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Das einzige Wahlplakat für das Europaparlament, das sich Niyazi Kizilyürek in Nikosia leisten kann.

Europawahl auf Zypern

Ein Kandidat für die „Unsichtbaren“

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Der türkische Zypriot Niyazi Kizilyürek will ins Europaparlament gewählt werden - und er hat beste Chancen, das zu erreichen. Das wäre eine Sensation.

„Unsere Stimme in Europa“, steht auf dem einzigen, aber riesigen Wahlplakat für das Europaparlament, das Niyazi Kizilyürek sich in Nikosia leisten kann. Ein Blickfang am Stadtrand, an einer Schnellstraße im türkischen Norden der geteilten Mittelmeerinsel Zypern. Kizilyürek lacht. „Wir haben noch zwei weitere Plakate. Für mehr reicht unser Geld nicht“, sagt er.

Aber das macht nichts, denn der agile, braungebrannte Mann ist im türkischen Nordzypern ohnehin bekannt wie ein Popstar. Als der 60-Jährige an diesem warmen Abend das Haus der Ingenieurs- und Architektenkammer nahe der Altstadt im türkischen Teil Nikosias betritt, muss er mehr als ein Dutzend Freunde und Bekannte zur Begrüßung umarmen.

„Europa ist ein Friedensprojekt, warum also soll es auf Zypern keinen Frieden geben?“, beginnt Kizilyürek wenig später im Versammlungsraum seine Wahlansprache. Er ist ein guter Redner, der die etwa 40 Zuhörer leicht für sich einnimmt. Die Europawahl eröffne die Chance, auf neutralem Grund türkische und griechische Landsleute zusammenzubringen, sagt er. „Wir türkischen Zyprioten sind die Aschenputtel der europäischen Gemeinschaft. Aber wir haben es auch zugelassen, dass nur die griechischen Zyprioten unsere Gemeinschaft repräsentieren. Das will ich ändern!“.

So hat noch kein zyprischer Politiker gesprochen. Als Niyazi Kizilyürek nach einer halben Stunde seine Rede beendet, klatschen die Versammelten, viele Männer und wenige Frauen meist mittleren Alters, kräftig Beifall.

Niyazi Kizilyürek hat beste Chancen, gewählt zu werden

Laut Umfragen hat Kizilyürek beste Chancen, gewählt zu werden. Das wäre eine Sensation. Der politische Quereinsteiger ist der mit Abstand interessanteste Kandidat auf der kleinen Insel, nicht nur weil er Licht in den toten EU-Winkel namens Nordzypern wirft. Die Insel ist geteilt, seit die Türkei nach einem griechischen Putsch 1974 den Norden militärisch besetzte. Zwar trat Zypern insgesamt 2004 der EU bei, aber im türkischen Norden bleibt das EU-Recht ausgesetzt. Trotzdem haben alle türkischen Zyprioten, die vor der Teilung auf Zypern lebten, das Recht auf einen Pass der (griechischen) Republik Zypern und auf die Teilnahme bei Europawahlen. Für sie werden die Behörden im Süden an der Demarkationslinie 50 Wahllokale einrichten. „Ich werde eure erste Stimme in Straßburg sein“, sagt Kizilyürek.

Der Soziologieprofessor, Autor und Filmemacher ist Zyperntürke, lebt aber seit fast 30 Jahren im griechischen Süden Nikosias, wo er an der staatlichen Zypern-Universität lehrt. Er ist der erste türkische Zypriot, der für eine zyperngriechische Partei bei Wahlen antritt, und der erste, der die realistische Chance hat, einen Sitz im Europaparlament zu gewinnen. Er kandidiert auf der Liste der postkommunistischen „Fortschrittlichen Partei des arbeitenden Volkes“ (Akel), die „einzige Partei im Inselsüden, die die türkischen Zyprioten als gleichberechtigte Mitbürger akzeptiert“, sagt Kizilyürek, der neben Türkisch perfekt Griechisch und außerdem noch fließend Englisch, Französisch und Deutsch spricht.

Anders als die meisten zyprischen Politiker vertritt der polyglotte Professor seit Jahren klare Positionen zur ungelösten Zypernfrage - für eine Wiedervereinigung in einer gleichberechtigten Föderation, ohne Wenn und Aber. „Ich glaube an ein föderales, bizonales, bikommunales Zypern in einer föderalen EU“, sagt er und unterstreicht seine Worte energisch mit den Händen.

Kizilyürek sorgt für mächtig Wirbel auf der Insel

Der Kandidat sorgt für mächtigen Wirbel auf der Insel, die das Trauma der Teilung bis heute nicht überwunden hat und deren Politiker an der Wiedervereinigung stets kläglich scheiterten. Nationalisten und Extremisten beider Seiten bekämpfen ihn so erbittert wie sie eine föderale Lösung ablehnen. Die Europawahlkandidatin und bekannte Ultranationalistin Eleni Stavrou von der im Süden regierenden konservativen Disy-Partei warf ihm vor, eine Marionette Ankaras zu sein. Staatspräsident Nikos Anastasiadis erklärte, Akel versuche mit der Kandidatur „geborgte Stimmen“ türkischer Zyprioten zu gewinnen. Im Norden wurde Kizilyürek beschimpft als „Verräter, der die Interessen der Republik Zypern vertritt“.

Der Kandidat versteht die Angriffe als Bestätigung. „Ich will für alle Zyprer sprechen!“, verspricht er seinen Zuhörern. Es hat viel mit ihm zu tun, wenn die türkischen Zyprioten nach Jahren lähmender Stagnation vermutlich erstmals in nennenswerter Zahl an den Europawahlen teilnehmen. Rund 81.000 Bürger aus der nur von der Türkei anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“ wurden in die Wählerlisten eingetragen; zusätzlich zu 560.000 Stimmberechtigten im griechischen Süden. Zwei der sechs Sitze Zyperns in Straßburg sind theoretisch für die türkischen Zyprer reserviert, die rund ein Fünftel der Inselbevölkerung von 1,3 Millionen ausmachen. Praktisch schaffte es noch nie ein Zyperntürke ins EU-Parlament, was auch der geringen Wahlbeteiligung im Norden geschuldet war. An der letzten Europawahl beteiligten sich weniger als 2000 türkische Zyprioten.

„Aber die Atmosphäre hat sich fundamental verändert“, sagt der türkisch-zypriotische Politikanalyst Mete Hatay vom norwegischen Friedensforschungsinstitut Prio in Nikosia. „Die Leute im Norden besinnen sich auf ihre europäische Identität. Wir können sicher sein, dass diesmal weit mehr Zyperntürken zur Wahl gehen werden.“ Für sie verbinde sich mit Kizilyürek vor allem die Hoffnung, Bewegung in die erstarrte Zypernfrage zu bringen und die Abhängigkeit von Ankara zu vermindern. Sein einziges Handicap sei seine Kandidatur für Akel, sagt Hatay, denn kein türkischer Zyprer habe vergessen, dass die griechische Partei beim UN-Referendum von 2004 gegen die Wiedervereinigung eintrat. Damals stimmten zwei Drittel der Inseltürken für einen gemeinsamen Staat, drei Viertel der Inselgriechen dagegen. Andererseits hat nur Akel die Bedeutung zehntausender potentieller Wähler aus dem türkischen Norden erkannt und sich für sie stark gemacht.

Türkische Zyprioten wollen sich in Europa bemerkbar machen

Der türkisch-zyprische Kandidat Niyazi Kizilyürek zeigt den Wahlzettel.

Nach Jahrzehnten der Unsichtbarkeit wollten die türkischen Zyprioten sich endlich in Europa bemerkbar machen, sagt auch der Journalist Sener Levent von der nordzypriotischen Zeitung Afrika in seinem mit Akten, Büchern und Zeitungsstapeln vollgestopften Büro direkt gegenüber dem nordzyprischen Parlamentsgebäude in Nikosia. Der 71-Jährige ist als scharfer Kritiker des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan bekannt, den er vor einigen Monaten als „islamisch-faschistischen Diktator“ bezeichnete. Levent kandidiert bereits zum wiederholten Mal für das EU-Parlament mit einer rein türkisch-zyprischen Liste. Der radikale Linke ist kein Föderalist wie Kizilyürek, sondern ein kompromissloser Anhänger der zyprischen Einheit und Unabhängigkeit. Mit seiner „Jasmin-Bewegung“ hat er zwar kaum eine Chance auf einen Sitz im EU-Parlament, doch allein die Tatsache, dass er und mit ihm fünf andere türkische Zyprioten als Kandidaten antreten, ist ein weiteres Bekenntnis zu Europa.

Das beispiellos große Interesse der türkischen Zyprer gibt aber auch Anlass zur Sorge. Die Hauptferiensaison hat begonnen. An den drei wichtigsten Übergängen entlang der „Grüne Linie“ genannten UN-Pufferzone zwischen Süden und Norden bilden sich jetzt bereits lange Schlangen von Touristen. Falls eine Seite es darauf anlegen sollte, die Abstimmung zu behindern, würde es ausreichen, nicht genügend Grenzpersonal einzusetzen. „Was, wenn 40.000 oder auch 20.000 türkische Zyprioten wählen wollen?“, fragt Sener Levent. . „Wie viele Stunden und Tage wird es dauern, bis sie die Checkpoints passiert haben?“. Doch nach Informationen Niyazi Kizilyüreks, der im Wahlkampf mehrmals wöchentlich die trennende Demarkationslinie überquert, sind beide Seiten darauf vorbereitet, ihre Kontrolleure aufstocken.

Der Kandidat wurde 1959 in einem von Griechen und Türken gemeinsam bewohnten Dorf in der Nähe der südzyprischen Hafenstadt Larnaka geboren. Seine Familie wurde mehrfach vertrieben und gelangte schließlich in ein Dorf im türkisch besetzten Norden. Nach dem Gymnasium 1977 ging der junge Mann nach Bremen, um dort Soziologie zu studieren. Die Zeit in Deutschland habe ihn wesentlich geprägt, sagt er. „Dort lernte ich das kritische Denken.“ Auch die deutsche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beeindruckte ihn tief. „Ich begriff, dass auch wir auf unserer kleinen Insel einen ähnlichen Prozess durchlaufen müssen und habe das in meinem ersten Buch über die Zypernfrage 1983 gefordert.“

Von Versöhnung und Vergangenheitsbewältigung wollten die intellektuellenfeindlichen Machthaber im türkischen Norden jedoch nichts wissen. Als Kizilyürek in weiteren Büchern an seiner Haltung festhielt und 1993 mit einem Athener Co-Autor den ersten bikommunalen Film über die Zypernfrage mit dem Titel „Unsere Mauer“ für das deutsche ZDF drehte, erklärte ihn das Regime zur „persona non grata“. „Beim Mauerfall war ich in Berlin und dachte: Dasselbe bräuchten wir auch in Zypern“, erzählt Kizilyürek. „So wurde die Mauer zum Leitmotiv unseres Films.“

Kandidatur als Experiment

Damals entschied er sich, im Inselsüden zu leben und sich auf eine Stelle an der staatlichen Universität zu bewerben. Aber er hatte den zyperngriechischen Nationalismus unterschätzt. „Sie protestierten gegen meine Berufung, sie bedrohten mich.“ Kizilyürek ließ sich nicht beirren – er bekam die Stelle und blieb. Zwar stießen sich die Nationalisten im Süden wie im Norden der „Grünen Linie“ an dem Friedensaktivisten und Menschenrechtler, der sich selbst als „linksorientierten Freidenker ohne Parteiangehörigkeit“ bezeichnet. Doch er wurde – gesamtzyprisch - zu einer intellektuellen Instanz. Die Präsidenten beider Seiten engagierten ihn in den vergangenen Jahren als politischen Berater für geopolitische Fragen.

Als ihm die Akel-Führung im Januar vorschlug, für sie bei der Europawahl anzutreten, musste er nicht lange überlegen. Er betrachtet seine Kandidatur als ein Experiment, um die eingefrorenen Verhältnisse in Zypern aufzutauen, wenigstens ein bisschen. „Ich dachte, einer muss die Grenzen und Denkverbote doch durchbrechen.“ So wurde er zum Hoffnungsträger.

Im Europaparlament will er seine Reden auf Türkisch halten und eine Lanze für das Türkische als 25. EU-Amtssprache brechen. Das wurde beim EU-Beitritt Zypern schon diskutiert und damals aus Kostengründen verschoben, wäre aber das gute Recht der türkischen Zyprioten. Doch Kizilyürek will noch mehr. „Auf Zypern möchte ich die Zweisprachigkeit voranbringen, könnte mir einen gemeinsamen Fernsehsender wie Arte vorstellen und will mich gegen den Nationalismus engagieren.“

Für Kizilyürek ist das geeinte Europa kein Hemmnis, sondern der Schlüssel, um den politischen Stillstand zu überwinden, den er dem politischen Establishment beider Inselhälften ankreidet. „Die Eliten sind gescheitert. Ich glaube, die einfachen Menschen sind bereit, viel weiter zu gehen, als die Politiker annehmen. Denn die Leute wissen: Solange wir nicht dauerhaft Frieden schließen, sind wir niemals sicher.“. Das sind Töne, die man von Politikern in Zypern nur selten hört. „Das Leben im Norden ist so abnormal wie damals in West-Berlin. Aber die Mauer in Nikosia wird genauso fallen wie die Mauer in Berlin, davon bin ich fest überzeugt“, sagt Kizilyürek.

Sein leidenschaftliches Plädoyer trifft den Nerv der Zuhörer in Nord-Nikosia. „Ich werde ihn wählen“, sagt die türkisch-zyprische Anwältin Erten Inye. „Wir türkischen Zyprioten fühlen uns diskriminiert und zurückgesetzt. Es wird Zeit, etwas Neues zu versuchen.“ Bei der letzten Europawahl hätten aus ihrer Familie und dem Bekanntenkreis nur sie und ihr Ehemann abgestimmt, diesmal würden ihre Tochter und zahlreiche Freunde mitkommen. „Wir werden dreimal so viele sein, wir werden Europa diesmal zeigen, dass es uns gibt und dass wir ein vereintes Zypern wollen.“

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