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Entführer Xabier Ugarte (hellgraues Polohemd) bei seiner feierlichen Heimkehr nach 22 Jahren Gefängnis.

Spanien

ETA: Lebendiger Terror

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Ein ehemaliger ETA-Entführer wird aus der Haft entlassen – und sein Heimatort feiert ihn.

Die Bilder gehen einem immer noch zu Herzen: José Antonio Ortega Lara, umjubelt und den Jubel nicht begreifend, unfassbares Leid ins Gesicht geschrieben, geht am Arm seiner Frau in seine Wohnung in Burgos im Baskenland. Es war der 1. Juli 1997. Am Morgen hatte die Guardia Civil den damals 38-Jährigen aus 532-tägiger Geiselhaft befreit. „Vier Schritte voran, zwei nach rechts, zwei nach links, vier zurück“, beschrieb Ortega Lara später seine Tage im fensterlosen, 1,80 Meter hohen Verlies.

Am vergangenen Sonntag ist einer seiner Entführer aus 22-jähriger Haft entlassen worden. Hunderte Menschen in seinem baskischen Heimatort Oñate empfangen den zufrieden lächelnden Xabier Ugarte wie einen Helden. Willkommensgrüße hängen aus, Böller knallen, bengalische Feuer leuchten auf. Ein Team des spanischen Fernsehsenders Antena 3, das alles filmt, wird bedrängt und beschimpft. Die spanische Regierung kündigt Ermittlungen der Staatsanwaltschaft an.

Der Geist der ETA lebt weiter

Vor gut einem Jahr, am 3. Mai 2018, erklärte die baskische Terrororganisation ETA („Baskenland und Freiheit“) nach knapp sechzigjährigem Bestehen ihre Auflösung. Aber ihr Geist ist weiter lebendig. Die ‚Entetafizierung‘ der baskischen Gesellschaft hat noch kaum Fortschritte gemacht. Vor allem nicht in Orten wie Oñate. In dem 11 000-Einwohner-Städtchen im Herzen des Baskenlandes erhielt die ETA-nahe Partei Bildu bei den Kommunalwahlen im Mai 53,5 Prozent der Stimmen, gefolgt von der bürgerlich-nationalistischen PNV mit gut 40 Prozent. Der Bildu-Bürgermeister nahm am Sonntag am freudigen Empfang des niemals reuigen Terroristen teil. Das Rathaus hatte per Twitter Ugartes Heimkehr angekündigt. Die ETA-Freunde wollen den Terror nicht vergessen, alle anderen können ihn nicht vergessen. Die Bilder von der Freilassung Ortega Laras haben sich den Spaniern ins Gedächtnis eingebrannt. Vier Männer, einer von ihnen Ugarte, hatten sich gut anderthalb Jahre lang abwechselnd um ihre Geisel gekümmert, der in einem unterirdischen Verlies in einer stillliegenden Werkstatt in Mondragón, einem Nachbarort von Oñate, versauerte.

Das Opfer ist verbittert

Sie bewachten ihn noch nicht einmal, eine schwere Maschine versperrte den Weg für Ortega Lara ebenso wie für mögliche Befreier. Als sich die Guardia Civil nach monatelangen Ermittlungen schon sicher war, dass in jener Werkstatt eine Geisel festgehalten wurde, fand sie doch anfangs nicht den Zugang zum Verlies. Die schon festgenommenen Entführer gaben keine Hilfestellung; ihretwegen hätte Ortega Lara dort unten sterben können.

Mit der Entführung des Justizvollzugsbeamten Ortega Lara sollte die Zusammenlegung von ETA-Häftlingen erpresst werden – worauf sich die damalige spanische Regierung aber nicht einließ. Kein anderes der insgesamt fast 80 ETA-Entführungsopfer musste so lange auf seine Befreiung warten wie Ortega Lara – der, bitter geworden, vor ein paar Jahren die rechtsradikale Partei Vox mitbegründete. Die baskischen ETA-Freunde haben nie einen Funken Mitgefühl für ihn empfunden.

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