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Die meisten afghanischen Flüchtlinge kamen in den vergangenen Jahrzehnten in Pakistan unter – mehr will das Land nicht aufnehmen.
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Die meisten afghanischen Flüchtlinge kamen in den vergangenen Jahrzehnten in Pakistan unter – mehr will das Land nicht aufnehmen.

Interview

Flucht aus Afghanistan: In Sicherheit, aber traumatisiert

  • Sabine Hamacher
    VonSabine Hamacher
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Experte Lukas Welz über Angststörungen von Geflüchteten, den chronischen Mangel an Therapieplätzen und problematische Rechtsverschärfungen.

Herr Welz, die Menschen, die jetzt aus Afghanistan flüchten, sind teils schwerst traumatisiert. Finden sie in Deutschland die nötige Behandlung?

Es geht hier um Menschen, die in der Regelversorgung nur schwer gesundheitliche oder therapeutische Hilfe bekommen würden. Unsere 44 psychosozialen Zentren für Überlebende von Folter, Krieg und Flucht ermöglichen, dass ihnen überhaupt psychosoziale oder psychotherapeutische Angebote gemacht werden können. In die Zentren kommen viele Afghaninnen und Afghanen, die verzweifelt sind und nicht wissen, was sie machen sollen. Afghanistan ist schon jetzt das Land, aus dem mit etwa 25 Prozent die meisten Hilfesuchenden stammen, die in unsere Zentren kommen. Deutschland hat eine Verantwortung für ihren Schutz und ihre Versorgung. Allerdings fehlt den Zentren die nötige Finanzierung. Deshalb ist die Frage, ob diese Menschen hier Hilfe finden, mit Jein zu beantworten.

Wie wirkt sich das Fehlen des Geldes aus?

Die psychosozialen Zentren haben lange Wartelisten. Pro Jahr registrieren wir etwa 8000 Menschen, die auf einen Therapieplatz warten. Durchschnittlich warten sie sieben Monate, manche aber auch 18 Monate. Das ist mehr als die Wartezeit in der Regelversorgung.

Flucht aus Afghanistan: Interview mit Lukas Welz

Es heißt, bei Flüchtlingen und Asylbewerber:innen ist die Posttraumatische Belastungsstörung zehnmal häufiger als bei der allgemeinen Bevölkerung. Was brauchen betroffene Menschen?

Aus unserer Sicht kann ein Trauma nicht einfach therapiert und geheilt werden, es ist eine Erfahrung, die man lebenslang in sich trägt. Zusätzlich zu der Traumatisierung im Herkunftsgebiet haben Betroffene oft auch auf der Flucht Belastungen erlebt, beobachtet, wie Menschen sterben, sich hilflos gefühlt. Der ganzheitliche Ansatz der psychosozialen Zentren stellt ihre individuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Viele geflüchtete Überlebende haben zunächst ein hohes Bedürfnis nach Sicherheit, also auch nach einem sicheren Aufenthaltsstatus. Daher stehen anfangs oft asylrechtliche Beratung und psychosoziale Begleitung im Vordergrund und nicht selten eine Krisenintervention.

Was heißt Krisenintervention?

Das ist zunächst die Klärung, wie stark die psychische Belastung aktuell ist. Brauchen wir fachärztliche Behandlung? Dann wird gemeinsam geschaut, was sind jetzt deine Rechte – wie können wir dich unterstützen, hier anzukommen, Sicherheit und eine Perspektive zu finden? Dann Entlastung durch Krisengespräche, Kontakt und Vertrauensaufbau. Aber auch soziale Aktivitäten können eine therapeutische Wirkung entfalten, weil sie Gemeinschaft bilden und Menschen stabilisieren. In Berlin haben wir außerdem eine Fachstelle für LGBTIQ-Geflüchtete sowie eine Fachstelle für Geflüchtete mit körperlichen Beeinträchtigungen, um auch besondere Bedürfnisse im Blick zu haben. Die Zentren müssen Sicherheit und Stabilität vermitteln, damit die Menschen, die oft Zeugen strafrechtlich relevanter Verbrechen wurden oder selbst Folter erlebt haben, sich öffnen können und Vertrauen fassen. Erst im geschützten Raum können sich therapeutische Aktivitäten entfalten.

Zur Person

Lukas Welz leitet den Bundesverband Psychosozialer Zentren für Überlebende von Krieg, Folter und Flucht (BAfF). Er hat Selbstorganisationen der Sinti/Roma begleitet, zur Entschädigung für NS-Unrecht gearbeitet und leitet ehrenamtlich Amcha Deutschland, einen Verein, der sich um psychosoziale Hilfe für Überlebende der Shoah und ihrer Nachkommen bemüht.

44 Initiativen, Einrichtungen und Behandlungszentren sind derzeit in der BAfF vernetzt, die sich die psychosoziale und therapeutische Versorgung von Geflüchteten sowie Opfern von Folter und anderen schweren Menschenrechtsverletzungen in Deutschland zur Aufgabe gemacht haben.

Die psychosozialen Zentren sind meist an einen der großen Wohlfahrtsverbände angedockt, sind aber projekt- und spendenfinanziert. Die ersten Einrichtungen dieser Art gründeten vor fast 40 Jahren Exil-Chilen:innen. Sie wollten in Deutschland Angebote schaffen, um die Erfahrungen der Gewaltdiktatur in Südamerika zu verarbeiten. sha

Lukas Welz leitet den Bundesverband Psychosozialer Zentren für Überlebende von Krieg, Folter und Flucht.

Flucht aus Afghanistan: Risiko von Depressionen und Angststörungen

Wie gestaltet sich die Hilfe denn konkret?

In den ersten Gesprächen wird das Anliegen geklärt und dann gemeinsam festgelegt, wie eine sinnvolle Unterstützung aussehen kann. Das kann sehr unterschiedlich sein: Bei manchen dominieren zunächst soziale oder aufenthaltsrechtliche Probleme, andere benötigen ein Gegenüber, damit sie mit ihren schrecklichen Erinnerungen nicht allein sind und therapeutisch aufgefangen werden. Manchmal braucht es nur eine kurze Unterstützung, manche benötigen jahrelange Begleitung. In der Regel wird gedolmetscht, denn die Kommunikation ist natürlich zentral in der therapeutischen Arbeit. Leider werden die Kosten für Sprachmittlung in den Psychotherapien nicht übernommen, so dass sie anderweitig finanziert werden müssen.

Was passiert, wenn Traumatisierte oder anders psychisch Geschädigte nicht angemessen behandelt werden?

Das lässt sich nicht pauschal sagen. Es besteht das Risiko von Chronifizierungen, Depressionen, Angststörungen, die natürlich auch das weitere Ankommen, sprachlich, sozial, beruflich-schulisch, weiter erschweren. Im Zusammenhang mit dem Anschlag in Würzburg etwa wurden wir oft gefragt, ob von traumatisierten Menschen eine größere Gefahr für andere ausgehe. Das können wir ganz klar verneinen: Die größte Gefahr sind diese Menschen für sich selbst, da ist leider eine hohe Suizidalität festzustellen, insbesondere wenn sie von Abschiebung bedroht sind.

Flucht aus Afghanistan: Passivität in Deutschland

Fehlendes Geld für Sprachmittlung haben Sie angesprochen. Gibt es weitere Schwierigkeiten?

Von Seiten des Bundes gibt es keine Grundfinanzierung, das ist das Hauptproblem. Die Zentren sind meist an einen der großen Wohlfahrtsverbände angeschlossen und projekt- und spendenfinanziert. Vereinzelte Bundesländer übernehmen inzwischen immerhin eine Teilfinanzierung, aber das bewegt sich in einem kleinen Bereich. Wir machen diese Arbeit also ohne finanzielle Sicherheit. Und, wie schon angesprochen, reichen die Kapazitäten nicht aus, um den Bedarf in Deutschland zu decken. Dazu kommen asylpolitische Probleme aufgrund von Rechtsverschärfungen. Das so genannte Geordnete-Rückkehr-Gesetz etwa erschwert, dass Atteste von psychologischen Psychotherapeut:innen, die in der Regel diejenigen sind, die am nächsten an den Menschen dran sind, im Verfahren berücksichtigt werden. Es werden nur noch fachärztliche Atteste anerkannt. Somit sind viele schwer erkrankte Geflüchtete von Abschiebung bedroht, was gegen ihren besonderen Schutzbedarf verstößt; auch nach Afghanistan wurde ja bis vor wenigen Wochen noch abgeschoben. Das löst Unsicherheit in den Menschen aus – wenn man nicht weiß, ob man zumindest ein paar Monate oder auch Jahre bleiben kann, erschwert das die therapeutische Arbeit.

Und die Integration.

Oft ist die Flucht der Moment, in dem die Menschen das Gefühl haben, aktiv zu sein, ihr Leben noch in der Hand zu haben. Kommen sie dann in Deutschland an, werden sie in eine Passivität gezwängt und müssen jahrelang auf eine Entscheidung warten. Überlebende von Folter und Krieg benötigen eine bessere Versorgung, damit die für unsere Gesellschaft notwendige Integration gelingen kann. Sie müssen körperlich und seelisch in der Lage sein, trotz der belastenden und oft noch präsenten Vergangenheit ihre Gegenwart und Zukunft gut zu gestalten und Teil der Gemeinschaft zu werden. Nicht nur mit Blick auf das Individuum, sondern auch für den Staat und die Gesellschaft leisten die psychosozialen Zentren also eine zentrale Arbeit.

Interview: Sabine Hamacher

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