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Die Regierungspartei BJP stachelt den hitzigen Streit um den Sabarimala-Tempel in Kerala an.

Indien

Eskalation nach Tempelbesuch

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Indiens Polizei setzt Wasserwerfer gegen randalierende Hindu-Hardliner ein. Unterdessen besucht die dritte Frau das Heiligtum.

Gewalttätige Anhänger von Indiens hindunationalistischem Regierungschef Narendra Modi haben den Bundesstaat Kerala im Süden des Landes in eine „Kriegszone“ verwandelt. So beschreiben Medien in der Hauptstadt Delhi die Lage, nachdem 1400 Anhänger der „Bharatiya Janata Party“ (BJP) verhaftet worden waren. Die Polizei ging mit Wasserwerfern gegen Demonstranten vor, die unter anderem 20 Büros der in Kerala regierenden Kommunistischen Partei angegriffen hatten. Es soll einen Toten und zahlreiche Verletzte gegeben haben.

Anlass der blutigen Konfrontation: Am frühen Mittwochmorgen hatten die beiden Aktivistinnen Bindu und Kanaka Durga unter Polizeischutz den Tempel Sabarimala betreten. Trotz der andauernden Proteste habe in der Nacht zu Freitag eine weitere Frau den Tempel besucht, hieß es aus Polizeikreisen.

Der Sabarimala-Tempel wird jährlich von Millionen von hinduistischen Männern besucht, Frauen im gebärfähigen Alter zwischen 14 und 50 Jahren war der Zutritt bis September des vergangenen Jahres jedoch nicht gestattet. Dann verbot Indiens Oberstes Gericht die Regel, weil es sich bei dem Besuchsverbot um Diskriminierung handele.

Das Betreten von Tempeln ist Frauen außerhalb ihrer Menstruation erlaubt. Die hinduistischen Oberen der idyllisch zwischen Bergen gelegenen und Lord Ayyappa gewidmeten Wallfahrtsstätte aber argumentieren, die Gottheit habe an der Stelle meditiert und sei ein überzeugter Junggeselle gewesen.

Anfang der Woche hatte eine 620 Kilometer lange Kette von Frauen erneut Eintritt in den Tempel Sabarimala verlangt. Doch hindunationalistische Anhänger verhinderten, dass diese ihn entsprechend der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs betreten konnten – bis zum vergangenen Mittwoch.

Nachdem die beiden Frauen am frühen Mittwochmorgen in schwarzen Mänteln und vor der laufenden Videokamera eines Mobiltelefons durch das Männerreservoir geeilt waren, wurde der Tempel erst einmal geschlossen. „Wir müssen ihn nun rituell reinwaschen“, erklärte ein Sprecher der Anlage.

Der Hinduismus besitzt eine jahrtausendealte Tradition der Offenheit. „Jeder Hindu entscheidet, was Hinduismus für ihn ist. Und das ist ein Raum, der nicht angerührt werden darf“, sagt Professor Jyotirmaya Sharma von der Universität Hyderabad.

Doch Indiens Hindunationalisten haben beschlossen, die Auseinandersetzung um den Tempel angesichts der für April geplanten Parlamentswahlen für ihre politischen Zwecke zu nutzen. „Für uns ist die Verteidigung des Tempels gegen Frauen eine Frage des Glaubens“, tönte Sreedharan Pillai, Chef der hindunationalistischen BJP, in Kerala in der Öffentlichkeit, „er muss gerettet werden.“ Laut einem Video, das an lokale Medien durchsickerte, beschrieb er die Unruhen um den Tempel vor Parteimitgliedern als „goldene Gelegenheit“.

Konfrontation bis zur Gewalt

Tatsächlich zündelt die BJP mit Vorliebe vor Wahlen so lange an Konfrontationen, bis es zu Gewalt kommt. Anschließend treten die Hindunationalisten als Garanten von Recht und Ordnung auf. Auf diese Weise gelang ihnen im Dezember 1992 der nationale Durchbruch, als Tausende von Fanatikern versuchten, in der Stadt Ayodhya im Bundesstaat Uttar Pradesh eine Moschee zu demolieren, die angeblich auf einem hinduistischen Tempel errichtet worden war.

Aber auch Indiens altehrwürdige Kongress-Partei unterstützte die Proteste gegen die Öffnung des Sabarimala-Tempels für Frauen – bis Sonja Gandhi, die Grande Dame der Partei, den Spuk beendete. Ihre männlichen Parteigenossen fürchten im Hinblick auf die Parlamentswahlen, es sich mit hinduistischen Männern zu verscherzen.

Der Sozialaktivist Swami Agnivesh argumentiert in einem offenen Brief, dass in Kerala die Zukunft des Landes auf dem Spiel steht: „Premierminister Modi hat den Bundesstaat Gujarat in eine hindunationalistisches Labor verwandelt. Kerala entpuppt sich gegenwärtig unter seinem Ministerpräsidenten Pinarayi Vijayan als Labor für das demokratische Selbstbestimmungsrecht von Frauen.“ Für den hinduistischen Geistlichen ist eindeutig: Beim Frauenverbot von Sabarimala handele es sich lediglich um eine obskure und diskriminierende Sitte von Brahmanen – der obersten Kaste des Hinduismus. (mit dpa)

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