MUSTER_POL1_Hoch_01-B_134521_8
+
Prügelnde Polizisten in Minsk: Lukaschenko zeigt Demonstranten, wer „Wahlsieger“ ist.

Belarus

Erzwungene Ausreise?

  • Damir Fras
    vonDamir Fras
    schließen

Oppositionskandidatin Swetlana Tichanowskaja verlässt Belarus Richtung Litauen.

Dramatische Wende im blutigen Machtkampf in Belarus: Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja, die sich von Präsident Alexander Lukaschenko um den Wahlsieg betrogen sieht, hat ihr Heimatland verlassen und ist nach Litauen ausgereist. Ob sie das freiwillig getan hat oder auf Druck der belarussischen Behörden, blieb unklar. Vertraute der Herausforderin deuteten allerdings an, dass der Machtapparat von „Europas letztem Diktator“ Druck ausgeübt hat.

Die genauen Umstände der Ausreise blieben am Dienstag im Dunkeln. Es kursierten zwei Videos im Internet. In einer Aufnahme rief Tichanowskaja ihre demonstrierenden Landsleute auf, zu Hause zu bleiben. „Ich will kein Blut und keine Gewalt“, sagte sie. Dabei saß Tichanowskaja auf einer Couch und schien von einem Blatt Papier abzulesen. Kein einziges Mal blickte sie in die Kamera. Sie sagte, die Menschen in Belarus sollten sich nicht der Polizei widersetzen und die Gesetze respektieren. Die Menschen hätten am Sonntag ihre Wahl getroffen.

Im anderen Video erklärte Tichanowskaja mit stockender Stimme, warum sie sich in Litauen in Sicherheit gebracht habe: „Ich dachte, der Wahlkampf hätte mich abgehärtet und mir die Kraft gegeben, alles durchzustehen. Aber wahrscheinlich bin ich doch die schwache Frau geblieben, die ich zu Beginn war.“ Sie spricht davon, dass sie die Entscheidung selbstständig getroffen habe. „Viele werden mich verstehen, mich verurteilen oder hassen. Aber Gott bewahre, dass sie je vor so einer Wahl stehen müssen, wie ich es musste.“ Das Video endet mit den Worten: „Leute, passt bitte auf euch auf. Kein Leben ist es wert, was jetzt passiert. Kinder sind das Wichtigste im Leben“, sagte Tichanowskaja.

An welchem Ort die Videos aufgenommen wurden, war nicht zu klären. Eine Vertraute der Kandidatin sagte, Tichanowskaja habe nach der Wahl Stunden bei der Wahlkommission zugebracht. „Wir wissen nicht, welcher Art von Druck sie ausgesetzt war, und wie sie versucht haben, sie zu brechen“, sagte Olga Kowalkowa.

Die Aussagen Tichanowskajas in den Videos stehen in scharfem Gegensatz zu ihren Reaktionen, nachdem sich Staatschef Lukaschenko am Sonntagabend zum Wahlsieger ausgerufen hatte. Sie werde im Land bleiben, sagte sie. Außerdem legte sie am Montag offiziell Beschwerde gegen das Wahlergebnis ein.

Danach tauchte sie zunächst ab. Der litauische Außenminister Linas Linkevicius schrieb am späten Montagabend auf Twitter: „Habe stundenlang versucht, Swetlana Tichanowskaja zu erreichen. Nicht einmal ihre Mitarbeiter wissen, wo sie sich aufhält. Bin besorgt um ihre Sicherheit.“

Am frühen Dienstagmorgen passierte Tichanowskaja schließlich die Grenze nach Litauen. Eine Vertraute sagte dem Internetportal tut.by, die belarussischen Behörden hätten die 37-Jährige außer Landes gebracht: „Sie hatte keine Wahl.“

Es ist nicht auszuschließen, dass der Machtapparat Lukaschenkos der Oppositionsführerin gedroht hat. Denn ihr Mann, der bekannte Blogger Sergej Tichanowski, sitzt seit Monaten in Haft. Er wollte ursprünglich gegen Lukaschenko antreten. Die beiden Kinder hatte die ehemalige Fremdsprachenlehrerin schon vor der Wahl nach Litauen geschickt.

Ein Toter bei Protesten

Lukaschenko, der Belarus seit 1994 mit harter Hand regiert, hatte am Sonntagabend den Sieg bei der Präsidentschaftswahl für sich reklamiert. Seither erschüttern Massenproteste die ehemalige Sowjetrepublik. Die Opposition um Tichanowskaja wirft Lukaschenko massive Wahlmanipulationen vor.

Bei Auseinandersetzungen mit der Polizei wurden Tausende Demonstranten verhaftet. Viele Menschen wurden verletzt, in der Hauptstadt Minsk starb ein Demonstrant. Die Behörden gaben an, dass in der Hand des Mannes ein Sprengsatz explodiert sei, den er auf Polizisten haben werfen wollen. Eine unabhängige Bestätigung für diese Darstellung gab es nicht.

In der EU mehren sich die Stimmen, die scharfe Sanktionen gegen Lukaschenko fordern. Allerdings müssen alle 27 Mitgliedstaaten zustimmen. Mögliche Sanktionen können erst Ende August bei einem informellen Treffen der EU-Außenminister besprochen werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare