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Bis zu 200 Euro kostet ein vorgeburtlicher Bluttest auf Trisomien.

Fruchtwasseruntersuchung

Bundestag streitet über Kassenzulassung von Bluttests auf Trisomien

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Der Bundestag debattiert kontrovers über die Kassenzulassung von Bluttests auf Trisomien.

Normalerweise entscheiden Ärzte, Kassen und Kliniken in der sogenannten Selbstverwaltung allein darüber, was von der Krankenversicherung bezahlt wird. Das gilt auch für die Frage, ob Kassen künftig vorgeburtliche Bluttests bei Schwangeren regelmäßig finanzieren oder nicht. Mit Hilfe solcher Tests, die bis zu 200 Euro kosten, können Mediziner auch feststellen, ob das Kind eine Trisomie 21 hat, besser bekannt als Down-Syndrom. Die riskante Fruchtwasseruntersuchung wird von den Kassen immer übernommen.

Gleichwohl ließ es sich das Parlament nicht nehmen, das Thema ausführlich zu debattieren. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) stoppte die auf jeweils drei Minuten begrenzten 36 Reden teils rüde und drehte manchen Rednern gar das Mikrofon ab. Die Debatte war ebenso kontrovers wie sachlich.

Auf der einen Seite fanden sich jene, die auf den Gerechtigkeitsaspekt verwiesen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte, jenen den Test vorzuenthalten, die nicht das Geld hätten, um ihn zu bezahlen, „wäre unethisch“. Christine Aschenberg-Dugnus von der FDP betonte, es existiere in gleichem Maße ein Recht auf Wissen wie auf Nichtwissen. Dabei dürfe die finanzielle Lage nicht den Ausschlag geben. Die Linke Cornelia Möhring stellte fest: „Eine Untersuchung ohne Risiko ist deutlich besser als eine Untersuchung mit Risiko.“

Die freidemokratische Abgeordnete Katrin Helling-Plahr berichtete von ihren eigenen risikobehafteten Schwangerschaften und dass sie deshalb einschlägige Tests habe machen lassen. Helling-Plahr forderte, sie umgehend zur Kassenleistung zu erklären, so könnten die Eltern sich besser auf die Zukunft einstellen. Die Befürworter der Finanzierung derartiger Tests fanden sich also in unterschiedlichen Fraktionen.

Gleiches galt für die Riege der Gegner. Die Grüne Corinna Rüffer warnte, die Tests blieben nicht folgenlos. Denn die allermeisten Föten mit Trisomie 21 würden abgetrieben. Und Tests auf andere Beeinträchtigungen stünden vor der Zulassung. Rüffer beklagte, dass die Debatte „weitgehend über die Köpfe der Betroffenen hinweg geführt“ werde und die Gesellschaft im Umgang mit Behinderungen „noch immer außerordentlich ungeübt“ sei. Stephan Pilsinger (CDU), Arzt, sagte, er „befürchte einen Schritt in eine eugenische Gesellschaft“, also eine Gesellschaft, in der Kranke und Behinderte aussortiert werden. „Das müssen wir verhindern.“

Ähnlich argumentierte Volker Münz von der AfD, indem er sagte: „Die Büchse der Pandora wird geöffnet. Wehret den Anfängen!“ Er mahnte, die Erwartung der Gesellschaft, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen, werde mit dem Zuwachs medizinischer Möglichkeiten steigen. Dem müsse man „eine Willkommenskultur für alle Kinder“ entgegensetzen. Später warf René Röspel (SPD) der AfD „Scheinheiligkeit“ vor. Denn bei anderen Gelegenheiten ziehe die Partei gegen Inklusion zu Felde.

In einem Punkt aber waren sich alle im Bundestag einig: Je besser die Integration des Handicaps in das Leben gelingt, desto wirkungsvoller kann sein Aussortieren durch Pränataldiagnostik verhindert werden. Matthias Bartke (SPD) berichtete von einem Kind mit Down-Syndrom, das er gesehen hatte. Auf dessen T-Shirt stand: „Wie schön, dass es mich gibt!“

Pränataldiagnostik

Mit dem Bluttest lässt sich über eine molekulargenetische Untersuchung des Blutes der Schwangeren das Risiko einer Trisomie 13, 18 oder 21 des ungeborenen Kindes bestimmen. Bei diesen Genmutationen liegt das entsprechende Chromosom in dreifacher Ausführung vor. Die häufigste Anomalie ist die Trisomie 21, bekannt als Down-Syndrom. Dem Test wird eine Sensitivität von mehr als 99 Prozent bescheinigt. Bislang wird er nur von den privaten Krankenkassen bezahlt, gesetzliche Kassen bieten ihn nur als individuelle Gesundheitsleistung an.

Krankenkassen bezahlen bisher nur invasive Untersuchungsmethoden: Bei der Fruchtwasseruntersuchung wird die Fruchtblase mit einer langen Nadel punktiert, und Zellen werden entnommen. Ein Ergebnis liegt erst nach zwei bis drei Wochen vor. Bei der Chorionzottenbiopsie wird Gewebe aus der Plazenta entnommen. Bei der Chordozontese wird Blut aus der Nabelschnur verwendet.

Pränataltests werden nur bei Risikoschwangerschaften angeboten – wenn die Schwangere älter als 35 Jahre ist, unter bestimmten Krankheiten leidet oder es eine familiäre Belastung für Chromosomenanomalien gibt. (pam)

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