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Drei von fünf Veteranen, die 75 Jahre später wieder nach Bastogne gekommen sind.

Gedenken

Europas Einheit bewahren

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Bei der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Ardennen-Offensive zeigt sich Bundespräsident Steinmeier demütig und dankt den Alliierten .

Am Ende der Gedenkfeier schneit es in dem gewaltigen Denkmal oberhalb der belgischen Stadt Bastogne, das an die Toten erinnert. Es sind kleine Seifenblasen, die durch die Luft wirbeln und auf Mäntel und Mützen fallen. Sie sollen Schnee imitieren. Doch auf Malcolm Marsh wirken sie in diesem Moment wahrscheinlich wie richtiger Schnee. Sie erinnern ihn an die Stürme kurz vor Weihnachten 1944, als er – gerade 21 Jahre alt – in einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs kämpfen musste. 75 Jahre ist das her.

Am Montag Mittag blickt der 96 Jahre alte Marsh in den vernebelten Himmel über Bastogne, hält kurz inne und sagt im schleifenden Englisch eines US-Südstaatlers: „Ich bin froh, dass ich heute kein Schützenloch graben muss.“ Ein paar Meter entfernt sitzt der deutsche Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und hört dem Veteranen der US-Armee zu.

Die Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Ardennenoffensive ist für Steinmeier eine Premiere. Zum ersten Mal nimmt der höchste Repräsentant der Bundesrepublik hier teil. Steinmeier sagt: „Ich weiß, es ist nicht selbstverständlich, dass ich hier spreche. Hier in Bastogne. Hier in Belgien, das Deutsche zweimal im vergangenen Jahrhundert überfielen.“ Doch die Gedenkkultur hat sich verändert. Sie ist inzwischen europäisch.

Die Ardennenoffensive war Hitlers letzter Versuch, die Alliierten auf ihrem Weg zur deutschen Grenze zu stoppen. Der deutsch-britische Autor Sebastian Haffner nannte sie ein „militärisches Wahnsinnsunternehmen“. Der Krieg war längst verloren. Das wussten alle, die es wahrhaben wollten.

Gleichwohl gab Hitler am 16. Dezember 1944 den Befehl zum Angriff. Die Wehrmacht sollte nach Antwerpen vorstoßen, den Nachschub der westlichen Alliierten stoppen und sie zu Verhandlungen zwingen. Doch die Offensive kam an der Maas zum Stillstand, weil den Deutschen der Sprit ausging.

Dennoch dauerten die Kämpfe in den verschneiten Ardennen sechs Wochen. Am Ende waren fast 170 000 Menschen tot, vermisst, verwundet oder gefangen. Auf Seiten der US-Armee wurden 20 000 Soldaten getötet, bei den Deutschen waren es mehr als 12 000 Tote. 3000 Zivilisten in Belgien und Luxemburg starben.

Steinmeier spricht bei der Gedenkfeier nach dem belgischen König Philippe. Der sagt, Belgien werde den USA auf immer dankbar sein für die Befreiung von der Nazi-Besatzung. „Es gibt Zeiten, in denen wir Nein sagen müssen“, erklärt der Monarch: „Nein zu dem extrem Bösen, das eine hasserfüllte Ideologie hervorbringt. Das haben wir gemeinsam vor 75 Jahren getan.“

Diesen Gedanken greift Steinmeier in seiner kurzen Rede auf. „Mit Trauer verneige ich mich vor den Toten aller Nationen. Diese Toten waren Opfer von Hass, Verblendung und Zerstörungswut, die von meinem Lande ausgegangen waren.“

Glücklicherweise sei es heute anders, sagt Steinmeier: „Belgien hat uns seine Bereitschaft zur Versöhnung geschenkt. Sie haben uns den Weg geöffnet in ein friedliches Europa. Dafür sind wir Deutschen zutiefst dankbar.“

Auch die Rolle der USA im Zweiten Weltkrieg sei äußerst wichtig gewesen. Die US-Streitkräfte „haben auch Deutschland befreit“, sagt Steinmeier: „Dafür danken wir Ihnen, den Veteranen, die ihr Leben eingesetzt haben.“ Diesem Amerika, „das trotz Krieg und Shoah den demokratischen Neubeginn Deutschlands begleitet und unterstützt hat, sind und bleiben wir tief verbunden“.

Fünf Veteranen sind an diesem Montag nach Bastogne gekommen, zwei von ihnen zum ersten Mal wieder nach 75 Jahren. Alle sind in ihren Neunzigern und werden von jungen belgischen Soldaten gestützt, als sie am US-Denkmal Blumen ablegen.

Steinmeier sagt: „Ein geeintes, friedliches Europa – das ist die Lehre, die wir Europäer aus übersteigertem Nationalismus und Rassismus, aus dem Vernichtungskrieg gezogen haben. Bitte lasst uns das nicht vergessen. Gerade in dieser Zeit, in der Nationalismus und völkisches Denken wieder an Verführungskraft gewinnen.“

Für Deutschland, das den letzten großen Krieg in Europa entfesselt habe, sei das eine bleibende Verantwortung: „Ihnen allen, Belgiern, Luxemburgern, Polen, Amerikanern, Kanadiern, Briten, Franzosen und Niederländern, will ich als deutscher Bundespräsident sagen: Wir Deutsche wissen um unsere Verantwortung. Wir stehen zu dieser Verantwortung, und wir tragen sie weiter.“

Es ist an US-Veteran Marsh, das feierliche Gedenken mit den Erinnerungen eines Zeitzeugen zu verbinden. Mit brechender Stimme erzählt der Greis, wie ihm damals, als er im Schneesturm in den Ardennen Wache stehe musste, eine Unbekannte Hühnersuppe brachte. „Das war sehr fürsorglich von ihr“, sagt Marsh. Dann beginnt der Schneesturm aus Seifenblasen.

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