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Mitglieder der Assembly of First Nations gedenken der getöteten Kinder in Kanada. (Archivbild)
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Mitglieder der Assembly of First Nations gedenken der getöteten Kinder in Kanada. (Archivbild)

„Von Nation zu Nation“

Kanada: Eine Frau führt die „Ersten Nationen“ auf der Suche nach den verlorenen Kindern

  • VonGerd Braune
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RoseAnne Archibald will an der Spitze des Assembly of First Nations die Belange der indigenen Völker Kanadas vertreten. Sie ist die erste Frau in dieser Position.

Kanada - In einer historischen Entscheidung hat die Assembly of First Nations, die Organisation der indigenen Völker Kanadas, erstmals eine Frau zum National Chief und damit zu ihrer obersten Repräsentantin gewählt. RoseAnne Archibald von der Taykwa Tagamou First Nation im Nordosten der Provinz Ontario wurde auf der Generalversammlung der First Nations zum National Chief gewählt. „Die gläserne Decke wurde durchbrochen“, sagte sie nach ihrer Wahl.

Fünf Wahlgänge waren notwendig, bis Archibald als Nachfolgerin von Perry Bellegarde feststand, der die Assembly of First Nations (AFN) sieben Jahre lang geleitet hatte und sich nicht zur Wiederwahl stellte.

Damit wird diese einflussreiche Organisation erstmals in ihrer mehr als 50-jährigen Geschichte von einer Frau geführt. Die 55-jährige Archibald hat mehrere „Glasdecken“ durchbrochen: 1990 wurde sie als 23-Jährige die erste Frau, die als Chief (Häuptling) die Führung der zu den Cree gehörenden Taykwa Tagamou First Nation übernahm. Später wurde sie stellvertretende Grand Chief der Nishnawbe-Aski Nation, die 49 First Nations in Ontario repräsentiert, und 2018 „Regional Chief“ der First Nations in Ontario, auch dies eine Premiere.

„Wahrheit muss vor Versöhnung kommen“ - Die Geschichte Indigener Völker in Kanada

Die AFN versteht sich als Interessenvertretung der rund 900.000 Angehörigen der First Nations, die in den 634 Gemeinden der First Nations oder in den Städten Kanadas leben. Die Wahl von Archibald kommt zu einer Zeit, in der der kanadischen Bevölkerung wieder deutlich wird, wie sehr die First Nations und die anderen indigenen Völker unter der kolonialen Politik früherer Regierungen gelitten haben.

RoseAnne Archibald vertritt rund 600 indigene Gruppen gegenüber der Regierung Kanadas.

In diesen Wochen werden rund um „Residential Schools“, den vom Staat eingerichteten und überwiegend von Kirchen und Ordensgemeinschaften geführten Schulen für indigene Kinder, die Gräber von Schülerinnen und Schülern gefunden, die dieses System nicht überlebt haben. „Wahrheit muss vor Versöhnung kommen“, lautet das Postulat von Archibald. Sie will sich dafür einsetzen, dass alle Empfehlungen der „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ von 2015 umgesetzt werden.

Diese Kommission hatte die Tragödie der Residential Schools untersucht. Zu ihren Forderungen gehört, den Verbleib der schätzungsweise 3200 bis 6000 „verlorenen Kinder“ zu ermitteln, die in den Schulen ums Leben kamen. Zahlreiche Kinder wurden beigesetzt, ohne dass ihre Eltern informiert wurden. Wegen der Tötung und Misshandlung indigener Kinder in Umerziehungsheimen kommt es in Kanada immer wieder zu Demonstrationen.

Indigene Völker in Kanada: Verhandlungen mit der Regierung auf Augenhöhe angestrebt

Nur durch die Wahrheit sei die Heilung des „Trauma der Kolonisierung, insbesondere der Residential Schools“, das sich über Generationen erstreckt, möglich, sagt Archibald. Ein weiterer Schwerpunkt ihrer Arbeit soll der Weg aus der Corona-Pandemie sein. Die indigenen Gemeinden in Kanada sind besonders stark von der Krise betroffen. Um die Folgen aufzufangen, sind nun Investitionen in das Gesundheitssystem und die Stärkung der Wirtschaft und des Sozialsystems nötig.

Bei der Formulierung der politischen Ziele der First Nations und in den Verhandlungen mit der Regierung spielt die AFN eine wichtige Rolle. Ende der 1960er Jahre hatten sich die First Nations unter der Bezeichnung „National Indian Brotherhood“ zusammengeschlossen. Die Organisation wehrte sich vor allem gegen die Assimilierungsversuche der damaligen kanadischen Regierung unter Premier Pierre Trudeau, und setzte sich zums Ziel, die Selbstverwaltung der First Nations zu stärken. Aus ihr ging 1982 die Assembly of First Nations hervor.

„Von Nation zu Nation“ - Indigene Völker in Kanada achten auf Kompetenzen

Als „First Nations“, also als Erste Nationen, die bereits vor der Ankunft der Europäer im Gebiet des heutigen Kanada lebten, sehen die Ureinwohnervölker ihr Verhältnis zur Regierung als Beziehung „von Nation zu Nation“. Die Leitung der Assembly of First Nations ist für jeden National Chief eine Herausforderung. Denn viele der mehr als 600 First Nations achten sehr genau darauf, dass ihre Kompetenzen beachtet werden.

Im Verband gibt es regionale Differenzen, zudem gibt es große rechtliche Unterschiede im Status der First Nations. Den Ausgleich zwischen den Einzelinteressen zu finden ist deshalb oft schwer. Archibald steht also vor großen Aufgaben. (Gerd Braune)

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