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Experte über rechtsextreme Anschläge: „Amok und Terrorismus schließen sich nicht aus“

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Von: Katja Thorwarth

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In Essen konnte die Polizei ein Attentat eines extrem rechten  Schülers verhindern.
In Essen konnte die Polizei ein Attentat eines extrem rechten Schülers verhindern. © David Young/dpa

Ein 16-Jähriger in Essen soll ein Attentat geplant haben. In den USA erschießt ein 18-Jähriger zehn Menschen. Interview mit dem Rechtsextremismusexperten Roland Sieber.

Herr Sieber, am Wochenende erschoss ein 18-jähriger Rassist in der US-Stadt Buffalo in einem vor allem von Schwarzen besuchten Supermarkt zehn Menschen. Am Donnerstag verhinderte die Polizei durch die Festnahme eines 16-jährigen Neonazis wohl ein Schulattentat in Essen. Zwei unterschiedliche Orte und dennoch die gleiche politische Motivation?
Ja, beide verhafteten jungen Männer waren weiß und laut ihrer Manifeste rassistisch motiviert. Der Schüler aus Essen schrieb laut Spiegel, er sei „wegen des Untergangs der weißen Rasse“ gezwungen, ein Zeichen zu setzen. Der Täter von Buffalo glaubt, dass „Weiße“ Opfer eines Völkermordes durch „Juden“ seien. Beide sind sowohl von den Amoktätern an der Columbine High School in den USA von 1999, als auch von den Rechtsterroristen Anders Breivik und dem Rechtsterroristen, welcher bei seinem Terroranschlag 2019 auf zwei Moscheen in Christchurch 51 Menschen tötete, inspiriert.

Könnte der terrorverdächtige Essener und der Rechtsterrorist aus den USA sich gekannt haben?
Möglich wäre dies. Wie der damals 18-jährige Münchner OEZ-Attentäter, die Rechtsterroristen von Christchurch und Halle sowie ein verurteiltes Mitglied der rechtsterroristischen „Feuerkrieg Division“ aus Bayern kommen beide aus einer terroraffinen rechtsextremen Online-Subkultur. Dieser gehören weltweit zehntausende Personen an, die über zahlreiche Foren, Chat-Programme und Messenger miteinander kommunizieren und sich wiederum in Subkulturen mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach Vorbildern und Feindbildern differenzieren.

Zur Person

Roland Sieber, Jahrgang 1982, recherchiert als Autor und freier Journalist zu politischen Bewegungen, Verschwörungstheorien, Antisemitismus und Rassismus im Netz. Er publizierte zur medialen Inszenierung und Selbstinszenierung der extrem Rechten sowie zur selbsternannten „Identitären Bewegung“, der AfD, Reichsbürgen, Verschwörungsszene und Neonazis sowie zu Rechtsterrorismus. Zuletzt mit einem Beitrag zum „Virtuell vernetzter Rechtsterrorismus rund um den Globus“ im Sammelband „Rechte Egoshooter: Von der virtuellen Hetze zum Livestream-Attentat“ in einer aktualisierten Auflage der Bundeszentrale für politische Bildung 2020.

Rechtsterror in Essen und Buffalo: „Amok und Terrorismus schließen sich nicht aus“

Mit was haben wir es in dem aktuellen Falls aus Essen zu tun? Mit Amok oder Rechtsterrorismus?
Amok und Terrorismus schließen sich nicht gegenseitig aus: Täter können beide Tätertypen in sich vereinen. In der Realität sind Handlungstypen häufig Mischformen. Die Zentralstelle Terrorismusverfolgung Nordrhein-Westfalen bei der Generalstaatsanwaltschaft Düsseldorf wirft dem 16-jährigen Neonazi vor einen rechtsextremistisch motivierten Anschlag auf Personen in dem von ihm besuchten Gymnasium in Essen vorbereitet zu haben. Laut Spiegel zitiert er in seinem Manifest Adolf Hitler, führt Rechtsterroristen als Vorbilder auf oder sieht diese als Idole. Aber er wurde auch von den Schulattentätern von Erfurt 2002 und Winnenden 2009 inspiriert.

Amokläufer und Rechtsterroristen kommen also aus denselben Online-Communitys?
Es gibt Überschneidungen und Mischszenen zwischen diesen Online Milieus. Ein 15-jähriger Freund des OEZ-Attentäters plante eine Amoktat an einem Gymnasium in Gerlingen bei Stuttgart. Über die Gaming-Plattform Steam vermittelte ein Neonazi aus den USA den Kontakt zwischen den beiden, welcher 2017 bei einem Schulattentat in einer Highschool in Aztec zwei Schüler hispanoamerikanischer Herkunft erschoss.

Ein weiteres Beispiel für Rechtsterrorismus an Schulen ist ein 15-jähriger Schüler, welcher letztes Jahr im schwedischen Eslöv einen Lehrer mit einem Messer lebensgefährlich verletzte. Seine Vorbilder: Die Rechtsterroristen von Christchurch und Halle. Das FBI warnte im Vorfeld vor ihm, weil seine IP-Adresse im Zusammenhang mit einem möglichen Schulattentat in Australien auffiel. Im Januar 2022 stach laut Belltower News sein bester Freund, ebenfalls ein Rechtsextremist, in einer Schule mit einem Messer auf einen Schüler und eine Lehrkraft ein.

Rechtsterrorismus in Deutschland: Mobilisierung auf der „Straße“ trägt bei

Haben wir ein strukturelles Problem mit dieser Form des Rechtsterrorismus?
Auf den Weg hin zum Rechtsterrorismus in Deutschland kann wesentlich die Mobilisierung auf der „Straße“ beitragen, also die Teilnahme an rechtsextremen Demonstrationen, wie beim NSU, Lübcke-Mörder und den terrorverdächtigen „Vereinigten Patrioten“. Oder der Weg kann hauptsächlich über eine Online-Radikalisierung erfolgen, wie beim terrorverdächtigen Marvin E., welcher eine „Atomwaffen Division Hessen“ aufbauen wollte, und vermutlich auch bei dem verhafteten terrorverdächtigen Schüler aus Essen.

Wie wurden diese Jugendlichen radikalisiert?
Die Erstansprache erfolgt häufig über Online-Spiele und Apps: Über Profilbilder kann rechtsextreme Symbolik, über ironische oder sarkastische Sprüche und vermeintliche Witze Frauen- und Queer-Feindlichkeit sowie Antisemitismus und Rassismus normalisiert werden. Kinder und Jugendliche werden mit vermeintlichem Humor in „Mainstream“ abgeholt und nach und nach in Gruppen, Foren und Messenger mit immer radikaleren Inhalten und Teilnehmern gezogen. Dort werden dann Feindbilder markiert, Tötungsmöglichkeiten diskutiert und Anleitungen für politische Straftaten bis hin zu Terroranschlägen verbreitet. Je radikaler jemand selbst in so einer Informationsblase auftritt, desto mehr Zuspruch bekommt er aus dieser.

Extreme Rechte unter Jugendlichen: Game-Portale tragen zur Radikalisierung bei

Welche Apps und Plattformen nutzen Rechtsextremisten dazu?
Das Videoportal TikTok hat bei jungen Menschen YouTube vom Platz 1. der Radikalisierungsmaschinen verdrängt. Memes und Propaganda über Computerspiele, Instagram und Imageboards spielen bei der jungen Zielgruppe weiterhin eine große Rolle. Der Messenger Telegram lässt sich wie ein Soziales Netzwert mit Gruppen und Kanälen verwenden, über die auch Videos und Dateien mit Bauanleitungen für Schusswaffen und Sprengsätze verbreitet werden. Nicht so vielfältig nutzbar, aber dafür näher an der Zielgruppe ist das ursprünglich auf Gamer orientierte Chat-Programm Discord. Bereits radikalisierte Personen vernetzten sich auch über „Alt-Tech“: Social-Media-Plattformen aus und für die rechtsextreme Szene. (Interview: Katja Thorwarth)

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