Streit um Erdgas im östlichen Mittelmeer
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Ein türkisches Forschungsschiff ankert vor der Küste Antalyas im Mittelmeer. Nach wie vor befänden sich zahlreiche Schiffe der türkischen Kriegsmarine in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer, sagte ein Offizier der griechischen Küstenwache. Griechenland hatte in den vergangenen Monaten die Türkei davor gewarnt, Schiffe zur Suche nach Erdgas in die Region zu entsenden.

Erdgasstreit

Eskalation vorerst verhindert: Die Türkei steckt zurück

  • vonGerd Höhler
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Im Konflikt um Erdgasvorkommen in der Ägäis zwischen Ankara und Athen vermittelt Kanzlerin Merkel erfolgreich. Präsident Erdogan beordert seine Kriegsschiffe zurück.

Die Kriegsgefahr zwischen den verfeindeten Nato-Partnern Griechenland und Türkei ist vorerst gebannt. Kanzlerin Angela Merkel gelang es, die akute Krise zu entschärfen. Aber die Konflikte zwischen den beiden Nachbarn schwelen weiter und können jederzeit wieder aufbrechen.

Eigentlich sollte die „Oruc Reis“ jetzt südlich der griechischen Insel Kastelorizo nach Erdgasvorkommen unter dem Meeresboden suchen. Stattdessen lag das türkische Forschungsschiff am Sonntag rund 100 Seemeilen entfernt bei Antalya vor Anker. Vor einer Woche hatte die türkische Regierung die Erdgassuche bei Kastelorizo angekündigt. Zugleich nahmen Kriegsschiffe von den Marinestützpunkten Izmir und Aksaz Kurs auf das Suchgebiet. Präsident Recep Tayyip Erdogan beschwor damit die brenzligste Krise in den Beziehungen zu Griechenland herauf, seit beide Länder Anfang 1996 im Streit um die Imia-Felseninseln an den Rand eines Krieges gerieten.

Doch jetzt steckt der türkische Staatschef zurück – für den Augenblick jedenfalls. Die türkische Botschaft in Washington meldete zwar am Samstag auf Twitter, die „Oruc Reis“ habe nunmehr mit ihren Explorationen vor Kastelorizo begonnen. Aber nach wenigen Stunden zogen die türkischen Diplomaten den Tweet kommentarlos zurück. Das Schiff dümpelt weiter vor Antalya. Nach Informationen aus Militärkreisen kehrten am Sonntag auch die meisten der in Marsch gesetzten türkischen Kriegsschiffe in ihre Häfen zurück.

Auf dem Höhepunkt der Spannungen hatte Griechenland vergangene Woche seine Streitkräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt und ebenfalls Flottenverbände ins östliche Mittelmeer geschickt. In der Imia-Krise war es der damalige US-Präsident Bill Clinton, der in nächtlichen Telefonaten mit Athen und Ankara den Konflikt entschärfte.

Diesmal schaltete sich Bundeskanzlerin Angela Merkel ein. Sie führte Telefonate mit Athens Premier Kyriakos Mitsotakis und Erdogan. Ein Ergebnis dieser Intervention der Kanzlerin ist offenbar, dass die „Oruc Reis“ nicht in das umstrittene Seegebiet auslief.

Seit Jahren macht die Türkei den benachbarten EU-Staaten Griechenland und Zypern ihre Wirtschaftszonen im Mittelmeer streitig. Die Türkei erkennt die Seerechtskonvention der Vereinten Nationen (UN), auf die sich beide EU-Länder bei der Abgrenzung ihrer Wirtschaftszonen berufen, nicht an. Erdogan tritt dabei seit einigen Monaten zunehmend aggressiv auf, stößt aber auf wachsenden Widerstand. Die USA und die EU weisen Erdogans Gebietsansprüche als völkerrechtswidrig zurück.

Dass es Merkel jetzt gelang, den türkischen Staatschef zum Einlenken zu bewegen, dürfte vor allem einen Grund haben: Trotz seiner zunehmend europafeindlichen Rhetorik ist Erdogan auf gute Beziehungen zur EU angewiesen. Erdogan wünscht eine Erweiterung der Zollunion. Und er weiß: Der Schlüssel dazu liegt in Berlin.

Die Krise im Mittelmeer ist aber lediglich für den Augenblick entschärft. Die eigentlichen Konflikte bleiben ungelöst. Selbst wenn es Merkel gelänge, Griechen und Türken an den Verhandlungstisch zu bringen: Eine Beilegung der Streitpunkte könnte viele Jahre dauern.

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