1. Startseite
  2. Politik

„Es gibt keine Alternative zu einem Umsturz“

Erstellt:

Von: Anna-Katharina Ahnefeld

Kommentare

Wagemutig: Das Handyfoto zeigt Händchen haltende Männer am Freitag bei Protesten in Zahedan. afp
Wagemutig: Das Handyfoto zeigt Händchen haltende Männer am Freitag bei Protesten in Zahedan. © afp

Die deutsch-iranische Journalistin Shahrzad Osterer spricht im Interview über die Chancen der Revolte im Iran.

Frau Osterer, es gab im Iran bereits frühere Revolutionen, die aktuellen Proteste wirken anders. Warum?

Die aktuelle Lage entspricht nicht mehr dem Begriff „Protest“, es handelt sich um eine regelrechte Revolte, deren Ausgang sehr wahrscheinlich den Sturz der jetzigen Herrscher und das Ende der Islamischen Republik bedeutet. Wir sehen, dass alle gesellschaftlichen Schichten, Religionen und Ethnien im Iran beteiligt sind – angefangen bei Schülern über Studenten bis hin zur alten Generation. Und die Revolte hat alle Landesteile erfasst, überall werden die eindeutigen Parolen skandiert: Nieder mit der Islamischen Republik.

Es sind vor allem junge Menschen, die auf die Straße gehen. Ist diese „Gen-Z“ mutiger als vorherige Generationen?

Zweifelsohne ja! Wenn ich an meine Schulzeit im Iran zurückdenke, muss ich eingestehen, dass wir diesen Mut nicht aufgebracht hätten. Wir hatten viel zu viel Angst vor den Autoritäten, unseren Lehrern und natürlich auch den brutalen sogenannten Sicherheitskräften.

Was hat sich verändert?

„Gen-Z“ hat weder die sogenannte Islamische Revolution mitbekommen, noch den achtjährigen Iran-Irak-Krieg. Meine Generation hat die Propaganda der Islamischen Republik über den Krieg inhaliert. Auch wenn viele von uns in offenen Familien aufgewachsen sind, die nichts vom System gehalten haben, sind wir mit den Bildern von Märtyrern und Kriegsgeschichten in der Schule aufgewachsen. Uns wurde mehr über den Tod als über das Leben erzählt. Unser normales Leben fand im Untergrund statt. Die „Gen-Z“ ist aber mit dem Netz aufgewachsen. Sie hat Youtube, Instagram und Tiktok. Sie wusste von Anfang an, wie ein normales Leben aussehen könnte. Deshalb ist sie unglaublich verzweifelt und nicht mehr bereit, Kompromisse einzugehen.

Verzweifelte Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind zu allem bereit. Hat das Regime deshalb Angst vor ihnen?

Ganz eindeutig ja, und auch zurecht, sonst würde das Regime nicht so brutal reagieren und beispielsweise ständig das Internet abschalten. Mittlerweile ist man ja selbst in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher. Die sogenannten Sicherheitskräfte brechen in Häuser ein und verschleppen Menschen, auch junge Menschen werden aus ihren Schulen entführt und an unbekannte Orte gebracht. Mittlerweile wird willkürlich auf Menschengruppen geschossen, von Scharfschützen. Privates Eigentum wird zerstört, auch meine Familie hat Überfälle der Sicherheitskräfte durchleben müssen, während sie in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren. All dies sind klare Anzeichen der Ratlosigkeit und Panik aufseiten des Regimes. Der Versuch, die Menschen einzuschüchtern und mit drakonischen Maßnahmen die Revolte zu stoppen, wird aber scheitern.

Nachrichten zum Thema

Kanzler Olaf Scholz wird aus Teheran scharf kritisiert: „Die Bemerkungen des deutschen Kanzlers waren provokativ, einmischend und undiplomatisch“, sagte Außenamtssprecher Nasser Kanaani am Sonntag. Scholz hatte am Samstag im Videopodcast gesagt: „Was sind Sie für eine Regierung, die auf die eigenen Bürgerinnen und Bürger schießt? Wer so handelt, muss mit unserem Widerstand rechnen.“

Die EU sollte die iranischen Revolutionsgarden auf ihre Terrorliste setzen, sagte Grünen-Chef Omid Nouripour der „Bild am Sonntag“. Die EU-Staaten wollen am Montag Sanktionen gegen 31 Verantwortliche und Organisationen des Mullah-Regimes verhängen.

In Berlin sind Exil-Iraner angegriffen worden, die mit einem Zeltlager für Frauenrechte und Demokratie in ihrem Heimatland demonstrieren. Ein 26-Jähriger hatte am Samstagabend Transparente der Aktivisten zerstört und diese mit einem Messer bedroht. Verletzt wurde niemand. (afp/dpa)

Es sind vor allem junge Frauen, Teenager, die gegen das Regime auf die Straße gehen und ihr Leben riskieren. Sie könnten Tochter, Schwester, Nichte sein. Wird das Regime gegen die eigenen Kinder vorgehen?

Das Regime macht es doch bereits, das ist nicht weiter verwunderlich, es war abzusehen. Schon im Krieg mit dem Irak in den 1980er-Jahren hat die Islamische Republik Kinder über Minenfelder geschickt, als menschliche Räumungskommandos. Ihnen wurden Schlüssel umgehängt und gesagt, sie würden damit ins Paradies kommen. Die Islamische Republik ist ein menschenverachtendes Geschwür, Machterhalt ist das einzige Ziel, und da wird massenhaft über Leichen gegangen und wenn es sein muss, auch über die Leichen der eigenen Leute. Bis jetzt sind 40 Kinder getötet worden. Die Dunkelziffer liegt viel höher.

Es scheint wie der Kampf „Alt gegen Jung“. Mehr als 60 Prozent der Bevölkerung im Iran ist jung. Wie kann sich ein Regime halten, wenn dessen Basis verschwindet, weil junge Menschen lieber sterben, als so zu leben?

Es ist eben nicht mehr ein Kampf Alt gegen Jung oder männlich gegen weiblich. Es ist ein Kampf der Menschlichkeit und Freiheit gegen Tyrannei der Islamischen Republik. Bisher konnte sich das Regime nur mit Brutalität und Einschüchterung halten. Denken wir an die Grüne Bewegung nach den Wahlen im Jahr 2009 oder an die Proteste in den Jahren 2018 und 2019. Auch hier kam es zu massenhaft Folterungen und Exekutionen. In den 1980er-Jahren gab es eine extreme „Säuberungswelle“. Das bedeutet, dass das Regime immer, wenn es zu brenzlig wurde, mit äußerster Gewalt reagiert hat. Aber eines muss uns klar sein – und den Iranerinnen und Iranern ist es ohnehin klar: Wenn sich das Regime dieses Mal auch halten kann, dann wird es ein extrem blutiges Nachspiel haben für die Menschen im Iran. Daher sehen sie sich mit einer Situation konfrontiert, in der es keine Alternative zum Umsturz gibt.

Was kann der Westen und Deutschland tun, um die Menschen in Iran zu unterstützen? Ist das die Stunde der feministischen Außenpolitik?

Ich bin täglich im Kontakt mit Menschen im Iran: Menschen, die versteckt leben, Angehörige von Menschen, die im Gefängnis sitzen, anderen, die täglich auf die Straße gehen und ihr Leben riskieren und auch Menschen, die auf die Straße gehen würden, aber eine große Angst haben, weil dort einfach auf sie und ihre Familien geschossen wird. Ihre Forderungen sind klar: Der Westen und Deutschland müssen sofort alle Beziehungen zum Iran abbrechen. Verhandlungen, Handel, Städtepartnerschaft – alles muss auf Eis gelegt werden. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem sich die Frage stellt, was eigentlich genau einer Realpolitik dient. Und hier sind es nicht mehr blutgetränkte Wirtschaftsinteressen gegenüber der Islamischen Republik, die ja der weltweit führende Sponsor von Terrorismus ist und im gesamten Nahen Osten eine aggressive Expansionspolitik verfolgt. Die Menschen im Iran fragen sich auch, was alles noch passieren muss, bis Deutschland, der größte Handelspartner des Iran innerhalb der EU, nicht mehr seine wirtschaftlichen Interessen über die Menschenrechte in unserem Land stellt.

Interview: Katharina Ahnefeld

Shahrzad Osterer.
Shahrzad Osterer. © Johannes Graf

Auch interessant

Kommentare