Indien

Eskalation zwischen Atommächten

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Die indische Luftwaffe reagiert auf ein Selbstmordattentat mit einem Vergeltungsschlag auf pakistanischem Gebiet.

Südasiens Atommächte Pakistan und Indien spielen mit dem Feuer. Wie beide Regierungen bestätigten, überquerten Delhis Kampfjets am Dienstagmorgen gegen 3:30 Uhr Ortszeit die Kontrolllinie der umstrittenen Kaschmirregion und bombardierten ein Waldstück in der Region um den Ort Balakot.

„Wir haben bei unserem nicht-militärischen Angriff ein Lager der Terrorgruppe Jaish-e-Mohammed zerstört“, erklärte Delhi. Die Presseabteilung der pakistanischen Streitkräfte veröffentlichte Fotos von Bombenresten und behauptete: „Wegen unserer schnellen Reaktion waren die feindlichen Flugzeuge gezwungen, ihre Bombenfracht irgendwo über einem Wald abzuwerfen und schnell abzudrehen.“ Pakistans Kampfflugzeuge tauchten etwa zehn Minuten auf, nachdem Anwohner die indischen Flugzeuge beobachten. Der Urdu-Dienst des britischen Senders BBC zitierte Anwohner, die von etwa zehn Explosionen und von zahlreichen Toten und Verletzten berichteten. In Delhi hieß es, 300 Kämpfer von Jaish-e-Mohammed seien getötet worden.

Mit dem jüngsten Vergeltungsangriff reagiert Delhi auf ein Selbstmordattentat von Jaish-e-Mohammed am 14. Februar, dem 42 indische Soldaten zum Opfer fielen. Es war der schwerste Anschlag seit dem Ausbruch von gewalttätigen Unruhen in Kaschmir im Jahr 1989.

300 Nuklearsprengköpfe

Der Bombenangriff eskaliert den Konflikt deutlich – etwas das beide Länder seit Anfang diesen Jahrtausends vermieden hatten. Bewohner auf beiden Seiten der Grenze packen ihre Sachen und flüchten. Außerdem mehren sich Berichte über Truppenbewegungen auf beiden Seiten. Indiens hindunationalistische Premierminister Narendra Modi, der im April um seine Wiederwahl kämpfen muss, heizt die Stimmung in Indien an. Pakistans Premierminister Imran Khan, der seine erste außenpolitische Krise seit Amtsübernahme im Sommer vergangenen Jahres bestehen muss, gab sich kriegerisch. Angesichts der „Verletzung der Kontrolllinie“ in Kaschmir durch Indien habe Pakistan das Recht zur Vergeltung.

Islamabad pocht auf die Option des „ersten Atomschlags“ im Fall von konventionellen Attacken durch den Nachbarn Indien. Delhi hingegen glaubt, im Rahmen einer „Cold-Start-Doktrin“ begrenzte Attacken gegen Pakistan vollziehen zu können, ohne einen Atomkrieg zu riskieren.

Beobachter warnen, dass der Konflikt ungewollt außer Kontrolle geraten könnte. Beide Staaten besitzen laut dem Stockholm International Peace Research Institute (Sipri) jeweils zwischen 130 und 150 Atomsprengköpfe sowie ein Arsenal von Trägerraketen.

Verbindungen zum Terror

Islamabad bestätigte auch den Besitz „taktischer Atomwaffen“, kleine Sprengköpfe für den Einsatz auf Schlachtfeldern gemeint. Bislang sollen sie allerdings nicht wie ursprünglich geplant, dem Kommando lokaler Kommandeure unterstellt worden sein.

Pakistans Stabschef der Armee, General Qamar Javed Bajwa, bemüht sich seit seinem Amtsantritt, die rund 600 000 Mann starken Landstreitkräfte, die laut Diplomaten während der vergangenen Jahre zu zwei Dritteln entlang der Grenze zu Afghanistan im Einsatz waren, wieder vermehrt für dem Kampf gegen die 1,2 Millionen Soldaten starke Armee Indiens zu wappnen.

Gleichzeitig scheinen zumindest Teile der pakistanischen Sicherheitskräfte gewillt, zukünftig wieder auf Gruppen wie Jaish-e-Mohammed zu setzen. Ihr Chef Masood Azhar wurde zur Jahrtausendwende mittels einer Flugzeugentführung aus indischer Haft freigepresst. Im Dezember 2001 brachte eine Jaish-Attacke auf Indiens Parlament beide Länder schon einmal an den Rand eines Atomkriegs. Azhar, der 2002 auch in die Entführung und Ermordung des „Wall Street Journal“-Reporters Daniel Pearl in Karachi verwickelt war, lebt nach wie vor in Freiheit. Er genießt nicht nur den Schutz Pakistans, sondern auch Chinas Rückendeckung. Peking blockierte jeden Versuch des UN-Sicherheitsrats, den Jaish-Kommandeur auf die Schwarze Liste international gesuchter Terroristen zu setzen.

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