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„Der scheinbar übermächtige Gegner fällt um.“

Europa und der Brexit

Drachentöter, Schienbeinschoner

Tottenham gegen Liverpool, Chelsea gegen Arsenal: In den Endspielen der europäischen Vereinswettbewerbe stehen nur englische Teams. Wo bleibt da der Brexit?

Es ist zum Haareraufen. Hat man dies früher von sich gegeben, kam sofort die Frage: Was denn? Heute weiß jeder, wovon die Rede ist: Nationalismus, Brexit, die Champions League. Und weil das eine mit dem anderen und das andere mit dem einen zu tun hat, werden wir bald in einer Republik der Kahlköpfigen leben (mit einer kleinen Oberschicht von Toupetträgern).

Für einen Fußballfan war die kurze Woche vom 7.-9. Mai turbulente Ekstase mit untröstlichem Ausgang. Die vielleicht aufregendste Kickerwoche in der Geschichte. Einerseits der ultimative Beweis, dass Klubwettkämpfe den Turnieren der Nationalmannschaften qualitativ und dramaturgisch überlegen sind. Andererseits stehen sich letztlich vier englische Mannschaften in zwei Finals gegenüber, die alles andere als „englisch“ sind.

Nein, ich meine nicht die Spieler, die aus aller Herren Ländern stammen, nur die wenigsten von der Insel selbst (nicht wenige von ihnen sogar aus einem Land der EU). Ich meine die Eigentumsverhältnisse, die repräsentativ sind für die Vermögenskonzentration im globalisierten Kapitalismus.

Liverpool gehört einem Investmentmanager aus den USA, Tottenham Hotspurs einem britischen Investor, der auf den Bahamas lebt (wegen sonniger Steuern), Chelsea dem russisch-israelischen Raubritter Roman Abramowitsch und Arsenal gar einer ozeanüberschreitenden Händewaschanlage: dem amerikanischen Tycoon Stan Kroenke und dem usbekisch-russischen Magnaten Alisher Usmanow. 

Und da Manchester City die Premier League gewonnen hat (Eigentümer: Scheich Mansour bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi), kann man mit Fug und Recht behaupten, dass das Motto des Sports nicht mehr lautet „The Winner Takes It All“ , sondern „Hinspiel, Rückspiel, Oligarchie“. Im Finale der Uefa-Europa League treten die Mannschaften zweier Männer gegeneinander an, die in den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts an der größten Piratisierung, pardon Privatisierung, der Menschheitsgeschichte beteiligt waren (im Vergleich dazu bringt selbst der größte Bankraub Peanuts ein), weswegen sowohl Abramowitsch als auch Usmanow zu den zehn reichsten Inselbewohnern gemäß der jüngst publizierten Liste der „Sunday Times“ gehören (Tatort war einst Russland, Partyort heute ist England).

Zudem sind drei der vier Klubs in London beheimatet, einer urbanen Oase für Millionäre und Milliardäre, wo die Wohnungspreise wegen der vielen internationalen Käufer so sehr angestiegen sind, dass Normalverdienende von Wales aus zu ihren Jobs in der Hauptstadt pendeln müssen (nur leicht übertrieben). Die Fußballergebnisse sind somit so ungerecht wie die eklatanten sozialen Missstände, die von den populistischen Anti-EU-Bewegungen instrumentalisiert werden.

Wer gehört zu wem? Was hält in Deutschland, in Europa die Gesellschaft zusammen? Was lässt sich tun, um Spaltungen zu überwinden? Fragen, die sich in diesem Jahr mit besonderer Dringlichkeit stellen: Das Grundgesetz wurde am 8. Mai 70 Jahre alt, am 23. Mai 1949 trat es in Kraft. Ende des Monats wählen Europas Bürgerinnen und Bürger ein neues Parlament und im November feiert Deutschland den 30. Jahrestag des Mauerfalls. Mit all dem befasst sich unsere Serie „Du gehörst zu mir“ seit dem 4. Mai.

Europa steht von heute an im Mittelpunkt. Und weil es um Einheit oder Zerfall, Zusammenhalt oder Spaltung geht, haben wir das im Bild eingefangen. Den Anfang macht der Schriftsteller Ilija Trojanow. Er nimmt die Endspiele von Champions League und Europa League zum Anlass, Parallelen zwischen Brexit und Fußball aufzuspüren.

Ein Teil der erfolgreichen Brexit-Propaganda rekurrierte auf den Mythos von St. George, dem Drachentöter. Nicht auf Robin Hood, dem Kämpfer für Gerechtigkeit, sondern auf einen mythischen Helden, der mit einem einzigen Lanzenstich den Dämonen besiegt. Im Boxen nennt man dies einen „Lucky Punch“. Es macht Bums und der scheinbar übermächtige Gegner fällt um. Die einfachste Lösung aller Probleme. Ein Allschlagmittel.

Ilija Trojanow ist Schriftsteller, Übersetzer und Verleger. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören Titel wie „Nach der Flucht“ oder „Meine Olympiade“. Zuletzt erschienen „Hilfe? Hilfe!“ (mit Thomas Gebauer) und „Gebrauchsanweisung fürs Reisen“.

Würde man die Symbolik ernst nehmen und auf die tatsächlichen Realitäten beziehen, müsste man die sympathisch jungen, kreativ aufspielenden Mannschaften von Ajax und der Eintracht als St. George darstellen, nur dass es ihnen (herzzerreißend) nicht gelungen ist, den Drachen des Megakapitals zu erlegen. In beiden Fällen hält übrigens ein mitgliederstarker Verein die mehrheitlichen Anteile an einer Aktiengesellschaft, insofern sind diese Underdogs wirtschaftlich erheblich demokratischer aufgestellt. Aber die Spiele waren wenigstens denkbar knapp, der Ausgang bis zur letzten Minute offen, während der Brexit nicht einmal ansatzweise die Sorgen und Nöte und Frustrationen der Abgehängten und Marginalisierten lindern wird, die in großer Zahl für ihn gestimmt haben.

Im Gegenteil. Wenn man das legale Unrecht auf dem Immobilienmarkt und am Finanzstandort London zum Maßstab nimmt, werden die Kapitalgewinnler weiterhin unbegrenzt raffen und horten können und Wettbewerbsverzerrung das Spielprinzip einer ganzen Gesellschaft bleiben. Jeremy Corbin hat insofern recht, wenn er behauptet, die entscheidende Frage sei, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, nicht die billige Dichotomie zwischen „Remain“ und „Leave“. Aber leider wird er mit dieser Differenzierung ins Visionäre nicht reüssieren, weil die auf einmal notwendige Europawahl in England zu neuerlichen Verkürzungen und Verengungen der öffentlichen Rhetorik führt.

Nigel Farange, ein Wolf im Schafspelz auf populistisch, ergo ein Wasserträger der Eliten, der sich als Mann des Volkes ausgibt, hat eine Partei gegründet, die aus einem einzigen Programmpunkt besteht: Raus aus der EU ohne Vertrag. Früher hieß dies „Abschied auf französisch“ (die Redewendung wird sich anpassen müssen). Das Logo der Partei: ein dicker Pfeil, der nach rechts zeigt (geht es klarer?). Der Name der Partei, wer hätte es erraten: BREXIT PARTY. Und siehe da, diese Retorten-Partei führt in den jüngsten Umfragen. Sie wird sich also, um zum Fußball zurückzukehren, für die europäische Liga qualifizieren, nur um ihre Teilnahme abzusagen. Anders formuliert: Es wird sich herausstellen, dass der Nachruf den Tod verursacht hat.

In diesem Sinne würde ein wahrer, ehrlicher, logischer Brexit – übertragen auf den Fußball – bedeuten, dass wir in Zukunft zwei europäische Ligen einrichten, eine „Oligarchs League“ und eine Europäische Vereinsliga. Der Anfang ist dieses Jahr gemacht. Ich werde beides ignorieren, sowohl die Europawahl-Ergebnisse aus Großbritannien wie auch die beiden Finalmatches. Denn was kümmert es mich, ob Abramowitsch oder Usmanow gewinnt? Meine englischen Freunde erfreuen sich eher am AFC Wimbledon (ein Klub, der in 13 Jahren sechsmal aufgestiegen ist!) oder am Oxford United Football Club. Und ich habe die Eintracht diese Saison richtig lieb gewonnen.

Autor: Ilija Trojanow

https://trojanow.de

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