Mit kleinen, dann immer größeren Schritten zum Erfolg: Alexandria Ocasio-Cortez während einer Rede in New York.
+
Mit kleinen, dann immer größeren Schritten zum Erfolg: Alexandria Ocasio-Cortez während einer Rede in New York.

USA-Wahl

Es bewegt sich was

  • Sebastian Moll
    vonSebastian Moll
    schließen

Aufstrebende Politikerinnen wie Alexandria Ocasio-Cortez machen berechtigte Hoffnung, dass die Demokratie in den USA doch noch nicht verloren ist.

Alexandria Ocasio-Cortez lacht einen in diesen Tagen an jedem Kiosk der USA an: Das Glamour-Magazin „Vanity Fair“ hat sie pünktlich zur Wahl auf ihre Titelseite gehoben. Wenn es noch eines Beleges bedurft hätte, dass „AOC“ zur A-List-Prominenz in den Vereinigten Staaten gehört, dann war er mit diesem Cover erbracht.

Seit ihrer Wahl in das Abgeordnetenhaus vor zwei Jahren vergeht kein Tag, an dem Ocasio-Cortez nicht in den Nachrichten ist. Für die US-amerikanische Linke ist die selbstbewusste Latina aus New York ein Symbol der Zukunft und der Hoffnung, für die Konservativen ein formidables Feindbild. Und ihre Strahlkraft reicht weit über die Politik hinaus. „AOC“ hat Politik schick gemacht.

Am Ende eines langen Wahlkampfes, in dem nicht nur der Präsident, sondern auch der Kongress neu gewählt wurde, wollte der Shootingstar der Washingtoner Politik jedoch all das hinter sich lassen und die Zeit um zwei Jahre zurückdrehen. Kurz bevor am 3. November an der Ostküste die Wahllokale schlossen, trat Ocasio-Cortez vor das Ladenbüro ihrer Kampagne unter einer Hochbahnlinie in der Bronx und umarmte, Corona zum Trotz, jeden einzelnen der Freiwilligen, die für sie auf den Straßen ihres Heimatkiezes Wahlkampf betrieben hatte. Immerhin, die Schutzmaske blieb auf.

In diesem Moment war sie wieder eine von ihnen, eine jener jungen Idealistinnen, die wochen- ja monatelang in New York von Tür zu Tür gegangen waren, um mit Menschen zu reden, um sie davon zu überzeugen, an die Wahlurne zu gehen und um ihnen Mut zu machen, dass sie nicht vergessen sind und dass sich für sie etwas verändern kann, wenn sie jemanden wählen, der sich für sie einsetzt.

Ocasio-Cortez glaubte schon immer fest an die Bedeutung dieser Basisarbeit, sie war schon immer die Grundlage ihres Erfolges. Sie hat in der US-Politik die Mobilisierung marginalisierter Gruppen zum Erfolgsrezept gemacht. Und so geriet ihre leidenschaftliche Rede an ihre Helferinnen und Helfer an jenem strahlend schönen Novembertag auch zu einer anrührenden Ode an die US-amerikanische Demokratie.

„Eure Arbeit“, sagte Ocasio-Cortez zu den Helferinnen und Helfern, die sich auf dem Gehweg um sie herum versammelt hatten, „ist absolut unverzichtbar.“ Jedes mit einem möglichen Wähler, mit einer möglichen Wählerin geführte Gespräch sei wichtig, auch wenn es sich nicht sofort in einer Stimme niederschlage. Und je mehr Menschen hier im Bezirk, dem ärmsten der gesamten USA, am politischen Prozess teilnähmen, desto mehr Macht habe der Bezirk: „Wir können die Kandidaten dazu zwingen, auf uns zu hören, gleich, ob es um den Bürgermeisterposten geht oder um die Präsidentschaft.“

Die Working Families sind eine Macht

Ocasio-Cortez’ Wiederwahl bei einem überaus finanzkräftigen Gegner in der Bronx wurde noch am selben Abend bestätigt. Bis die Sendernetzwerke Joe Biden zum nächsten Präsidenten der USA ausriefen, sollte es hingegen noch quälende 90 Stunden dauern. Doch spätestens am Samstagnachmittag war dem ganzen Land klar, was Ocasio-Cortez bereits am Dienstagabend gepredigt hatte: Demokratie funktioniert, wenn man nur mitmacht.

Der Biden-Sieg über Trump war ein festlicher Triumph der US-amerikanischen Leidenschaft für die Demokratie, einer Leidenschaft, die sich am Wochenende in einer gigantischen landesweiten Straßenparty entlud. „Es war nicht selbstverständlich, dass Amerikaner auf politische Dysfunktionalität mit einer größeren Politisierung reagieren würden“, schrieb der Soziologe Martin Eiermann auf dem politischen Diskussionsforum „Persuasion“. „Dass Menschen auf die Straße gehen würden, die noch nie demonstriert hatten, und dass Vokabeln wie ,systemischer Rassismus‘ in den Mainstream aufgenommen werden. Es gab gute Gründe, zynisch und apathisch zu werden. Aber das Gegenteil ist passiert.“

Die politische Mobilisierung zeigte sich besonders an der Wahlbeteiligung. Trotz der Corona-Pandemie gingen prozentual so viele US-Amerikaner:innen wählen wie seit 1908 nicht mehr. In absoluten Zahlen hatten noch nie in der Geschichte des Landes so viele Menschen ihre Stimme abgegeben. Und nie zuvor haben sich in den USA so viele Menschen am politischen Prozess beteiligt. Millionen halfen, Wähler:innen in Wahllisten einzutragen, riefen Unentschlossene an, halfen beim Spendensammeln oder stellten sich als Wahlbeobachter vor die Wahllokale.

„Es war ein wunderschöner Anblick“, schrieb die „New York Times“ in einem Editorial. „Neben all der Angst und Anspannung hat diese Wahl vor allem auch eine unparteiische, patriotische Teilhabe am politischen Prozess hervorgebracht. Amerikaner kämpfen um die Zukunft des Landes und sind sich über Parteigrenzen hinweg darüber einig, dass dieser Kampf sich lohnt.“ Am Wahltag schien diese feurige politische Energie schier überzukochen. Es war, als wollte sich niemand vorwerfen lassen, nicht bis zum Letzten absolut alles getan zu haben. So explodierte schon um viertel nach fünf am Morgen die Whatsapp-Gruppe der Working Families Party. „Welche Wahllokale müssen im Norden von Manhattan noch besetzt werden?“, wollte Hannah wissen. „An der 169ten brauchen wir noch Leute“, antwortete Max. „Brauchst Du noch Flugzettel? Ich habe welche an der 153ten.“

Die Working Families sind eine Macht in der Politik von New York, sie unterstützen seit vielen Jahren linksprogressive Kandidatinnen und Kandidaten von Alexandria Ocasio-Cortez bis hin zu Stadtverordneten, und wer es in New York zu etwas bringen will, der buhlt um ihre Gunst. Sie sind straff organisiert und können Hunderttausende von Wählern mobilisieren.

An diesem Tag herrschte in den Reihen der Working Families eine nervöse Aufregung wie nie zuvor. Lindsay Boylan etwa hatte sich schon um sechs Uhr früh an die Ecke der 97ten Straße und Amsterdam Avenue aufgestellt und verteilte die Liste mit den Wunschkandidaten der Working Families von Joe Biden bis Ocasio-Cortez. Die Zeit, davon war Boylan überzeugt, war reif für ihre Ideen. „Unter Trump ist die Ungleichheit in den USA noch größer geworden als ohnehin schon. Die Menschen haben in einer Zeit, in der sie es am meisten brauchen, am wenigsten Krankenversorgung, und Trump will auch den Rest noch wegnehmen. Eine Mehrheit einfacher Familien kommt kaum noch über die Runden“, sagte sie mit aufgekratzter, leidenschaftlicher Energie. Natürlich war sich Boylan darüber im Klaren, dass eine Regierung Biden nicht ohne weiteres progressive Politik machen wird. „Doch nur, wenn wir uns engagieren, können wir später auch Druck ausüben.“

Diese überschäumende politische Energie erschlaffte auch nicht, als am 3. November die Wahllokale schlossen. Als es am Mittwochnachmittag noch immer kein Ergebnis gab und Trump drohte, die Auszählung in bestimmten Staaten stoppen zu lassen, gingen überall im Land die Menschen auf die Straße. In Downtown Manhattan hallten die Parolen: „Every Vote Counts“ – jede Stimme zählt – durch die Straßen, skandiert von einer Ansammlung von Menschen aus allen Teilen der Bevölkerung.

Natürlich wäre es leicht, diese Welle der demokratischen Partizipation alleine auf Trump zurückzuführen. Demzufolge wäre mit Trumps Abwahl das Ziel erreicht. Die Freiwilligen könnten nach Hause gehen. Doch man bekommt in den Straßen der USA derzeit eher den gegenteiligen Eindruck. Der Triumph, die Erfahrung der eigenen Macht, hat die politisierte Bevölkerung motiviert. So waren sich die Freiwilligen der Working Families Party in New York am Samstag einig, dass sie kaum den Wahlkampf um die Bürgermeisterwahl 2021 abwarten können. Und als Alexandria Ocasio-Cortez ihren Helfern sagte, diese Wahl sei kein Ende, sondern ein Anfang, erntete sie lauten Beifall.

Die Erfahrung, das Demokratie funktioniert, lässt sich so schnell nicht mehr aus dem Bewusstsein tilgen. Sie gibt dem Land einen Schub Optimismus, den es nach den vergangenen vier Jahren dringend braucht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare