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Schnell weg: Isaf-Soldatin beim Neujahrslauf in Kabul.

Afghanistan

USA erwägen kompletten Abzug

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Drohgebärde oder realistische Option? Die USA erwägen einen Totalabzug ihrer Soldaten aus Afghanistan. Damit verlassen sie die Linie der Nato, die den Afghanen militärische Unterstützung auch nach Ende ihres Kampfeinsatzes 2014 versprochen hat.

Es wäre die Abkehr vom bisherigen Plan für die Zukunft Afghanistans. Die US-Regierung hat nun erstmals eingeräumt, dass sie den vollständigen Abzug ihrer Soldaten aus Afghanistan zum Jahreswechsel 2014/2015 nicht ausschließt. Das soll vor allem Präsident Hamid Karsai unter Druck setzen. Dieser ist am Donnerstag und Freitag zu Besuch in Washington und wird mit Präsident Barack Obama darüber verhandeln, wie die US-Hilfe für Afghanistan nach dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes in weniger als zwei Jahren aussehen soll.

Der Komplettabzug der derzeit noch 66?000 in Afghanistan stationierten US-Soldaten sei eine Option, die erwogen werde, sagte jetzt Benjamin Rhodes, der stellvertretende nationale Sicherheitsberater Obamas, in einem Konferenztelefonat mit Journalisten in Washington. Die Verhandlungen mit Karsai müssten nach Ansicht Obamas nicht unbedingt das Ziel haben, in jedem Fall US-Truppen in Afghanistan zu belassen. Rhodes’ indirekte Drohung speist sich aus der Sorge Washingtons, dass sich Karsai möglicherweise dagegen sperren könnte, zurückbleibenden US-Soldaten strafrechtliche Immunität zu gewähren. Am Streit darüber war etwa die Stationierung eines US-Militärkontingents im Irak gescheitert. Die Folge: Abzug sämtlicher US-Truppen aus dem Irak.

Innerhalb der Nato, die den Einsatz in Afghanistan führt, ist vereinbart, den sogenannten Kampfeinsatz in dem Land bis Ende 2014 abzuschließen und die Verantwortung für die Sicherheit nach und nach vollständig an einheimische Polizei und Armee zu übergeben. Von 2015 an sollen aber weiterhin ausländische Soldaten in Afghanistan stationiert bleiben, um Ausbildungshilfe zu geben und Jagd auf mutmaßliche Terroristen zu machen. Die Washingtoner Drohung an Karsai stellt diesen Plan infrage. Obamas Sprecher Jay Carney versuchte, Sorgen zu zerstreuen, die USA könnten sich vollständig von Afghanistan abwenden. In den Gesprächen Karsais mit Obama, US-Außenministerin Hillary Clinton und Verteidigungsminister Leon Panetta werde es um „unsere gemeinsame Vision einer andauernden Partnerschaft“ gehen, sagte Carney. Auch Sicherheitsberater Rhodes erklärte, die Ziele der USA seien es, Al-Kaida in Afghanistan zu vernichten und sicherzustellen, dass die afghanische Armee gut ausgebildet und ausgestattet sei. Offenbar wird in der US-Regierung diskutiert, ob diese Ziele auch ohne die Präsenz von US-Soldaten auf afghanischem Boden erreicht werden könnten. Nach Ansicht ziviler Experten könnte das aber zu einer Verschärfung des Bürgerkriegs führen.

Stufenplan soll vorliegen

Nach Medienberichten hat Präsident Obama die ersten Vorschläge für die zukünftige Stärke der US-Truppen in Afghanistan abgelehnt. US-General John Allen, Oberkommandeur der Isaf in Kabul, schlug demnach vor, zwischen 6?000 und 20?000 US-Soldaten im Land zu belassen. Mittlerweile soll ein Stufenplan vorliegen, wonach 3?000, 6?000 oder 9?000 Soldaten in dem Land bleiben könnten – abhängig von der militärische Lage in den kommenden zwei Jahren.

Stanley McChrystal, Ex-Isaf-Kommandeur, drängte die US-Regierung in der New York Times dazu, in jedem Fall Truppen in Afghanistan zu belassen: „Wenn wir es zulassen, dass Afghanistan völlig instabil wird, dann wird es schwer, Pakistans Stabilität zu erhalten.“ Es gebe ein geostrategisches Argument für die Fortführung des US-Einsatzes. Unklar ist, ob McChrystals Appell im Weißen Haus gehört wird. Der frühere US-General verlor im Sommer 2010 seinen Posten als Isaf-Chef in Kabul, weil er sich in einem Interview abschätzig über Obama und seine Berater geäußert hatte.

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