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Mordprozess in Idar-Oberstein: Es ging nicht nur um Rache

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Von: Joachim F. Tornau

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Menschen in Idar-Oberstein zeigen ihre Anteilnahme.
Menschen in Idar-Oberstein zeigen ihre Anteilnahme. © dpa

Der Prozess um den mutmaßlichen Mord an einer Tankstelle in Idar-Oberstein zeigt: Den Angeklagten trieb vor allem ein umfassendes rechtes Weltbild.

Das Video der Überwachungskamera zeigt einen Mann, der genau weiß, was er tut. Geduldig stellt er sich in die Schlange vor der Kasse, ganz corona-konform trägt er eine Schutzmaske. Erst als er an der Reihe ist, zieht er die Maske herunter, grinst den Kassierer provozierend an. „Maske hoch“, sagt der. „Echt?“, fragt der Mann. „Ja, echt“, antwortet der Tankstellenbeschäftigte. Da zückt der Mann eine Pistole und schießt dem Verkäufer mitten ins Gesicht. Danach spaziert er aus dem Verkaufsraum. Sein Opfer, der 20 Jahre alte Alexander W., ist sofort tot.

Was am 18. September 2021 in einer Tankstelle im rheinland-pfälzischen Idar-Oberstein geschah, wirkt wie eine kaltblütige Hinrichtung. Und so war es wohl auch gedacht. Mario N., der Schütze, wollte sich rächen, weil ihm der Kassierer anderthalb Stunden zuvor ohne Maske kein Bier hatte verkaufen wollen. Aber er wollte nicht nur das.

„Ich musste ein Zeichen setzen“, hat N. in seinem Geständnis zu Prozessbeginn gesagt. Ein Zeichen gegen die Maskenpflicht, die er ablehnte. Gegen die Corona-Politik, von der sich der Softwareentwickler unterjocht fühlte. Aber wohl auch gegen das politische System insgesamt, für das der AfD-Anhänger nur noch Hass und Verachtung übrig hatte; nicht erst seit Beginn der Pandemie.

Die Staatsanwaltschaft hat N. wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen angeklagt, er könnte zu lebenslanger Haft verurteilt werden. Die Verteidigung dagegen versucht, die Tat als Affekthandlung unter Alkoholeinfluss darzustellen, als Totschlag. Entsprechend hart sind die Bandagen, mit denen in den nunmehr vier Prozessmonaten vor dem Landgericht in Bad Kreuznach gekämpft wird.

Mordprozess in Idar-Oberstein: Befangenheitsantrag gegen psychiatrischen Gutachter

Regelmäßig dauert es nur wenige Minuten, bis sich die Beteiligten in neuen Scharmützeln verhaken. Am Montag hätten eigentlich die Plädoyers beginnen sollen. Doch stattdessen stellte Rechtsanwalt Alexander Klein einen Befangenheitsantrag gegen den psychiatrischen Gutachter, der den 50-jährigen Angeklagten am vorangegangenen Prozesstag als uneingeschränkt schuldfähig eingestuft hatte.

Der Psychiater Ralf Werner hatte erklärt, dass Mario N., der bei seiner Tat um die zwei Promille Alkohol im Blut hatte und doch so bemerkenswert kontrolliert auftrat, ans Trinken gewöhnt sein müsse. Auch aus der vom Angeklagten behaupteten „Zermürbung“ durch die Corona-Maßnahmen wollte der Sachverständige keinen psychischen Ausnahmezustand ableiten.

Vor Gericht hat sich Mario N. reuig gezeigt und gleichzeitig um Verständnis geworben. Er habe sich während der Pandemie in einem Netz aus Desinformation und Online-Hetze verfangen, gab er zu. Als Asthmatiker sei ihm das Maskentragen schwergefallen. Als IT-Unternehmer habe er Umsatzeinbußen hinnehmen müssen. Und wenige Tage nach den ersten Kontaktbeschränkungen im März 2020 erschoss sich sein schwerkranker Vater selbst. Mario N. macht dafür noch heute die Corona-Politik verantwortlich.

Mordprozess in Idar-Oberstein: Donald Trump als alleiniger Retter

Der mutmaßliche Mord von Idar-Oberstein ist eine von 9201 Straftaten, die die Polizei im vergangenen Jahr im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie zählte. Doch wie die allermeisten Delikte aus dem Milieu der „Querdenker“ und Corona-Leugner:innen wurde die Tat dabei nicht als rechts motiviert verbucht, sondern als politisch „nicht zuzuordnen“. Eine groteske Fehleinschätzung, wie der Prozess gezeigt hat.

Zeugen berichteten über Gespräche, die sie mit dem Angeklagten geführt hatten, Chats wurden verlesen und vor allem unzählige Videonachrichten übersetzt, die Mario N. mit seinem Schwager in den USA ausgetauscht hat, einem Polizisten und waffenstarrenden Anhänger von Donald Trump. Die beiden Männer teilten ein Weltbild, in dem Geflüchtete „Gesindel“, der Klimawandel ein „Schwindel“ und die Medien „Fake“ seien. Und sie waren sich einig, wer allein der Retter sein könnte: „Wenn Trump wiedergewählt wird“, teilte Mario N. seinem Schwager mit, „überlege ich wirklich, in die USA zu ziehen.“ 2019 war das, lange vor der Corona-Pandemie.

Die Pandemie hat die Radikalisierung dieses Mannes aus der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft nicht ausgelöst, sie hat sie nur verstärkt. Schon vorher hatte er Gewaltfantasien geäußert und über die Beschaffung von Waffen gesprochen. Jetzt aber kannte er keine Grenzen mehr. N. wollte „die Verantwortlichen“ – zu denen er neben der ehemaligen Kanzlerin Angela Merkel auch den jüdischen US-Milliardär Georges Soros und „die Rothschilds“ zählte – an Straßenlaternen aufgeknüpft sehen oder ihnen persönlich die Kehle durchschneiden. Er wünschte sich Gaskammern zurück, für Politiker:innen und für Migrant:innen.

Über den Befangenheitsantrag gegen den Psychiater hat das Gericht noch nicht entschieden. Im August wird weiterverhandelt.

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