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Der Iran schürt Hass: Ein Student tritt Israels Fahne mit Füßen, ehe er sie verbrennt.

Antisemitismus

Was Europas Juden beunruhigt

70 Jahre nach der Reichspogromnacht sieht der Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses beklommen in die Zukunft. Von Wjatscheslaw Moshe Kantor

Von WJATSCHESLAW MOSHE KANTOR

Vor 70 Jahren brannten in Deutschland die Synagogen. Der deutsche Staat hatte dem jüdischen Teil seiner Bevölkerung nicht nur den Schutz entzogen, er machte sich selbst zum Anführer derjenigen, die den jüdischen Mitbürgern nach ihrer Ehre, nach ihrem Eigentum und sogar nach dem Leben trachteten.

Die sogenannte Reichskristallnacht markiert bis heute das Versagen der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen, und sie war der für alle sichtbare Auftakt zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte, dem Holocaust.

Im kollektiven jüdischen Gedächtnis ist das Wissen um die Vorgeschichte des Holocaust tief eingeprägt, und die jahrhundertlange Geschichte unserer Verfolgung hat uns Juden sehr sensibel gemacht für die ersten Anzeichen von gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.

Wir sind schnell beunruhigt, weil wir die Erfahrung gemacht haben, dass Juden meist die Ersten sind, die darunter zu leiden haben. Zu den beunruhigenden Aspekten gehört insbesondere die schleichende Erosion von Toleranz und gegenseitigem Respekt zwischen gesellschaftlichen Gruppen, was oft als ein Vorbote von Sittenverfall und Barbarei zu konstatieren ist.

Auch in der heutigen Zeit sind viele Juden beunruhigt. Es beunruhigt uns, wenn in Deutschland die Zahl antisemitischer Straftaten steigt. Vor dem Hintergrund ihrer jüngeren Geschichte müssen sich die Deutschen die Frage gefallen lassen, warum es 63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs noch, oder vielmehr: schon wieder, weit verbreitete Ressentiments und gar Gewalttaten gegen Juden gibt.

Und es beunruhigt, wenn wir in diesen Tagen erleben müssen, wie ein wichtiges Problem im Gezänk der Parteipolitik untergeht und die gemeinsame Basis für eine überparteiliche Erklärung zur wirkungsvollen Bekämpfung des Antisemitismus selbst ein Problem ist. Die Berufung eines Beauftragten des Bundestages gegen den Antisemitismus in Deutschland wäre ein wichtiges Zeichen zum 70. Jahrestag des 9. November 1938 gewesen, nicht nur als symbolischer Akt, sondern auch, um den verantwortlichen Politikern immer wieder verdeutlichen zu können, wo Handlungsbedarf besteht.

Uns Juden beunruhigen auch viele Zustände, Ereignisse und Entwicklungen in anderen europäischen Ländern, zum Beispiel das erschreckende Unwissen über den Holocaust. Diese Unwissenheit ist der Nährboden, auf dem Intoleranz und Aggression gedeihen. Vor allem in osteuropäischen Ländern darf chauvinistisches und rassistisches Gedankengut neuerdings wieder ungehindert von der Staatsmacht - und manchmal sogar unter ihrem Schutz, wie jüngst in Litauen - in Aufmärschen und Versammlungen öffentlich propagiert werden. In Budapest marschieren seit neuestem wieder paramilitärische Garden in Uniform auf, deren Symbole absichtlich denen des faschistischen Pfeilkreuzler-Regimes während des Zweiten Weltkriegs ähneln und denen Juden, Sinti und Roma, Ausländer und andere Minderheiten ein Dorn im Auge sind.

Und wir erleben diese Intoleranz und Aggression genauso bei einem aufkommenden neuen Antisemitismus islamischer Herkunft in Europa. Oft werden Gewalttaten gegen Juden in Europa als Einzelereignisse abgetan, die vorgeblich nationale Angelegenheiten sind. Das ist ein Trugschluss. Natürlich bedarf es in jedem Land besonderer Maßnahmen, denn jedes Land hat seine eigene Traditionen und Gesetze. Aber Antisemitismus und Intoleranz machen längst nicht mehr vor nationalen Grenzen halt.

Insbesondere im Internet erleben wir die geballte Widerlichkeit der neuen und alten Antisemiten tagtäglich und weltweit. Online-Anbieter verdienen sich eine goldene Hand mit dem Verkauf von Hitler-T-Shirts und Nachdrucken von "Mein Kampf". Auf Internetseiten wird permanent Hass gesät und zu Mord und Zerstörung aufgerufen. Antisemitismus und Intoleranz lässt sich deshalb nur mit vereinter Stärke, internationaler Zusammenarbeit und planmäßigem Vorgehen entgegentreten. Die Schaffung eines nationalen Beauftragten ist nicht nur für Deutschland ein wichtiges Instrument, auch die EU sollte sich überlegen, eine solche Position zu schaffen.

Vom Staat ignorierte oder stillschweigend geduldete Intoleranz ist schlimm genug. Noch schlimmer aber ist staatlich geförderte Intoleranz. Aufs Äußerste beunruhigt uns Juden, dass derzeit eine neue Welle des weltweiten Antisemitismus mit dem Iran wieder einen staatlichen Taktgeber, Förderer und auch Finanzier bekommen hat.

Es seien wieder die Juden, die für alles Unheil der Welt verantwortlich sind, hat der iranische Präsident sogar vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen erklärt.

Heerscharen perspektivloser junger Muslime in vielen Ländern werden mit solchen Hassparolen mobilisiert. Die Vernichtung Israels ist zudem das mehrfach öffentlich erklärte Ziel des iranischen Präsidenten.

Welcher Jude denkt da nicht an den November 1938 und seine Folgen? Und gleichzeitig strebt der Iran auch noch den Besitz von Atomwaffen an. Unabhängig von der Frage, ob eine solche Waffe jemals eingesetzt werden würde, genügt alleine das Drohpotenzial, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Ähnlich dem Hitler-Reich könnte der Atom-Staat Iran eine Korona der Unmenschlichkeit um sich verbreiten und den Antisemitismus in eine neue Dimension erheben.

Deshalb muss der Intoleranz und der Aggression des Regimes in Teheran Einhalt geboten werden. Wenn jahrelange diplomatische Bemühungen offensichtlich ständig unterlaufen werden und der einzige Zweck Zeitgewinn scheint, dann müssen härtere Sanktionen folgen.

Wer mit dem Iran, ohne mit der Wimper zu zucken, Handel treibt, verharmlost die Gefahr, die von diesem Staat ausgeht. Wer die Drohungen des iranischen Präsidenten gegen Israel als bloße Rhetorik abtut, der übersieht bewusst oder unbewusst die verheerende Wirkung dieser Aggression. Antisemitismus wird in großem Stil wieder zum Mittel staatlicher Interessenspolitik. Und wer die Finanzierung des Hisbollah-Terrorismus gegen Israel durch den Iran als nationales Problem des kleinen jüdischen Staates einordnet, der verkennt die Bösartigkeit dieser Strategie.

Erinnern wir uns: Was 1938 von den europäischen Regierungen als innerdeutsches Problem erachtet wurde, war schon Monate später ein weltweites.

Die zahlreichen Beschwichtiger und Abwiegler sollten daran denken: Wir Juden sind zwar meist die Ersten, die ins Fadenkreuz geraten. Aber fast nie die Einzigen.

Weil wir Juden auf eine leidvolle Geschichte zurückblicken, sind wir heutzutage ebenso beunruhigt, wenn andernorts auf der Welt Rassismus, Chauvinismus Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz Raum greifen.

Deshalb habe ich gemeinsam mit dem früheren polnischen Präsidenten Aleksander Kwasniewski den Europäischen Rat für Toleranz und Verständigung (ECTR) ins Leben gerufen. Ich freue mich, dass aus Deutschland Rita Süssmuth diesem Gremium angehört. Wir wollen die Aufklärung fördern, denn sie ist die Basis für Verständnis und Respekt. Ich weiß, dass die Schaffung von Toleranz keine einfache Aufgabe ist. Es gibt kein Patentrezept und keine Pille, die man abends einnimmt, um am nächsten Morgen ein besserer Mensch zu sein.

Toleranz zu lernen ist ein mühevoller und langwieriger Prozess. Schnelle und publikumsträchtige Erfolge sind dabei nicht zu erzielen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Diskrepanz zwischen den Sonntagsreden und der praktischen Politik für uns Juden immer wider enttäuschend ist.

Nach dem Gedenken an die Opfer der Reichspogromnacht am kommenden Sonntag haben wir für den darauf folgenden Montag im Europaparlament in Brüssel eine besondere Veranstaltung organisiert, die den Weg nach vorne weisen soll und die sich der Förderung von Toleranz und Verständigung in ganz Europa widmet.

Es beruhigt uns zu sehen, dass sich so viele verantwortliche Politiker eindeutig zu diesem Ziel bekennen und sie gemeinsam mit uns an einer toleranteren Welt arbeiten wollen.

Vielleicht werden dann eines Tages die Geschehnisse des 9. November 1938 als ein lange überwundenes Phänomen in die Geschichte eingehen. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.

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