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Vor 50 Jahren: Einschusslöcher in einem Laden gegenüber des Universitäts-Turms.

USA

Die ewige Schlacht

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    Damir Fras
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Vor 50 Jahren erschoss der Scharfschütze Charles Whitman wahllos Menschen. Seither gab es in den USA viele weitere Massenmorde – an den Waffengesetzen hat sich trotzdem wenig geändert.

Es war ein Tag wie heute“, sagt Brenda Bell und zieht die Mütze zum Schutz vor der grellen Mittagssonne tiefer in die Stirn. Sie zeigt mit ihren langen, knochigen Fingern in die Höhe und sagt noch einmal: „Ein Tag wie heute.“ Der Himmel war blau, es war heiß, nur die Eichen waren nicht ganz so mächtig wie heute. Den Turm, auf den Brenda Bell zeigt, gab es bereits. Es ist ein Bauwerk im neoklassizistischen Stil, 94 Meter hoch, 27 Stockwerke und darüber eine Plattform, von der aus man über Austin, die Hauptstadt des US-Bundesstaats Texas, sieht. Der Turm, sagt Brenda Bell im gleißenden Sonnenschein, sei für sie ein Symbol der Finsternis.

50 Jahre ist es her, dass der Turm auf dem Universitätscampus von Austin für Brenda Bell zu diesem Symbol wurde. 21 war sie damals, Studentin.

Am 1. August 1966, um die Mittagszeit, beginnt der erste Massenmord in der Geschichte der USA, der live im Radio übertragen wird. Für Brenda Bell und für viele andere Menschen – die, die damals Angehörige verlieren, die, die zu Augenzeugen werden – ist es ein Wendepunkt im Leben. „Es war, als wäre ein Raumschiff mit Aliens vom Mars gelandet“, sagt Brenda Bell heute. Wie in einem Film sei sie sich vorgekommen. „Wie in einem Film, den wir nie zuvor gesehen hatten.“ Es ist ein Film voller Gewalt, der seit dem August 1966 oft zu sehen war, auch in den vergangenen Monaten, Wochen, Tagen.

An diesem 1. August 1966 fährt Charles Whitman, als Handwerker verkleidet, mit dem Aufzug auf den Turm. Er schleppt eine Kiste mit sich, in der sich Waffen befinden, betritt die Aussichtsplattform, packt seine Gewehre aus und beginnt zu schießen. Wahllos und mit maximaler Präzision zugleich.

Er trifft einen Jungen, der mit dem Fahrrad unterwegs ist, um Zeitungen auszutragen. Er trifft eine junge, schwangere Frau. Einen Mann im Kittel, der aus einem Friseursalon in der Guadalupe Street eilt, um nachzusehen, was da geschieht. Einen Polizisten, der sich neben der Statue des Südstaaten-Präsidenten Jefferson Davis hinter einer Mauerbrüstung verschanzt. Das ist, so zynisch es klingen mag, ein Meisterschuss. Der Spalt in der Brüstung ist nur wenige Zentimeter breit. Gnadenlos schießt Whitman, ein ehemaliger Marineinfanterist und ausgebildeter Scharfschütze, vom Turm herab auf Passanten.

Der junge Reporter Neal Spelce, der bei der Radio- und TV-Station „KTBC“ arbeitet, hört von den Schüssen via Polizeifunk, fährt zum Campus und liefert von dort einen Live-Bericht für den Rundfunk. Die Meldung lautet: „Das ist eine Warnung an die Einwohner von Austin. Gehen Sie nicht in die Nähe der Universität. Auf dem Universitätsturm ist ein Heckenschütze, der um sich schießt ... Es ist wie die Szene aus einer Schlacht. Ein Schuss, und wieder ein Schuss, und wieder ein Schuss ... Da läuft eine Schlacht zwischen dem Heckenschützen und der Polizei.“ Fernsehbilder gibt es erst später.

Der Horror auf dem Universitätscampus von Austin dauert 96 Minuten. Dann gelingt es einem Polizisten, den 25 Jahre alten Whitman zu töten. 14 Menschen hat er bis dahin erschossen.

Brenda Bell deutet auf ein Haus auf dem Campus. Dort saß sie damals in einem Vorlesungssaal. Der Professor dozierte über Shakespeare. Brenda Bell haderte mit sich, weil sie einen Test versiebt hatte. Dann fielen die ersten Schüsse. Sie habe am Fenster gestanden und das Geschehen verfolgt, erzählt sie. Leichen lagen auf der freien Fläche, Verletzte. Studenten rannten nach Hause, um ihre Gewehre zu holen, kamen zurück, schossen auf den Turm, um jenen Studenten Feuerschutz zu geben, die sich hinaus trauten, um Verletzte aus dem Schussfeld zu bringen. Immer wieder, sagt Brenda Bell jetzt mit leiser Stimme, denke sie bis heute darüber nach, warum sie sich das nicht getraut habe. „Es war der Moment, der die Tapferen von den Ängstlichen trennte. Es war der Moment, in dem ich begriff, dass ich ein Feigling bin“, sagt sie.

Terror gebiert Leid - und Helden

Wer ist ein Feigling, wer ist mutig, wer ist lebensmüde? Auf den Videos von dem Massaker jüngst in Nizza ist ein Mann zu sehen, der versucht, auf den Lastwagen aufzuspringen und den Täter aus dem Fahrerhaus zu zerren. Während des Angriffs der Terroristen auf das Konzerthaus Bataclan in Paris hat ein Sicherheitsmann Hunderte Besucher durch einen Notausgang in Sicherheit gelotst, immer wieder ist er zurückgekommen und hat eine neue Gruppe geholt. Während der Geiselnahme in einem jüdischen Supermarkt nach dem Angriff auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris hat ein Mitarbeiter viele Kunden in einem Kühlraum versteckt und ihnen das Leben gerettet.

Der Terror, der mal als Fanal politischer Gruppen, mal als Wahnsinnstat verstörter Einzeltäter auftritt und inzwischen fast jeden Winkel der Erde erreichen kann, gebiert Leid, aber auch immer wieder Helden. Menschen, die, ohne an ihr eigenes Wohlergehen zu denken, eingreifen, um noch Schlimmeres zu verhindern, die andere retten und, das kommt dazu, die den Glauben an das Gute im Menschen wachhalten. Die in Zeiten größter Verzweiflung und Verstörung Hoffnung machen.

50 Jahre nach der ersten Live-Übertragung sind sogenannte Mass Shootings in den USA an der Tagesordnung. Alle paar Wochen, so scheint es, betritt irgendein Verrückter oder Verblendeter eine Schule, ein Kino, eine Diskothek, um zu schießen, zu töten – auch am gestrigen Montag (siehe Infokasten). Elfmal musste Präsident Barack Obama in seiner bald achtjährigen Amtszeit schon an Tatorte eilen, um einer verängstigten Nation Trost zu spenden. Einige Beispiele: Im Sommer 2012 war es ein Mann, der in einem Kino in Aurora in Colorado zwölf Menschen erschoss, die den Batman-Film „The Dark Knight“ ansehen wollten. Im Dezember 2012 erschoss ein Amokläufer 20 Schulkinder im Alter von sechs und sieben Jahren, sechs Lehrer und seine Mutter im Städtchen Newtown in Connecticut. Im Dezember 2015 erschossen ein Mann und seine Frau 14 Menschen in San Bernardino in Kalifornien – es war die Weihnachtsfeier einer Behörde. Vor einigen Wochen tötete ein Mann 49 Menschen in einem Nachtclub in Orlando in Florida. Und unlängst starben fünf Polizisten im Kugelhagel eines Heckenschützen im texanischen Dallas.

Diese Aufzählung ließe sich beliebig erweitern. Statistiker in den USA definieren ein Mass Shooting als eine Schießerei, bei der vier oder mehr Menschen getötet oder verletzt werden. Sie haben herausgefunden, dass die Zahl dieser Ereignisse die Zahl der Tage übersteigt, die ein Jahr hat.

Es muss eine ungeheure Wut sein, die sich in Attentätern aufstaut. Charles Whitman habe sich den Turm der Universität wahrscheinlich wie eine Festung vorgestellt, von der aus er dann seine Opfer erschießen konnte, sagt Gary Lavergne: „Man stelle sich das nur mal vor. 99 999 von 100 000 Menschen würden da oben stehen und die Aussicht genießen. Er stand da oben und suchte nach Schießscharten.“ Lavergne, ein 60 Jahre alter, gemütlicher Mann, ist so etwas wie die Autorität in Sachen Charles Whitman. Der Hobby-Historiker verfasste „Sniper in the Tower“ („Heckenschütze im Turm“), ein akribisch recherchiertes Buch, das das Massaker detailreich nachzeichnet. Heute arbeitet Lavergne in der Immatrikulationsstelle der Universität von Austin, deren Büros ausgerechnet am Fuße des Turmes liegen, vom dem aus Whitman 1966 das Feuer eröffnete. „Ich hätte mir auch nicht gedacht, dass ich hier lande“, sagt Lavergne. An den Wänden seines Büros hängen Plakate, die für seine Lesungen werben. Sein Buch hat ihn zu einem bekannten Mann gemacht. Er sagt, nach jeder Massenschießerei klingle das Telefon, wollten die TV-Sender eine Auskunft von ihm. Er ist zu einem Experten in Sachen Finsternis geworden.

Meistens sagt Gary Lavergne, dass er auch nicht erklären könne, weshalb sich die Geschichte in den USA wiederholt. Dann spricht er von Veränderungen und Konstanten. „Sie müssen sich vorstellen, so etwas wie in Austin hätte damals in jeder x-beliebigen Stadt im Land geschehen können. Und in jedem Fall hätte die Polizei anders reagiert, als sie in Austin reagiert hat.“ Nach Lavergnes Recherchen heißt das: Die Polizei war nicht vorbereitet auf ein monströses Verbrechen eines einzelnen Attentäters. Ein Polizist rutschte auf dem Blut der Opfer aus, weil er glatte Schuhe trug. Und als die Beamten vor dem Turm ankamen, hatten sie lediglich Schrotflinten dabei. Es mussten erst Passanten und Studenten ihre Jagdgewehre von zu Hause holen und auf das obere Ende des Turmes zu schießen, um Whitman in die Deckung zu zwingen. Erst dieser Feuerschutz habe es den Polizisten erlaubt, nach oben zu eilen und den Schützen zu töten.

Gary Lavergne, Sohn eines Polizisten aus dem ländlichen Louisiana, sagt, das immerhin habe sich verändert. Nach Austin wurden in den USA sogenannte Swat-Einheiten gebildet, Spezialeinsatzkommandos mit besonders ausgebildeten Beamten, die Waffen und Gerätschaften mit sich führten, die für solche Einsätze geeignet sind. 50 Jahre nach Austin hat das in den USA zu einer Militarisierung der Polizei geführt. Der Attentäter von Dallas wurde mit einem Sprengsatz getötet, den die Polizei an einem ferngesteuerten Roboter befestigte und an den Schützen heranfuhr. Das kannten die Amerikaner bislang nur aus Kriegsberichten.

Ausrüstung und Ausbildung der Polizei wurden nach Austin verbessert. Am leichten Zugang zu Waffen änderte sich jedoch nichts. Noch immer ist es in weiten Teilen der USA einfacher, ein Gewehr zu kaufen als ein Sixpack Bier. Der Grund dafür liegt nicht nur, aber auch in der Debatte, die in den Tagen nach dem Massaker ausbrach. Manche sagten, erzählt Brenda Bell, der Kugelhagel aus den Gewehren der Privatleute habe noch Schlimmeres verhindert. „Sie sagten: Seht her, jeder von uns sollte bewaffnet sein. Die Guten dürfen den Bösen nicht das Feld überlassen. Das waren damals die Sprüche.“

Zwar forderte der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson schon eine Woche nach dem Massaker von Austin schärfere Waffengesetze, doch scheiterte er genauso wie Präsident Barack Obama, dessen Rufe nach mehr staatlicher Kontrolle inzwischen in der US-Öffentlichkeit gar nicht mehr wahrgenommen werden. Weil die meisten Leute wissen, dass sich ohnehin nichts bewegen wird. Selbst die Ermordung von 20 Schulkindern führte nicht dazu, dass der Kongress wenigstens ein Verkaufsverbot für halbautomatische Schnellfeuergewehre erlassen hätte. Auch nach Orlando war es so. Zwar sind einige Dutzend Demokraten im Repräsentantenhaus vor einigen Wochen für 25 Stunden in den Sitzstreik getreten und haben so für schärfere Waffengesetze demonstriert. Aber die Mehrheit im Kongress konnten sie damit nicht überzeugen. Die Abgeordneten sind inzwischen in der Sommerpause, die bis Anfang September dauert. Die mächtige Waffenlobby-Gruppe National Rifle Association und der populistische Präsidentschaftskandidat Donald Trump werden, davon darf man ausgehen, weiter sagen: „Das Einzige, was gegen einen bösen Mann mit Waffe hilft, ist ein guter Mann mit Waffe.“

Was sagt Gary Lavergne, der Autor, zu solchen Argumenten? „Ich zögere zu sagen, dass bewaffnete Zivilisten am Ort eines Verbrechens eine gute Idee wären“, sagt er zunächst etwas vorsichtig, hört einen Moment in sich hinein und scheint sich dann zu besinnen, dass er auch kräftigere Worte auf Lager hat: „Was damals galt, gilt heute nicht mehr. Wie soll denn die Polizei unterscheiden, wer gute und wer böse Absichten hat? Wir leben doch in Amerika und nicht in Falludschah.“ So hat sich auch David Brown, der Polizeichef von Dallas, geäußert, als er nach den Todesschüssen auf fünf seiner Beamten erklärte, es sei schwierig gewesen, den Verbrecher und die Zivilisten auseinanderzuhalten. Denn in Texas und in einigen anderen US-Bundesstaaten gilt seit jeher die Regel: Wer einen Waffenschein hat, darf sein Gewehr offen tragen.

Vor ein paar Wochen hat Susannah Plocher gespürt, wie es sich anfühlt, in einem Land zu leben, in dem es mehr Waffen als Menschen gibt. Die 28 Jahre alte Frau, die an der Universität von Austin Sozialpädagogik studiert hat, war mit ihrem Verlobten eines Abends unterwegs im Kneipenviertel von Austin. Die Nacht war lau in der „Dirty Sixth“, wie die East 6th Street genannt wird, weil dort eine Kneipe an der anderen liegt, die Menschen feiern und Musik hören. Ihr Verlobter, sagt Susannah Plocher, habe plötzlich gesehen, wie ein Mann in Rockerkutte mit einem AR-15 durch die Menge lief. Das Pärchen ging zum nächsten Polizisten, fragte, ob dieser nicht etwas unternehmen könne. Es könne doch nicht sein, dass ein Mann mit einem halbautomatischen Schnellfeuergewehr einfach so durch die Straßen laufe. Die Reaktion des Beamten sei ein Achselzucken gewesen, gefolgt von den Worten: „Willkommen in Texas.“ Hörte sich an wie ein Witz, sei es aber nicht gewesen, sagt Susannah Plocher. Am nächsten Morgen habe sie in den Nachrichten gehört, dass in Orlando in einem Nachtclub ein Amokläufer wild um sich geschossen haben.

Und sie vermutet, dass alles noch schlimmer kommen wird. Ausgerechnet am 1. August tritt in Texas das „Campus-Carry“-Gesetz in Kraft. Das ist nicht nur der Tag, an dem sich das Massaker von Austin zum 50. Mal jährt. Das ist auch der Tag, an dem ein neues Denkmal für die Opfer von Charles Whitman enthüllt werden soll. Und ausgerechnet von diesem Tag an dürfen Studenten und Dozenten an staatlichen Universitäten in Vorlesungen Handfeuerwaffen tragen, sofern sie einen Waffenschein haben und sofern sie die Pistolen nicht offen, sondern verdeckt unter der Jacke, dem Hemd oder der Bluse tragen. Die Leitung der Hochschule von Austin hat sich zwar öffentlich gegen das Gesetz ausgesprochen, muss es aber umsetzen, weil der Bundesstaat Texas die Universität finanziert.

Während dieser Text entsteht, kommt die Nachricht über den Mord an drei Polizisten in Baton Rouge. Wieder ist der Täter so ein einsamer Wolf und wieder einer, der das Handwerk des Tötens ganz offiziell gelernt und ausgeübt hat. Ein ehemaliger Sergeant der Marines, der im Irak-Krieg für die USA gekämpft hat. Ganz ähnlich wie der Attentäter von Dallas, der in Afghanistan gekämpft hat. Die USA schaffen sich mit ihren Kriegen die Täter selber. Oft sind es Männer, die nach dem Militärdienst, in dem sie anerkannt waren, den Anschluss an ein ziviles Leben irgendwo in dem großen Land nicht mehr finden. Und die noch einmal zeigen, was sie gelernt haben. Wie schon Charles Whitman vor 50 Jahren, der bei den Marines zum Scharfschützen ausgebildet worden war und auf dem Turm in Austin noch einmal seine ganze Meisterschaft im Töten vorgeführt hat.

Solche Männer haben es in den USA leicht und trotz der Geschichte der Massenmorde immer leichter, sich Waffen zu besorgen. Die traurige und erschütternde Wahrheit unserer Tage aber lautet: Wer einen Lastwagen als Waffe benutzt wie der Täter von Nizza oder eine Axt wie der junge Afghane im Zug nach Würzburg, den kann kein noch so strenges Waffengesetz an seinem Verbrechen hindern.

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