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Taiwan-Konflikt: Eskalation beträfe die ganze Welt

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Von: Sven Hauberg

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Eine Eskalation in der Straße von Taiwan träfe die ganze Welt – auch China. Denn die Kommunisten werden es nicht zugeben, aber sie brauchen Taiwans Zugang nach Westen. In allem.

Taipeh – Nancy Pelosi hat Taiwan verlassen. Am Mittwochnachmittag (Ortszeit) stieg die Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses in Taipeh in ein Flugzeug, das sie nach Südkorea bringen sollte. Beendet ist der Taiwan-Konflikt mit der Abreise der 82-Jährigen allerdings noch lange nicht. Die Führung des kommunistischen China verfügte, noch bevor Pelosi die Insel verlassen hatte, den Beginn umfangreicher Manöver rund um die Insel. Die de facto Umzingelung der kleinen Republik sollte zeigen: Das steht euch bevor. Mit der geostrategischen Lage in Fernost Vertraute sind sich einig: Eines Tages wird China versuchen, die angeblich „abtrünnige Provinz“ mit dem Festland „wiederzuvereinigen“.

Konsequenzen hätte die weitere Eskalation des seit 1949 währenden Taiwan-Konflikts natürlich zuallererst für die knapp 24 Millionen Menschen auf der Inselgruppe. Als nächstes gleich würde dann die Weltwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen – bei einer Militäraktion vonseiten Pekings ganz sicher enorm. „Die Situation rund um Taiwan macht mir weltwirtschaftlich – aber auch für die deutsche Wirtschaft – seit einiger Zeit Sorgen“, sagt Sebastian Dullien, Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Wenn man sich anschaut, wo Halbleiter und andere Vorprodukte produziert werden, wie die Lieferketten aussehen, dann wäre ein eskalierender Konflikt eine Katastrophe für Deutschland“, so Dullien zur FR.

Nur keine Verwicklungen: Fischer aus Xiamen gleich gegenüber dem taiwanischen Chinmen brauchen keine Eskalation. Hector RETAMAL/AFP
Nur keine Verwicklungen: Fischer aus Xiamen gleich gegenüber dem taiwanischen Chinmen brauchen keine Eskalation. © AFP

Besuch in Hsinchu: „TSMC ist systemrelevant“

Denn in Taiwan – genauer: in der 450.000-Menschen-Metropole Hsinchu im Nordwesten der Hauptinsel – hat TSMC, der weltgrößte unabhängige Zulieferbetrieb für Halbleiter, seinen Sitz. Die Chips von TSMC gehören zu den besten, die der Markt zu bieten hat. Weshalb sie auch in unzähligen Produkten stecken, die die Welt jeden Tag nutzt: in Smartphones, in Aufzügen und Küchenmaschinen, in Autos und Fernsehern. „TSMC ist systemrelevant“, sagt die Volkswirtin Wan Hsin-liu vom Kiel Institut für Weltwirtschaft. „Wenn TSMC seine Chips nicht mehr exportieren kann, hat das Einfluss auf die globalen Lieferketten, aber auch auf die Stabilität der Weltwirtschaft allgemein.“ Auch deshalb besuchte Pelosi nach ihren politischen Terminen auch Hsinchu und traf dort mit dem TSMC-Vorstandschef Mark Liu zusammen.

TSCM ist besonders gut darin, Chips herzustellen, die sehr klein und sehr leistungsfähig sind. Fachleute sprechen von Chips „mit extrem kleinen Strukturbreiten“: Im Bereich von fünf Nanometern Strukturbreite führt TSCM schon jetzt vor der südkoreanischen Konkurrenz von Samsung; und noch für dieses Jahr sind wieder kleinere Chips avisiert, die dann wohl zuerst in Produkten von Apple verbaut würden. Sollte Taiwan diese Halbleiter nicht mehr exportieren können – etwa, weil China die Handelswege abbindet –, bekämen das auch die Deutschen schnell zu spüren. Schon heute klagt die Industrie über einen Chipmangel, auch wenn die sinkende Nachfrage privater Haushalte zuletzt für eine vorübergehende Entspannung gesorgt hat.

Ein Angriff Chinas „wäre weltwirtschaftlich der Super-GAU“

Sollte China aber tatsächlich Taiwan angreifen, könne die Welt das also nicht einfach so hinnehmen, meint Makroökonom Dullien. Dem Forscher stellt sich nur die Frage: „Wie?“ Sollte der Westen Sanktionen erlassen, wäre das ein „massivster wirtschaftlicher Schock“, zumal China dann wohl mit Gegensanktionen kontern würde. „Die neueste Halbleiter-Generation wird nur in Taiwan und Südkorea hergestellt, wir bekämen also ein ganz, ganz massives Problem. Das wäre weltwirtschaftlich der Super-GAU.“ Denn die Abhängigkeit von taiwanischen Chips ist ähnlich groß wie die von russischem Gas.

Um das zu reduzieren, versuchen Europa und die USA, die jeweils eigene Halbleiterproduktion voranzubringen. Das geschieht zum Teil auch in Kooperation mit Firmen aus Taiwan und Südkorea. „Ob und wie das schließlich klappen kann, ist allerdings noch sehr unklar“, sagt Expertin Liu. Die EU könnte Anfang 2023 den „European Chip Act“ auf den Weg bringen, ein milliardenschweres Programm zur Förderung der Halbleiterproduktion. Ebenfalls Anfang kommenden Jahres will Intel den Spatenstich für sein neues Werk in Magdeburg setzen, und auch Bosch will bis 2026 drei Milliarden Euro in sein Halbleitergeschäft investieren. Noch aber müssen sich die EU-Mitgliedsstaaten auf eine gemeinsame Position einigen, was frühestens im Dezember passieren könnte.

Anruf in den Niederlanden

Die USA sind da weiter: Vor wenigen Tagen erst verabschiedete der Kongress den „Chips Act“ über 52 Milliarden Dollar in den nächsten Jahren für eigene Halbleiter. Das Gesetz zielt auch gegen China: Wer was vom Fördertopf will, muss sich verpflichten, die Chip-Produktion in der Volksrepublik nicht zu erhöhen. Denn auch China versucht, zur Halbleiter-Supermacht aufzusteigen. Und macht dabei erstaunliche Fortschritte. Zuletzt gelang es dem chinesischen Chiphersteller SMIC, hochwertige Sieben-Nanometer-Chips zu fertigen. Ein mehrjähriger Entwicklungsrückstand konnte so aufgeholt werden: Bis dahin wurden nur 14-Nanometer-Chips produziert.

Washington bereitet die raschen Erfolge der Chinesen Sorgen. Anfang Juli wurde bekannt, dass die USA die Niederlande offenbar dazu drängen, der Firma ASML den Verkauf von Anlagen zur Chipproduktion nach China zu untersagen. Auf ASML-Produkte können chinesische Firmen kaum verzichten. Vor allem im Bereich der UV-Lithografie, die für superschmale Strukturbreiten unerlässlich ist, gibt es keine wirklichen Alternativen zu den Anlagen aus der Niederlande.

Die Marinemanöver rund um Taiwan werden auch von den weltweit operierenden Reedereien aufmerksam beobachtet. Laut Bloomberg suchen mehrere Gasversorger derzeit nach neuen Routen für ihre Flüssiggastanker, um Taiwan in sicherem Abstand zu umfahren. So ein Umweg würde die Schiffe drei Tage kosten.

Fische, Tee und Honig

Da China ein Teil der Welt ist und sich immer mehr in die globalen Wirtschaftsnetzwerke verstrickt hat, wäre eine Eskalation auch für die Kommunisten kostspielig. Denn trotz alle der Spannungen floriert der Handel zwischen Insel und Festland, gerade der mit t Halbleitern. Beide Länder versuchen zwar, die gegenseitigen Abhängigkeiten zu verringern, bislang aber ohne großen Erfolg.

„China behauptet, dass es die wirtschaftlichen Kosten eines Konflikts mit Taiwan in Kauf nehmen würde, egal, wie hoch diese sind“, sagt die Kieler Analystin Wan-hsin Liu. Der Pelosi-Besuch sei dafür aber nicht ausreichend Anlass. Sollte die Unabhängigkeitsdebatte in Taiwan aber an Fahrt gewinnen, „könnte sich die Situation verschärfen“. Dann könnte Peking sehr wohl bereit sein, alles zu unternehmen, „um die Unabhängigkeit Taiwans zu verhindern, auch wenn es hohe wirtschaftliche Kosten für China selbst bedeutet“.

Liu glaubt, dass Peking dennoch alles dafür tun werde, um den eigenen Schaden so gering wie möglich zu halten. Statt in Taiwan einzufallen, könnte die Volksrepublik gezielte Sanktionen verhängen. Schon am Dienstag, wurde der Import taiwanischer Erzeugnisse wie Meeresfrüchte, Tee und Honig untersagt. „Ausgenommen werden könnten taiwanische Produkte, die China unbedingt benötigt und nicht selbst herstellen kann. Da hat China eine gewisse Flexibilität und kann gut einschätzen, wie stark die eigenen Unternehmen betroffen sind. Das wäre besser kontrollierbar als ein Militärschlag gegen Taiwan.“ Noch aber, sagt Liu, „ist es nicht so weit“. (Mitarbeit: Fabian Hartmann)

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