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„Es geht darum, die kulturelle Identität zu retten“

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Von: Lisa Berins

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Beate Reifenscheid.
Beate Reifenscheid. © Natalie Kurth, SWR

Museumsratspräsidentin Beate Reifenscheid berichtet über die vielfältigen Versuche, die ukrainische Kultur trotz der systematischen Verwüstung durch die Russen zu erhalten.

Frau Reifenscheid, wie groß schätzen Sie den Verlust von Kulturgut in der Ukraine durch den Krieg ein – und was sind Ihre Befürchtungen?

Wir haben momentan keinen genauen Überblick darüber, was zerstört und verlorengegangen ist, da sich die Lage täglich verändert. Fest steht, dass der Verlust massiv ist. Mariupol ist im Grunde ausradiert und damit die Museen, Kirchen, Bibliotheken und Denkmäler der Stadt. Vor allem die Ostukraine steht seit Anfang des Krieges unter Beschuss, aber es ist auch schon ein Museum in Iwankiw zerstört worden. Meine Befürchtung ist, dass sich der Ukraine-Krieg in den Westen ausweiten und dort vielleicht auch die sieben ukrainischen Weltkulturerbestätten zerstören könnte.

Es ist schon ein bedeutender ukrainischer Kunstschatz verloren gegangen: etwa 200 Objekte des 2000 Jahre alten Skythengoldes. Wie ist das passiert?

Ein Teil des Golds der Skythen lagerte im Heimatkundemuseum in Melitopol, und die Direktorin hatte es vorsorglich vor dem Zugriff der Russen versteckt. Als die Stadt besetzt wurde, haben russische Soldaten die Direktorin abgeführt, ein Mitarbeiter, der später zum neuen Direktor wurde, hat das Versteck verraten, und das Gold der Skythen wurde nach Russland gebracht. Ein Teil des Schatzes ist derzeit aber noch in Amsterdam, wo die Exponate vor Jahren bei einer Ausstellung gezeigt wurden. Schon 2014, als die Krim annektiert wurde, forderte Russland die Herausgabe. International wurde darüber entschieden, dass das Gold nicht in einem Krieg herausgegeben werden muss. Die Besitzverhältnisse sind klar, das Skythengold gehört der Ukraine. Aber was wäre, wenn die Ukraine fallen würde? Dann könnte es offiziell den Russen gehören.

Ukraine-Krieg: Kulturgüter in Gefahr

Wie können Sie Kulturgüter vor Zerstörung und Kunstraub schützen?

Die ukrainischen Museumsmitarbeiter:innen und andere Kolleg:innen vor Ort versuchen, die Werke an sichere Stellen zu bringen. Dafür benötigen sie Material wie Transportkisten für Kunstwerke und Luftpolsterfolie. Wir koordinieren mit zahlreichen Organisationen und ICOM-Komitees den Transport solcher Hilfsgüter in die Ukraine, auch von Feuerlöschern, Brandschutzdecken, Scannern etc. Die deutschen Organisationen und Museen sind sehr engagiert und versuchen, ihre Partnerinstitutionen oder andere ukrainische Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen.

Könnte man Kunstwerke aus der Ukraine heraustransportieren?

Nein, das ist politisch und juristisch nahezu unmöglich. Die Ukraine möchte das verständlicherweise auch nicht. Schwierig wären derzeit allein schon die Transporte, die restauratorische Betreuung, die Versicherung, die Lagerung.

ZUR PERSON

Beate Reifenscheid ist seit 2017 Präsidentin des Museumsrats ICOM (International Council of Museums) Deutschland, der von der Bundesregierung zur Koordination des „Netzwerks Kulturgutschutz Ukraine“ eingesetzt wurde. beri Bild: Natali Kurth

Ist es denn überhaupt noch möglich, Hilfslieferungen in das Kriegsgebiet zu schicken?

Durch die Zerstörung wichtiger Infrastruktur ist es sehr schwierig geworden. Am Anfang wurden die Güter von der Deutschen Bahn transportiert oder international agierenden Speditionen, zuletzt auch mit privat organisierten LKW, aber das ist kaum noch möglich. Es wurden Brücken zerstört, Straßen, Schienen, selbst der Seeweg ist blockiert. Derzeit ist es eine große Herausforderung. Unsere Arbeit verlagert sich jetzt stärker auf die digitale Erfassung von Kulturgütern.

Wozu sind diese digitalen Backups wichtig?

In der Vergangenheit haben die ukrainischen Museen, Bibliotheken und Archive schon viele Werke und Bestände erfasst, aber es geht auch darum, die Digitalisate vor einem möglichen Datenklau zu sichern, beziehungsweise vor der etwaigen Zerstörung der Server durch Bomben, Feuer oder Löschwasser. Gemeinsam mit dem Deutschen Archäologischen Institut, den Bundesarchiven, dem Verband der Deutschen Kunsthistoriker und anderen helfen wir bei der Sicherung großer Datenmengen. Koordiniert geschieht dies über sichere Clouds.

Es gibt mittlerweile auch eine App, mit der Ukrainer:innen ihre direkte Umgebung als 3D-Modell erfassen und dann auf eine Plattform laden können. Wie finden Sie das?

Ukraine-Krieg: „Es geht hier nicht nur um wertvolle Kunst“

Je mehr Menschen bei der Erfassung helfen, desto besser. Die digitalen Möglichkeiten sind groß, hier helfen beispielsweise auch Luftaufnahmen: Aus strategischen Gründen ist es wichtig, eine Kartografie zu erstellen von historischen Gebäuden und Denkmälern. Dadurch kann man zu einem späteren Zeitpunkt wertvolle Aufbauarbeit unterstützen und Orte rekonstruieren.

Bei Kunstwerken liegt der Wert in ihrer Originalität – da ist eine virtuelle Simulation oder Rekonstruktion unbefriedigend.

Das stimmt. Aber ich denke, es geht hier nicht nur um wertvolle Kunst, sondern um den Versuch, die kulturelle Identität der Ukraine zu retten. Und dazu gehört alles: Das kann selbst die einfachste Bauerntasse aus einem ukrainischen Dorf sein, natürlich auch immaterielles Kulturerbe, Geschichtsschreibung und Literatur. Kulturgutschutz geht in die Breite, und es ist wichtig, hierfür das Bewusstsein zu schaffen. Russland verfolgt sichtbar das Ziel, das Land, aber auch die ukrainische Identität zu zerstören. Von daher ist alles, was in irgendeiner Form gesichert und gerettet werden kann, ganz wesentlich. (Interview: Lisa Berins)

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