Stimmenauszählung: „Häufig zeigen sich im Wahlverhalten junger Menschen besonders deutlich genau die Trends, die eine Wahl insgesamt prägen.“
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Stimmenauszählung: „Häufig zeigen sich im Wahlverhalten junger Menschen besonders deutlich genau die Trends, die eine Wahl insgesamt prägen.“

Interview

Wählen ab 16: „Es geht darum, wie demokratisch unsere Republik sein soll“

  • Sabine Hamacher
    vonSabine Hamacher
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Politologe Thorsten Faas über Chancen und Risiken des abgesenkten Wahlalters, über Stimmverhalten und Erfordernisse politischer Jugendbildung. Ein Interview.

  • Eine Senkung des Wahlalters auf Bundesebene wird immer wieder Thema.
  • Nicht jede Partei ist dafür.
  • In manchen Bundesländern wurde das Alter aber schon gesenkt.

Herr Faas, was würde sich ändern, wenn bei der nächsten Bundestagswahl auch 16- und 17-Jährige wählen dürften?

Trivial, aber trotzdem wichtig ist, dass die Zahl der Wahlberechtigten größer würde und diese im Durchschnitt auch jünger wären – wir kämen dem Prinzip der allgemeinen Wahl also etwas näher. Trotzdem sollte man keine Revolution erwarten. Wenn Sie auf die Wahlbevölkerung insgesamt schauen, wäre das eine sehr moderate Erweiterung, denn diese Alterskohorten sind nicht so groß. Und mit Blick auf die Wahlbeteiligung ergäbe sich sogar die paradox anmutende Situation, dass sie wahrscheinlich sinken würde: Wir wissen, dass junge Leute im Vergleich zu Älteren weniger wahlfreudig sind. Das ist kein Grund, auf die Jugend von heute zu schimpfen, sondern war schon immer so.

Was die Positionen in der Politik betrifft, scheinen die Motive ziemlich durchsichtig zu sein. Die Gegner einer Absenkung des Wahlalters, eher in der Union zu finden, rechnen mit weniger Voten für sich, während sich Befürworter wie die Grünen großen Stimmenzuwachs versprechen. Ist es wirklich so einfach?

Diese Frage des Wahlalters und seiner möglichen Absenkung lässt sich politisch sehr klar verorten: Mitte-links-Parteien stehen dem offener gegenüber als Parteien rechts der Mitte. Es ist auch legitim, solche Fragen unter machtpolitischen Aspekten zu betrachten, denn sie legen die Spielregeln fest. Damit sind eben auch Vor- oder Nachteile für bestimmte Parteien verbunden. Ganz so einfach ist es trotzdem nicht. Denn der eigentliche Unterschied ist, dass junge Menschen in ihrem Wahlverhalten weniger festgelegt sind als Ältere und auch offener sind für Impulse aus ihrem Umfeld.

Thorsten Faas

Wahlverhalten junger Menschen zeigen Trends, die eine Wahl prägen können

Was folgt daraus?

Häufig zeigen sich im Wahlverhalten junger Menschen besonders deutlich genau die Trends, die eine Wahl insgesamt prägen. Wenn eine Wahl also für die Unionsparteien sehr gut läuft, kann es sein, dass sie auch bei Erstwählerinnen und Erstwählern überproportional gut abschneiden. In jüngerer Vergangenheit haben aber häufig gerade die Grünen sehr stark profitiert. Allerdings können auch SPD und Linke dem Wählen mit 16 etwas abgewinnen, obwohl sie, entsprechenden Analysen folgend, bei den Jungen gar nicht so gut abschneiden. Es geht also nicht nur um den eigenen Nutzen, sondern auch die Frage, wie offen, durchlässig und demokratisch unsere Republik sein soll.

Bei den Landtagswahlen 2019 durften in Brandenburg die 16- und 17-Jährigen bereits wählen, in Sachsen nicht. Welche Unterschiede haben Sie festgestellt?

Diese Situation der zeitgleichen Wahlen in beiden Ländern war für uns sehr spannend, weil sie die Chance eröffnet haben, in den Raum gestellte Aussagen rund um das Wahlalter auch empirisch zu prüfen. Insbesondere mit Blick auf die 16- und 17-Jährigen, aber auch die 18- oder 19-Jährigen haben wir wenige Unterschiede gefunden, was das politische Interesse und Wissen betrifft. Das Argument, die Jüngeren seien „noch nicht so weit“, ist also so nicht haltbar – sie sind so interessiert und wissend wie diejenigen, die schon wählen dürfen. Da stellt sich aus empirischer Sicht schon die Frage, warum wir ihnen das Wahlrecht verwehren.

Zur Person

Thorsten Faas ist Politikwissenschaftler am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Zusammen mit Arndt Leininger untersuchte er in einer von der Otto-Brenner-Stiftung finanzierten Studie empirisch, welche Chancen und Risiken damit verbunden sind, wenn schon 16- und 17-Jährige wählen dürfen. Die Bilanz von Projektleiter Leininger: „Wir finden wenig, was gegen eine Absenkung des Wahlalters spricht.“

Die Studie nimmt die Landtagswahlen am 1. September 2019 in Brandenburg und Sachsen in den Blick: Während die 16- und 17-Jährigen in Brandenburg an diesem Tag wählen durften, blieb ihren Altersgenoss:innen in Sachsen das Recht verwehrt. Befragt wurden fast 7000 Menschen zwischen 15 und 24 Jahren. https://www.otto-brenner-stiftung.de/waehlen-mit-16

Senkung des Wahlalters auf 16 Jahren kein Selbstläufer

Es gibt die Erwartung, Wählen mit 16 führe automatisch zu gleicherer und höherer Wahlbeteiligung bei allen jungen Menschen. Weil die Jugendlichen noch zur Schule gehen und zu Hause wohnen, könnten sie besser informiert, mobilisiert und erreicht werden, lautet das Argument. Das stimmt und ist ein Vorteil. Es ist aber kein Selbstläufer, denn nicht alle können sofort wählen, wenn sie 16 sind. Wenn eine Wahl ansteht, sind sie vielleicht schon 17 oder 18. Wer in diesem Alter noch zur Schule geht und zu Hause wohnt, strebt tendenziell das Abitur an – ist also ohnehin schon bildungsmäßig privilegiert. Damit ein niedrigeres Wahlalter also nicht nur denjenigen nutzt, bei denen qua Schule und Elternhaus sowieso schon eine Menge Politik ankommt, muss entsprechend in Berufsschulen und generell politische Bildung investiert werden.

Aber das Problem stellt sich ja bei den 18-Jährigen genauso.

Das stimmt. Ich wollte damit sagen, dass die optimistische Erwartung, dass es automatisch besser wird, wenn man das Wahlalter auf 16 absenkt, ein bisschen naiv ist.

Demokratischer Grundsatz: Eine Person, eine Stimme muss unangetastet bleiben

Wo liegt für Sie die Grenze für eine Absenkung des Wahlalters?

Voraussetzung ist sicherlich, dass eine Konzeption von Politik, Macht und demokratischer Beteiligung in den Köpfen junger Menschen vorhanden ist. Ich kann aber nicht sagen, das richtige Alter liegt bei X. Es gibt keine natürliche Grenze. Das Wahlalter auf 18 zu legen und so mit der Volljährigkeit zu verknüpfen, speist sich einerseits aus normativen Überlegungen. Andererseits wird niemand leugnen, dass es Entwicklungen im Älterwerden gibt. Trotzdem braucht es klare Grenzen, ab denen bestimmte Rechte, aber auch Pflichten gegeben sind. Würde man sagen, nur wer reif ist, darf wählen, müsste man das auch bei den Älteren prüfen. Empirisch ist es allerdings heute schon so, dass wir in einigen Bundesländern das Wahlalter 16 haben, in anderen 18. Wie wollen Sie das jungen Menschen vermitteln? Wie am Beispiel Brandenburg und Sachsen zu sehen war, ist es unfair, dass die einen dürfen und die anderen nicht.

Was halten Sie von einem Wahlrecht für Kinder?

Ich finde alles problematisch, was in Richtung stellvertretende Wahrnehmung des Wahlrechts geht – wenn also etwa Eltern für ihre Kinder wählen. Wie schwierig das wäre, zeigen Überlegungen, Vater und Mutter je eine halbe Stimme zu geben: Offensichtlich ist nicht so klar, was das Kind eigentlich will. Der demokratische Grundsatz lautet: eine Person, eine Stimme. Das ist fundamental. Auch ein Wahlrecht auf Antrag nach dem Motto, wer will, soll auch dürfen, finde ich schwierig. Daraus kann die Ungleichheit entstehen, über die wir eben schon gesprochen haben – denn diese Anträge würde sicherlich nicht gleich über alle Schichten und Gruppen verteilt sein.

Interview: Sabine Hamacher

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