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Die Austellungshalle der Industriekammer, heute als „Genbaku-Dom“ ein UN-Welterbe.

Hiroshima

Den ersten Tod stirbt die Menschlichkeit

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6. August 1945 - Vor 70 Jahren detonierte über Hiroshima die erste Atombombe. Mehr als die Hälfte der Stadt wurde zerstört. Zehntausende Menschen starben an den Verletzungen oder an den Folgen der Verstrahlung.

Es ist 8.15 Uhr Ortszeit, 6. August 1945. Über Hiroshima explodieren 64 Kilo Uranium-235 mit einer Gewalt von 16 Kilotonnen TNT. 90 000 Menschen sterben in dieser Sekunde.

Hiroshima ist der Sündenfall der Moderne, der Moment, in dem sich der Vorhang senkt über dem „gewalttätigen 20. Jahrhundert“. Jener groß inszenierten Auslöschung einer Weltordnung. Deren erster Akt waren die Schüsse von Sarajewo 1914, der letzte Akt ist der Flug der „Enola Gay“. Aus heutiger Perspektive können – müssen – wir eine so erschreckende wie simple und doch richtige Gleichung aufmachen: Ohne Deutsche kein Hitler, ohne Hitler kein Weltkrieg, ohne Weltkrieg kein Atombombeneinsatz.

Diese historische Verantwortung bleibt uns Deutschen. Bundespräsidiale Reden und Jugendinitiativen zum 8. Mai 1945 und zur Shoah sind angemessen und notwendig, aber nicht ausreichend. Denn der massenhafte Tod, der uns am 6. August ’45 vor Augen geführt wurde, ist noch immer jederzeit möglich. Deshalb fordert Hiroshima alle Menschen auf, sich auch heute der atomaren Bedrohung der Welt entgegenzustellen. Wir können das.

Unsagbare Zerstörung     

Drei Viertel Hiroshimas werden durch die Explosion der Bombe „Little Boy“ zerstört. Zehntausende Menschen sterben in den nächsten Monaten an ihren Verletzungen oder an den Folgen der Verstrahlung. Hunderttausende führen in den kommenden Jahrzehnten die mehr oder minder erbärmliche Existenz chronisch Kranker. Nagasaki fordert im Laufe der Zeit fast noch einmal so viele Opfer. Getroffen von der mächtigeren „Fat Man“-Bombe drei Tage später, die aber in einem engen Tal der hügeligen Stadt explodiert und deshalb weniger Menschen sofort tötet und weniger Bauten zerstört.

Jene Zahlen, die sich in den gerade gelesenen 27 Zeilen aneinanderreihen, sind die Melodie jenes Totentanzes, dessen die Menschheit heute gedenken muss. Wer sich da nicht einreiht und vor der Unfassbarkeit dieses Momentes nicht wenigstens die Sprache für eine Minute verliert …

Die Erklärungen für die historische Katastrophe sind alle sattsam bekannt. Doch im Laufe der Zeit sind sie nicht überzeugender geworden – da hat die Friedensbewegung der 70er und 80er Jahre auch nicht viel geholfen. Und jene deutschen Spießbürger, die heute wieder Oberwasser glauben zu haben, und die hinter den Atombomben vom August ’45 die „jüdisch-kapitalistische Weltverschwörung“ oder ähnlich unsäglichen braunen Mumpitz sehen, verdienen keine ernsthafte Auseinandersetzung. Für sie reicht die einfache Gleichung von Hitler und Bombe. Alle anderen verdienen mehr.

Denn sie alle tragen mit an der historischen Verantwortung und sie haben daher alle das Recht, daraus eine positive Handlungsanweisung für die Zukunft ableiten zu dürfen.

Dass gehandelt werden muss, dass Sonntagsreden, Fernsehdokumentationen, Ostermärsche und auch Zeitungsartikel nicht ausreichen, zeigt der Fakt der weltweit gut gefüllten Nuklearwaffen-Arsenale. Das beweisen all die vor Minderwertigkeitskomplexen berstenden Diktatoren und Extremisten, die in der atomaren Geiselnahme eines ganzen Planeten – zumindest rhetorisch – die Vervollkommnung ihres „nationalen“ oder „religiösen“ Traums sehen: Nordkoreas Kim Yong Un, Russlands Wladimir Putin, Irans Ahmadinedschad und irgendwann auch all die anderen angeblich Zukurzgekommenen, von US-Milizionären über Israels „Hügeljugend“ bis zum „Islamischen Staat“.

Wie real ist die atomare Bedrohung durch diese oder andere Kriegstreiber und Massenmörder? Am heutigen Jahrestag vielleicht sehr gering. Schon morgen kann sie aber real sein. Putin, für Teile der deutschen Linken ein „Friedensfürst“, ist die wahrscheinlichste Gefahr. Vielleicht aber auch ein noch namenloser Terrorist.

Das Knowhow ist allgemein verfügbar

Das Knowhow für den Bau wenigstens einer „schmutzigen“ A-Bombe ist allgemein verfügbar, die Komponenten prinzipiell auch. Der Einsatz auch nur einer einzigen „taktischen“ Nuklearwaffe – also eines, von seiner Wirkung her auf ein menschlich überschaubares Schlachtfeld beschränkten Sprengsatzes – kann zu einer globalen Eskalation führen: „Wenn die geschossen haben, dann können wir auch…“ „Bevor die zünden, zünden wir.“

Um es vorsichtig auszudrücken: Das wäre fatal für den Planeten Erde.

Aber auch ohne Eskalation würde auf der Erde etwas sterben. Hiroshima und Nagasaki führten das der Welt das vor Augen. Die Besatzungen der beiden Bomber, jene 24 Männer zeigten, was geschieht, wenn die Welt im Taumel ihrer „politischen Notwendigkeit“, im Überschwang des „sich politisch Behauptens“, in der Angst davor, „politisch ins Hintertreffen zu geraten“ alles Denken einstellt und allen Anstand über Bord wirft. Dann wird gebombt. Dann wird krepiert. Massenhaft. Augenblicklich. Den ersten Tod stirbt die Menschlichkeit.

Robert A. Lewis, der Copilot der „Enola Gay“ notierte beim Anblick der Explosionswolke: „Mein Gott, was haben wir getan?“ Der Radar-Spezialist Jacob Beser, der über Hiroshima wie Nagasaki im Einsatz war, sagte dagegen: „Ich will keine Diskussion über Moral hören. Krieg ist immer unmoralisch. Glauben Sie, Sie wären irgendwie mehr tot durch eine Atombombe als durch eine konventionelle?“

Lewis und Beser blieben bis an ihr Lebensende von der Notwendigkeit ihrer Einsätze überzeugt. Das historische Urteil über Sinn oder Unsinn von Hiroshima/Nagasaki wollte die Welt der Historikerzunft überlassen. Die aber hat genau so viele, genau so gute Argumente für die Notwendigkeit des Atombombeneinsatzes gefunden wie gegen den Einsatz. Verkürzten die Bomben den Krieg? Ja. Nein. Zwangen sie Japan in die Knie? Ja. Nein. „Ein Ende der Debatten ist nicht abzusehen“, befand der Nuklear-Historiker Samuel J. Walker 2005. Das hilft nicht weiter.

Ebenso wenig helfen Schuldzuweisungen und Parolen wie: Die Amerikaner hatten für die Bomben bezahlt, also wollten sie sie verwenden. Oder: Die US-Kapitalisten haben keinen Respekt vor dem Leben. Oder: Die japanischen Militaristen wollten Millionen und Abermillionen von Toten bei einer Invasion der Inseln in Kauf nehmen. Oder: Sie ignorierten Hiroshima, also musste Nagasaki noch dran glauben. Richtig? Falsch? Unsinnig. Unwichtig. Weil es zu kurz greift.

Das definitive Urteil dürfen vielleicht nur die Opfer sprechen. Masako Tachibana, eine von zwei Dutzend grausam entstellten und verstümmelten „Atomic Maiden“, zum Zeitpunkt des Abwurfs eine Grundschülerin, sagte, die Atombombe sei richtig gewesen, weil sie den Krieg verkürzte. Die Verluste der amerikanischen, britischen, australischen und kanadischen Truppen, die die japanischen Hauptinseln spätestens 1946 erobern sollten, schätzten ihre Kommandeure auf fast anderthalb Millionen. Verluste der Japaner setzten die alliierten Planer mit rund zehn Millionen an, Militärs wie Zivilisten.

Eine neue Qualität der Konflikte

Als Japan kapitulierte, glaubten die Alliierten nochmal gerade so davon gekommen zu sein. Was dann folgte, entspringt der gleichen menschenfeindlichen Logik des Weltkrieges, ist aber ein neues Kapitel und also eine neue Qualität der Konflikte dieser Welt: Der Kalte Krieg, das nukleare Wettrüsten, der verbrecherischen Missbrauch eigener Soldaten als Versuchskaninchen durch die vier originalen Atommächte (1954 beispielsweise schickten die Sowjets 45 000 Soldaten in gerade verstrahltes Gebiet für ein „Manöver“).

Die Abrüstungsinitiativen jüngerer Zeiten sind die logischen Konsequenzen, die notwendigen Korrekturen der irrsinnigen Aufrüstungen. Gebracht hat das Aufrüsten nichts, das Abrüsten jedoch auch zu wenig.

Am 1. November 1946 wurde im Londoner Empire Theatre der just fertiggestellte Film „A Matter of Life and Death“ gezeigt, eines der größten Kinokunstwerke aller Zeiten. Zu Beginn des Streifens nimmt uns eine freundlich väterliche Stimme mit auf eine Reise durchs Universum Richtung Erde. Kurz bevor wir den vertrauten Globus erreichen (auf dem gerade Berlin nach einem 1000-Bomber-Angriff brennt), merkt der körperlose Erzähler bei einem fernen Blitz in der Milchstraße auf: „Hallo! Ein ganzes Sonnensystem ist explodiert. Jemand hat wohl mit dem Uran-Atom herumgespielt…“

An jenem Herbstabend ein Jahr nach dem Krieg war sich niemand in dem Londoner Theater über die Bedeutung dieser Worte oder dieses Augenblickes klar. Heute müssen wir erkennen: Die Menschheit ist nicht nennenswert über den 1. November 1946 hinaus gekommen. Am 6. und 9. August 1945 erhielt sie einen kurzen Blick in den Abgrund. Sie hat sich weder davon erholt, noch entscheidendes getan, den Untergang zu verhindern. Sie könnte und müsste das tun!

Jenseits aller Reformen der UN, Beendigungen der unsinnigen Schießkriege in Afrika, in der Ukraine und im Nahen Osten, könnten US-Amerikaner, Russen, Briten und Franzosen und alle anderen ihre Nuklear-Arsenale auflösen. Konventionelle Kriege würden immer noch geführt, unsinnige wie notwendige. Die Welt wäre damit längst noch nicht befriedet. Doch eine Menschheit, die trotz aller ihrer Differenzen einen gemeinsamen Schritt zur kompletten atomaren Abrüstung wagen würde – das wäre eine Spezies, die eine Chance hat.

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