unverrückbare Realität galt es anzuerkennen. Und das waren durchaus gemischte Gefühle. Aber ich fühlte mich nicht besiegt als ich meine Waffen abgab. Wenn die Regierung Garantien für unsere politische Betätigung geben würde, dann könnten unsere Träume, die durch den bewaffneten Kampf eher vertagt worden waren, wieder eine Zukunft haben.

Ich las, die FARC war involviert in Drogenhandel und Entführungen.
Das ist ein Kampf, den die Medien gegen uns führten – und den sie leider gewonnen haben. Das hatte sehr viel mit dem 11. September in den USA zu tun und der darauf folgenden Jagd auf Terroristen. Dies hat auch uns heimgesucht. Wir wurden plötzlich zu Terroristen erklärt. Damit haben sie uns ein Etikett angeheftet, das vielen Aufständischen angeheftet wurde. Ab diesem Zeitpunkt wurde uns jedwede politische Legitimität abgesprochen. Die kommende Generation wird uns vor allem als Terroristen sehen, als Familie von Bin Laden. Damit will ich nicht sagen, dass wir keine verurteilenswerten Aktionen durchgeführt haben, für die es keine Rechtfertigung gibt. Die Entführung der zwölf Parlamentarier aus Cali ist absolut bedauernswert. Wie könnte ich das nicht so sehen? Dies war alles andere als ein Liebesdienst für eine revolutionäre Bewegung.

Wer hat die FARC unterstützt?
Die Medien haben uns nicht nur zu Terroristen gemacht, sondern auch zu Drogenhändlern, Kriminellen und Entführern. Andererseits: welche Völker haben es geschafft, ihre Befreiungskriege mit sauberem Geld zu gewinnen?

Haben Sie noch einen Traum?
Da ist der Traum nach Frieden für ganz Kolumbien, für die Versöhnung. Aber in diesem großen Traum gibt es einen kleinen Traum: Eine Familie zu haben und ein Kind aufwachsen zu sehen. Außerdem würde ich gerne studieren. Ich will alles dafür tun, meine Träume zu erfüllen – die großen und die kleinen Träume.

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Heiko Maas in Kolumbien

Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) hat Kolumbien weitere Unterstützung für den seit 2016 laufenden Friedensprozess nach jahrzehntelangem Bürgerkrieg zugesagt. Bei seinem Besuch in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá kündigte er am Dienstagabend an, die Mittel für die Reintegration ehemaliger Rebellen in die Gesellschaft um zwei Millionen auf 17,3 Millionen Euro aufzustocken. Hinzu kommen weitere fünf Millionen Euro Entwicklungshilfe. Deutschland stehe in diesem Prozess „ganz eng an der Seite Kolumbiens“, sagte Maas nach einem Treffen mit seinem Kollegen Carlos Holmes Trujillo und Präsident Iván Duque.

Ende 2016 hatte die kolumbianische Regierung mit der Rebellenorganisation Farc den Bürgerkrieg beendet. Nach wie vor ist aber die marxistisch-leninistische Nationale Befreiungsarmee (ELN) aktiv, die mit rund 1500 Kämpfern vor allem im Osten Kolumbiens Anschläge verübt und Geiseln nimmt. Nach einem Bombenanschlag mit 21 Toten auf eine Polizeiakademie in Bogotá hat die Regierung die Friedensgespräche mit der Guerillaorganisation vorerst gestoppt.

Maas ermutigte die Regierung dennoch, den bisherigen Weg weiterzugehen – „auch wenn es Rückschläge geben wird“. Der Außenminister stellte auch neue Hilfsmittel für die Versorgung von Flüchtlingen aus dem Nachbarland Venezuela in Aussicht. 1,5 Millionen Venezolaner hat Kolumbien bereits aufgenommen. Trujillo sagte, er rechne mit 1,8 Millionen weiteren, wenn die Krise anhalte. Deutschland hat bereits mehr als zehn Millionen Euro an humanitärer Hilfe zur Verfügung gestellt. Maas wollte am Mittwoch zudem ein Projekt zur Reintegration ehemaliger Farc-Rebellen besuchen. (dpa)

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