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Warten auf den Besuch, der doch nur mit Abstand möglich ist: Seit einem Jahr sind Menschen in Pflegeheimen weitgehend isoliert.
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Warten auf den Besuch, der doch nur mit Abstand möglich ist: Seit einem Jahr sind Menschen in Pflegeheimen weitgehend isoliert.

Corona-Virus

Es ist ein stilles Leiden

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Melanie S. betreut die Bewohnerinnen und Bewohner in einem hessischen Pflegeheim. Sie liebt ihren Job – aber in der Pandemie muss sie mitansehen, wie die alten Menschen in der Isolation immer mehr vereinsamen. Das belastet auch sie stark.

Manchmal kämen ihr bei der Arbeit selbst die Tränen, erzählt Melanie S. (Name geändert). So wie heute wieder. Da stand sie dabei, als eine alte Dame ihren Ehemann im Pflegeheim besucht hat. Hat erlebt, wie die Tochter über das Handy „zugeschaltet“ wurde, unendlich weit weg für den Vater das kleine Bild auf dem Display.

Nacheinander haben sie angefangen zu weinen, erst der Mann, der sein Kind vermisst, dann die Frau, dann die Tochter, und schließlich auch Melanie. Sie wohnt der traurigen Szene nicht bei, weil sie neugierig wäre, nicht diskret genug, um sich in solchen Momenten zurückzuziehen. Sie kann nicht anders. Denn sie muss aufpassen, dass alle Regeln eingehalten werden, sich keiner zu nahekommt oder gar berührt. Dass die vorgeschriebene Zeit nicht überschritten wird.

Melanie S. arbeitet als Betreuerin in einem Pflegeheim mit rund 180 Plätzen in einer hessischen Großstadt. Die 44-Jährige liebt ihren Beruf, sie hat gerne mit alten Menschen zu tun, begegnet ihnen mit Wertschätzung. Doch die Besuchstage, an denen sie Aufsichtsdienste übernimmt, bringen Melanie S. regelmäßig an ihre Grenzen. Zweimal in der Woche dürfen die Bewohnerinnen und Bewohner für jeweils 40 Minuten Besuch bekommen. Nicht in ihren Zimmern, nicht in lockerer Runde bei Kaffee und Kuchen, sondern in einem großen Aufenthaltsraum.

Dort dürfen sie dann für 40 Minuten dem Menschen, mit dem sie vielleicht fünfzig oder mehr Jahre ihres Lebens verbracht haben, in zwei Metern Abstand gegenübersitzen. Zu diesem Zweck werden zwei Tische aneinandergestellt, insgesamt verteilen sich vier bis fünf solcher Arrangements in dem hallenartigen Raum. Pro Bewohnerin oder Bewohner ist jeweils nur eine Besuchsperson erlaubt. Viele haben ihre Enkel deshalb bereits seit mehr als einem Jahr nicht gesehen, höchstens auf einem Video. „Aber so lässt sich ganz schwer ein Bezug herstellen. Viele schauen dann höflich hin und sagen ,ach schön‘, weil sie ihre Angehörigen nicht enttäuschen wollen.“

Melanie S. muss peinlich darauf achten, dass die 40 Minuten eingehalten werden. „Es tut mir so entsetzlich leid, wenn ich sagen muss: Sie haben jetzt noch fünf Minuten. Noch zwei Minuten. Die Besuchszeit ist vorbei“, sagt sie. „Noch zwei Minuten, wie krank ist das eigentlich! Als wäre ich eine Aufseherin, ein Anstands-Wau-Wau. Das ist furchtbar, denn die einzige wirkliche Freude, die Menschen im Pflegeheim haben, ist es doch, wenn die Familie kommt.“

Aber es geht nicht anders. So ist es festgelegt, und es warten ja auch die nächsten Gruppen darauf, an die Reihe zu kommen. Für Melanie S. bedeutet das: „Auf das Einhalten der Zeit dringen, die Bewohnerin oder den Bewohner nach dem Gespräch hoch ins Zimmer bringen, den Tisch desinfizieren, die oder den nächsten holen.“

Eine Umarmung, ein Streicheln, eine flüchtige Berührung – alles untersagt. „Nicht einmal dann, wenn jemand krank ist und Trost bräuchte.“ Nähe lässt sich auf diese Weise kaum herstellen, oft ist nicht einmal eine richtige Unterhaltung möglich: Wegen der vorgeschriebenen Abstände, der Maskenpflicht für Besucherinnen und Besucher und der im Alter verbreiteten Schwerhörigkeit muss oft gebrüllt werden – passiert das an mehreren Tischen gleichzeitig, so wie meistens, versteht man oft kaum noch etwas. „Wenn es nicht so unendlich traurig wäre, hätte es was Absurdes“, sagt Melanie S.

Für demente Menschen sei diese Form der Kommunikation besonders schwierig, erzählt sie: „Sie sehen die für sie besonders wichtige Mimik hinter der Maske nicht.“ Und doch ist die Situation heute bereits viel besser als vor einem Jahr. Am Anfang gab es in den Pflegeheimen keine Masken, dann selbst genähte, aus alten Küchenhandtüchern, später immerhin die blauen medizinischen und erst im November ausreichend FFP-2-Masken. Inzwischen hat man genug Schnelltests, um alle, die das Heim betreten wollen, zu testen. Von den 180 Bewohnerinnen und Bewohnern ist trotz mehrerer Infektionsfälle bislang niemand an Covid gestorben.

Und inzwischen haben die meisten eine Impfung bekommen, etliche davon bereits die zweite Dosis. Viel geändert habe sich dadurch allerdings nicht, sagt Melanie S. Es gelten die gleichen harten Regeln wie vorher: Besuch nur unter strengen Auflagen, nicht mal eben so ein Spaziergang ums Eck, keine Veranstaltungen und Feste im Haus, die früher die Höhepunkte des Jahres waren. Das Oktoberfest fiel aus, Weihnachten wurde mit Abstand und Maske gefeiert, Fasching wieder ganz abgesagt und jetzt auch der Osterbasar, trotz Impfung.

„Viele verstehen das nicht und fragen, warum sie sich dann haben impfen lassen, wenn doch alles beim Alten bleibt“, erzählt Melanie S. „Das ist nur zum Eigenschutz, damit Sie nicht schwer krank werden“, lautet ihre Antwort stets. Mit etwas Improvisationstalent ist manches aber doch möglich, wenn etwa die Pfarrerin im Garten ihre Predigt hält und Angehörige dort kleine Konzerte geben. Dann stehen oder sitzen die Menschen auf den Balkonen ihrer Zimmer und hören zu.

Mehr als ein Jahr Pandemie – das bedeutet für die Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen mehr als für alle anderen Einschränkungen und Isolation. Monatelang durften diese Menschen überhaupt keinen Besuch empfangen, waren über lange Zeiträume regelrecht eingesperrt in ihren Zimmern. Vor allem dann, wenn „Corona im Haus war“. Ein paar kleinere Ausbrüche hatten sie im Heim, berichtet Melanie S. Manchmal wurde das ganze Haus und manchmal auch „nur“ das betroffene Stockwerk unter Quarantäne gestellt.

„Das bedeutete: zwei Wochen lang das Zimmer nicht mehr verlassen.“ Gleiches war angezeigt, wenn jemand das Haus verlassen hatte – so wie eine alte Dame, die regelmäßig zum Augenarzt musste, um sich ein Medikament spritzen zu lassen: „Diese Frau war praktisch monatelang fast nur in Quarantäne“, erzählt Melanie S.

Viel ist seit Beginn der Pandemie geredet worden über die Situation in den Pflegeheimen, auch über die Folgen des erzwungenen Sich-Abschottens dieser Einrichtungen. Doch die meisten Menschen dürften nur eine vage Vorstellung haben, was sich wirklich abspielt hinter den geschlossenen Türen. Es sind leise Dramen. Sie handeln von Vereinsamung, dem Verlust der letzten kleinen Freuden im Leben, vom stillen, aber schnellen Verfall.

„Diese Generation ist es gewohnt, nicht auf die Barrikaden zu gehen“, sagt Melanie S. Die meisten hier im Heim sind Frauen. In ihren Ehen hatten oft die Männer die Hosen an, sie selbst haben gelernt, den Mund zu halten.“ Die meisten beklagen sich nicht, doch was Melanie S. beobachtet hat, spricht für sich.

Da ist zum Beispiel der alte Herr, der früher im Fasching aktiv war. „Der hat immer viel Halligalli gemacht, war gesellig, ging von Tisch zu Tisch, wo die Damen saßen, Kaffee tranken und Kuchen aßen, als man das noch durfte. Er hatte immer einen lustigen Spruch auf den Lippen. Jetzt macht er nichts mehr, hat sich völlig zurückgezogen und ist ganz traurig geworden.“ Oder die Frau, die vor einem Jahr noch schlank war und nun extrem zugenommen hat, weil sie aus Langeweile ständig Süßigkeiten isst, die ihre Angehörigen für sie an der Pforte abgeben. Oder der Mann, der überhaupt keinen Besuch mehr bekommt, weil seine Familie weit weg wohnt und es sich nicht lohnt, für die erlaubten 40 Minuten die weite Strecke zu fahren. Oder die vielen, die vor einem Jahr noch gut laufen konnten, mit oder ohne Rollator, und das jetzt nur noch mit Mühe schaffen, weil sie in ihren Zimmern sitzen müssen und keine Bewegung mehr haben. Manchmal erschrecke sie, wenn sie sich vor Augen führe, „wie diese Menschen vor einem Jahr noch waren“, sagt Melanie S. „Man vergisst das oft.“

Rapiden geistigen und körperlichen Abbau durch die Pandemie sieht sie – und einen massiven Verlust an Lebensfreude. „Wofür stehst du auf, für das Mittagessen? Man lebt, aber wie lebt man?“ Still sei es geworden im Haus.

Melanie S. ist das Gegenteil einer Corona-Leugnerin. Sie hat sich impfen lassen, anders als manche anderen vom Personal, ist trotzdem immer noch sehr vorsichtig, geht früh am Morgen einkaufen, wenn die Supermärkte noch leer sind, stets mit FPP2-Maske, trifft kaum jemanden, saß selbst im vergangenen Sommer nie im Biergarten oder Café, um bloß keine Infektion in die Einrichtung zu tragen. „Am Anfang fand ich die scharfen Maßnahmen zum Schutz der Pflegeheime gut“, sagt sie. Mittlerweile bröckelt ihre Gewissheit. „Viele der Bewohnerinnen und Bewohner haben doch nicht mehr so lange zu leben. Und jetzt dürfen sie die Zeit, die ihnen bleibt, nicht mit ihren Angehörigen verbringen. Dabei wäre das ihr größter Wunsch.“

Sie sagt: „Ich wüsste gerne, wie es ausgehen würde, ließe man die Bewohnerinnen und Bewohner abstimmen, ob sie für die Möglichkeit, ihre Familie, die Kinder und die Enkelkinder so wie früher treffen zu können, das Risiko in Kauf nehmen würden, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Ich vermute sehr stark, dass viele das Risiko wählen würden. Corona hat die Entmündigung alter Menschen weiter vorangetrieben. Andere glauben zu wissen, was für sie am besten ist. Darf man um jeden Preis das Leben schützen, das Risiko auf null bringen, auch gegen den Willen dieser Menschen? Ich weiß die Antwort darauf nicht.“

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