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"Habt keinen Zweifel: Wir werden diese Mauer bauen", sagt Trump in Youngstown. Es ist nicht das einzige Déjà-vu des Abends.

USA

Die ewige Trump-Leier

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"Wir werden es nicht auf die politisch korrekte Art tun." Donald Trump, Präsident der USA, lässt in Ohio wieder den eisenharten Wahlkämpfer raushängen.

Fast vier Stunden lang haben Joe Dagati und seine Frau Jean angestanden und gewartet. Dieses Ereignis wollen sie auf keinen Fall verpassen: Im Covelli-Center, einer schmucklosen Mehrzweckhalle am Rande von Youngstown, wo sonst Monstertrucks und Wrestling-Kämpfe präsentiert werden, steigt an diesem Abend eine ganz besondere Show. Donald Trump, Präsident der USA, kehrt als eisenharter Wahlkämpfer in den Ring zurück. 

„Hier im Nordosten Ohios herrscht die Mentalität: Wenn Du mich angreifst, kriegst Du eins auf die Fresse“, sagt Dagati. Genau das erwartet der pensionierte Zahnarzt auch von Trump. „Andere Politiker reden immer um den heißen Brei herum. Er ist direkt.“ 

Dagati hat den Verfall der Stahlstadt Youngstown, einst eindrucksvoll besungen von Bruce Springsteen, hautnah miterlebt. „Die Stimmung war nur noch depressiv“, erinnert er sich an die letzten Jahre. Jetzt aber habe sich der Wind gedreht – durch den neuen Fracking-Boom, der der Region Perspektiven zu eröffnen scheint. Vor allem aber durch den seiner Ansicht nach zupackenden Präsidenten: „Trump verspricht viel, und er hält viel.“ Der Doktor hofft vor allem auf die Steuerreform. 

Dagati wird nicht enttäuscht werden. Zumindest nicht an diesem Abend. „Ich werde die größte Steuersenkung in der Geschichte Amerikas umsetzen“, verspricht Trump später 7000 jubelnden Anhängern. Es wird nicht die einzige vollmundige Ankündigung bleiben. „Habt keinen Zweifel: Wir werden diese Mauer bauen“, wiederholt der Präsident ein anderes Wahlkampfversprechen. Und weiter: Derzeit würden die USA im Handel von ihren Partnern über den Tisch gezogen. „Diese Tage werden bald vorbei sein.“ Auch Drogenschmugglern und Kriminellen werde man den Garaus machen: „Und wir werden es nicht auf die politisch korrekte Art tun.“ Die Menge jubelt. 
Für einen Außenstehenden ist das alles bizarr: Mitten in der Arena steht hinter einem Pult mit dem Amtssiegel des US-Präsidenten der Mann, der seit einem halben Jahr in Washington regiert. Aber hier im industriellen Rostgürtel Ohios legt er keine Rechenschaft über seine Arbeit ab. Er kämpft für seine Wiederwahl 2020. Seit der offiziellen Ankündigung der Kandidatur reist Trump durchs Land, um seine Anhänger bei Laune und sich selber unter Strom zu halten. Der Auftritt in Youngstown ist schon die sechste derartige Kundgebung. 

„Macht Amerika wieder groß“ und „Trocknet den Sumpf aus“ steht auf den blauen Schildern, mit denen die Zuhörer in der Halle wedeln. Immer wieder skandieren sie „USA – USA!“ und „Baut diese Mauer!“ Ein Pfarrer spricht ein salbungsvolles Gebet für Donald Trump, den Retter der Welt. Dann tritt die schwangere Schwiegertochter Laura Trump auf die Bühne: „Wir sind dabei, in Washington aufzuräumen“, berichtet sie. „CNN ist Lügenpresse“, ergänzt ihr Mann Eric. Das reicht, um die johlende Menge auf Betriebstemperatur zu bringen. 

Um 19.10 Uhr erscheint Donald Trump mit seiner Frau Melania dann endlich selbst in der Arena. Wie ein Gladiator schreitet er langsam über einen langen Steg, lässt sich bejubeln, verbeugt sich zur Seite, winkt und reckt die rechte Faust in die Höhe, genießt den Beifall. Mögen die Umfragen auch schlecht und die Zeitungskommentare vernichtend sein: Die kreischende Menge verschafft ihm eine adrenalingestützte Selbstvergewisserung. „Es ist so gut, weit weg vom Washingtoner Sumpf unter echten Patrioten zu sein“, schwärmt er. 

In der Sache bietet Trump den Zuhörern wenig Neues. „Kein Präsident hat im ersten halben Jahr so viel erreicht“, behauptet er. Stolz preist er die Zahlen vom Arbeitsmarkt, die Rekordkurse der Börse und die Aufkündigung des transpazifischen Freihandelsabkommens. Dass für seine Steuerreform nur eine Ideenskizze vorliegt, der Senat gerade gegen seinen Willen schärfere Russland-Sanktionen beschlossen hat, täglich neue Berichte über merkwürdige Russland-Verbindungen an seinem Image kratzen und er inzwischen mit seinem halben Kabinett über Kreuz liegt, erwähnt Trump nicht. Überhaupt spielt Aktualität kaum eine Rolle. Eher beiläufig erwähnt Trump, dass die Gesundheitsreform eine erste Hürde in dem von seiner eigenen Partei dominierten Senat überwunden hat. „Glaubt ihr, das ist einfach? Das ist nicht einfach!“, klopft er sich selbst auf die Schulter.

Trotz der inhaltlichen Dürre kommt die Rede großartig an. Sie ist eine Mischung aus Beschwörung der amerikanischen Werte von Familie und Glauben, düsterer Beschreibung der Gefahren von Globalisierung, Terror und „Fake News“ sowie der strahlenden Verheißung einer neuen Zeit. „Nach Jahrzehnten, in denen wir unsere Jobs an andere Länder verkauft haben, kümmern wir uns endlich um unsere Arbeiter“, verspricht Trump. Und den Menschen von Youngstown rät er: „Verkauft Eure Häuser nicht. Die Jobs kommen alle zurück!“

Auf der Bühne ist der einstige Reality-TV-Star in seinem Element. Er zieht Grimassen, macht Kunstpausen und spielt mit dem Publikum. Vergnügt verfolgt er, wie zwei Störer von der Polizei unsanft rausgeschleppt werden. „Wo zum Teufel kommen die denn her?“, amüsiert er sich. Und dann ist da noch Gino DeFabio. Trump hat den beleibten Fan im Fox-Frühstücksfernsehen gesehen, als der auf der Straße interviewt wurde. Flugs wurde Gino zur Show geladen. Dort kann er in einer Art Werbeblock mitten in der Trump-Rede den Präsidenten loben.

Nach einer Stunde ist die Show vorbei. Cathleen Eansic, die Mitarbeiterin einer Telefongesellschaft, ist zufrieden: „Ich mag alles, was er sagt. Er ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, kein Politiker. Niemand kann ihn kaufen.“ Und seine Russland-Kontakte? Da mischt sich Vater Leonhard, ein Farmer, ein: „Bullshit“, sein Kommentar. 

Wer was anderes hören will, muss die Halle verlassen. Gegenüber sitzen zwei Frauen auf Klappstühlen. Becky Moore kann mit ihren aufgequollenen Beinen nur noch mühsam laufen. „Rettet Obamacare“ steht auf dem Schild, das sie hält. Ihre Freundin Lisa Mckee fordert auf einem Plakat gar die Amtsenthebung Trumps: „Der einzige Anzug, in dem ich ihn sehen möchte, ist ein orangefarbener Gefängnis-Overall“, sagt die Rentnerin. An diesem Abend wirkt es nicht, als würde ihr Wunsch bald Wahrheit werden.

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