_MG_4675_211020
+
Schwarzkopf (l.), Fehl und Freund auf dem Podium (Giegold war zugeschaltet).

US-Wahl

Europa nach Trump und ohne Biden

  • Peter Rutkowski
    vonPeter Rutkowski
    schließen

Das FR-Podium in Frankfurts Haus am Dom diskutiert „die Qual der US-Wahl“.

Ob EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Montagabend auf Youtube zu-guckte, als die Frankfurter Rundschau, die Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (HSFK) und die Katholische Akademie Rabanus Maurus die US-Wahlen am 3. November zum Diskussionsthema machten?

Die Frage kommt nicht von ungefähr, denn auf dem Podium im Haus am Dom in Frankfurt formierte sich quasi von der Leyens geopolitischer US-Thinktank. Wenn sie das also verpasst haben sollte, dann wäre sie nicht schlecht beraten, es sich noch nachträglich anzuschauen.

Die Qualität von Diskussionen wird generell danach berechnet, wie kontrovers sie geführt wurden. Das stimmt, wenn man den ständigen Kontrollverlust von Polit-Talkshows im TV als Maßstab annimmt. Das stimmt nicht, wenn man von einer Diskussion etwas lernen will. Am Montagabend konnte man eine ungeheure Menge lernen. Was zuallererst an dem feinsinnig ausgesuchten Podium aus HSFK-Expertin Caroline Fehl, Ralph Freund von der US-republikanischen Auslandsorganisation „Republicans Abroad“ und EU-Parlamentarier Sven Giegold von den Grünen lag.

Das Trio entwarf – durchaus auch kontrovers – unter der souverän-lockeren Moderation von FR-Meinungs-Ressortchef Andreas Schwarzkopf eine so klare wie attraktive Strategie für Europa in Bezug auf die USA. Eine, die gilt, ganz gleich wer demnächst das Weiße Haus okkupieren sollte.

Kurz gefasst: mehr Europa, weniger großer Bruder USA. Oder länger: Europa - nicht allein die EU, aber die zuvorderst – muss die Lücken füllen, die Trumps diverse Rückzüge aus der multilateralen Weltpolitik gelassen haben. Denn selbst die Rückkehr der USA unter einem Präsidenten Joe Biden auf eine durch internationale Verträge geordnete Weltbühne würde nicht jede Lücke schließen. Das – auch da eloquente Einigkeit beim Trio – liegt vornehmlich an den Eigeninteressen der USA. Am 3. November entscheiden weder die Verhältnisse in der Nato noch der Klimaschaden durch die US-Industrie, sondern allein die innere Zerrissenheit des Landes, das eklatante soziale Gefälle, die himmelschreiende Ungerechtigkeit und Unterdrückung.

Dank globaler Vernetzung sind diese innenpolitischen Themen auch für die Welt relevant; beste Beispiele sind #MeToo und Black Lives Matter. Aber Europa müsse, so Fehl, Freund und Giegold, seine eigenen Wege suchen und gehen. Oder wie Freund es als Slogan formulierte: „Deutschland muss erwachsener werden.“ Und nicht nur Deutschland.

Europa biete nämlich selbst eingedenk seiner vielen historischen Verfehlungen weltweit die besseren rechtsstaatlichen und ökonomischen Alternativen zu den sanierungsbedürftigen USA und dem immer aggressiver Weltgeltung anstrebenden China.

In Asien treffen sich dann im Übrigen ein neues Europa und eine etwaige klügere USA. Denn Bidens Ex-Boss und Trump-Vorgänger Barack Obama erkannte als erster die Gefahr, die von der Volksrepublik ausgeht und versuchte der multilateral vorzubauen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare