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Robert Cohen zeugt seine Tätowierung aus Auschwitz.
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Robert Cohen zeugt seine Tätowierung aus Auschwitz.

Demjanjuk-Prozess

Der erste Tag der Zeugen

  • VonThomas Schmid
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Sie haben Väter, Mütter, Großeltern, Tanten und Cousinen in Sobibór verloren - sind zum Teil einzige Überlebende der Familie nach dem Holocaust. Jetzt sagen sie gegen Wachmann Demjanjuk aus. Von Thomas Schmid

München. Am Montag war John (Iwan) Demjanjuk noch in einem Rollstuhl in den Gerichtssaal in München geschoben worden, am Dienstag rollten ihn Sanitäter auf einer fahrbaren Trage in den Saal hinein. Und kaum hatte sein Wahlverteidiger Ulrich Busch das Wort ergriffen, um seinen Antrag auf Einstellung des Verfahrens zu begründen, unterbrach ihn der Vorsitzende Richter Ralph Alt: "Ich glaube, Herr Demjanjuk möchte etwas sagen."

Tatsächlich bewegte der Angeklagte, der bei der Verhandlung am Vortag geschwiegen hatte, immer wieder ruckartig die Arme, fasste sich mit der Hand an die Stirn und auf die Brust. Nein, er wollte nichts sagen, auch keine medizinische Hilfe anfordern. Demjanjuk bekreuzigte sich mehrere Male. Er betete - stumm, aber die Lippen deutlich bewegend.

Teil eines Schauspiels? Noch sind zwei Videoausschnitte in Erinnerung: Auf einem, den sein eigener Sohn aufgenommen hat, wird der röchelnde, vor Schmerz stöhnende Demjanjuk auf einer Bahre getragen. Kurz danach sieht man denselben Mann, wie er ohne Stock und ohne fremde Hilfe zu einem Auto geht und einsteigt. Demjanjuk leidet vermutlich an Gicht, vielleicht auch an einer Vorform von Leukämie, für dement halten ihn die Psychiater nicht. Die Ärzte sagen, er sei verhandlungsfähig. Trotzdem: Wie ein Sterbender liegt er da vor dem Landgericht München II aufgebahrt.

Ein von einer tödlichen Krankheit befallener Mann sei nach Deutschland zwangsdeportiert worden, behauptete Busch. Er stellt einen Antrag, den Prozess einzustellen. Die Auslieferung sei gesetzeswidrig geschehen. Der Verteidiger listete noch eine Reihe weiterer Gründe für sein Anliegen auf. Der juristische Grundsatz "ne bis in idem" ("nicht zweimal in derselben Sache") werde verletzt: Auf derselben Beweisgrundlage hätten bereits Gerichte in Israel und Polen Verfahren gegen Demjanjuk wegen seiner angeblichen Tätigkeit im Vernichtungslager Sobibór Verfahren geführt und eingestellt.

Zudem hatte die Staatsanwaltschaft behauptet, dass deutsches Recht im Fall Demjanjuk auch deshalb anwendbar sei, weil der im SS-Lager Trawniki ausgebildete ukrainische Wachmann als "Träger eines deutschen staatlichen Amtes" gehandelt habe. Busch hielt dem entgegen, dass selbst Demjanjuks Vorgesetzte, die SS-Männer, Teil der Waffen-SS gewesen seien und als Soldaten keine Amtsträger gewesen seien.

Der Verteidiger spielt auf Zeit

Das lange Eingangsreferat des Verteidigers mündete in einen Antrag zur Einstellung des Verfahrens, hilfsweise einer Aussetzung des Verfahrens. Das wiederum begründete er mit einem Beweisantrag - man möge ein Rechtsgutachten einholen, ob München überhaupt zuständig ist - und einem Antrag, sämtliche Ermittlungsakten aus Russland, der Ukraine, den USA, Israel, Polen und der Ludwigsburger Zentralstelle für Kriegsverbrechen und der Staatsanwaltschaft Dortmund ins Verfahren einzuführen. Sollte das Gericht dem stattgeben, ist zu befürchten, dass der Prozess gewissermaßen ein biologisches Ende findet: Der kranke Demjanjuk wird im Frühjahr 90 Jahre alt.

Nach Verlesung der Anklage - Demjanjuk wird der Beihilfe zum Mord in 27900 Fällen bezichtigt, so viele Juden waren in Sobibór während seiner Zeit als Wachmann dort ermordet worden - schwieg der alte Mann. Er hatte inzwischen eine Spritze erhalten. Das Medikament soll Schmerzen lindern. Er hatte bereits über den Anwalt ausrichten lassen, er mache von seinem Recht Gebrauch, sich zur Sache nicht zu äußern.

Ganz anders die ersten fünf von insgesamt 21 Nebenklägern, die am Nachmittag zu Wort kamen. Sie sind alle im Rentenalter. Aus Holland und den USA waren sie angereist, um ihre Geschichten zu erzählen, dem Gericht und der Weltöffentlichkeit - Journalisten aus den USA, Israel und zahlreichen Ländern Europas verfolgen den Prozess vor Ort - Bericht zu erstatten. Mary Richheimer-Leyden van Amstel trat als Erste vor die Richter. Sie ist die einzige Überlebende ihrer Familie. Vater und Mutter, die Großeltern, eine Tante, zwei Cousinen wurden in Sobibór vergast. Im Alter von zweieinhalb Jahren wurde sie rechtzeitig bei einer befreundeten Familie versteckt.

Jap Simon, geboren 1935, dessen Eltern in Sobibór ermordet worden waren, hat einen großen Teil seiner Kindheit in vier verschiedenen Verstecken verbracht. David von Huiden hat nur überlebt, weil er bei der Verhaftung der Familie gerade mit dem Schäferhund Gassi ging - "ein deutscher Hund braucht frische Luft", seine Verwandten wurden in stinkenden Güterwagen abtransportiert. Rudolf Salomon brach in Schluchzen aus, als er dem Gericht einen Brief übergab, den seine Mutter aus dem Zug geworfen hatte und den ein Finder seiner Familie zustellte. Es war ihr letztes Lebenszeichen.

Nicht von Gewalt und Terror war die Rede, sondern von Verlust, von verlorener Kindheit, von verlorenen Eltern, von verlorener Liebe. Die Sitzung wurde vorzeitig abgebrochen. "Herrn Demjanjuk geht es nicht sehr gut", stellte der Vorsitzende Richter fest.

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