Während die Bevölkerung versucht, sich zu schützen, weigert sich der Präsident, eine Maske zu tragen.
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Während die Bevölkerung versucht, sich zu schützen, weigert sich der Präsident, eine Maske zu tragen.

USA

Die erste Welle flacht nicht ab

  • Karl Doemens
    vonKarl Doemens
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Nach einer überstürzten Öffnung breitet sich die Pandemie in den USA dramatisch aus.

Die Talkshow „Fox & Friends“ ist normalerweise ein verlässlicher Stimmungsaufheller zum Beginn eines langen präsidialen Tages. Donald Trump verpasst kaum eine Folge, und gelegentlich ruft er in der laufenden Sendung an. Kritik am Weißen Haus gibt es fast nie. Umso bemerkenswerter klang am Dienstag der flammende Appell des Moderators Steve Doocy zum Maskentragen: Trump solle seinen Wahlkampfslogan MAGA („Make America Great Again“) in „Masks Are Great Again“ (Masken sind wieder großartig) umbenennen, empfahl Doocy ernsthaft: „Das ist patriotisch!“

Der konservative Moderator stand offenbar unter dem Eindruck einer Kurve, die immer mehr Amerikaner beunruhigt.

Sie zeigt die täglichen Neuinfektionszahlen mit dem Coronavirus. Bis in den April schoss die Linie hoch, dann schien sie im Mai leicht abzuflachen. Seit Anfang Juni steigen die Zahlen aber wieder dramatisch an. In den vergangenen zwei Wochen haben sie sich fast verdoppelt. Nun melden die Statistiker täglich erschreckende Rekorde: 47 000 neue Fälle zählten sie alleine am Dienstag.

Während sich die Situation anderswo in der Welt zu normalisieren beginnt, ist die Pandemie in den USA außer Kontrolle geraten. „Ich will keine Vorhersagen machen. Aber es wird sehr beunruhigend“, warnte Anthony Fauci, der Top-Epidemiologe des Landes, bei einer Anhörung im Kongress. Schon bald, sagte er voraus, könne sich die tägliche Infektionszahl auf 100 000 verdoppeln – und das in einem Land, das bereits 2,6 Millionen Fälle registriert hat und 127 000 Tote beklagen musste.

Vor allem im Süden und Westen der USA wütet das Virus inzwischen. Für Präsident Trump ist das politisch doppelt gefährlich: Zum einen sind Texas, Florida und Arizona auch auf sein Drängen hin beim überstürzten Abbau von Lockdowns und sonstiger Auflagen vorgeprescht. Zum anderen rückt die Krankheit, die sich anfangs vor allem in den demokratisch regierten Küstenstädten verbreitete, nun nah an die ländliche Kernwählerschaft des Präsidenten heran. Rund 75 Prozent aller Neuinfektionen in den USA, hat die Agentur AP errechnet, werden inzwischen aus Bundesstaaten gemeldet, die 2016 mehrheitlich für Trump stimmten.

Hektisch versuchen Gouverneure und Bürgermeister gegenzusteuern: In Arizona müssen die eben erst geöffneten Bars, Fitnessstudios und Kinos wieder schließen. Auch Texas hat Bars wieder dichtgemacht und die Restaurantkapazitäten reduziert. Vor dem bevorstehenden Independence-Day-Wochenende, an dem traditionell große Partys gefeiert und Feuerwerke abgeschossen werden, haben Los Angeles und Miami bei hochsommerlichen Temperaturen ihre Strände geschlossen. Unter dem Eindruck der dramatischen Zahlen bröckelt bei prominenten Republikanern nun auch der Widerstand gegen das Tragen einer Gesichtsmaske. Trump weigert sich, einen Mund-Nase-Schutz anzulegen und hat damit bei seinen Hardcore-Anhängern einen regelrechten Kulturkampf entfacht. Doch der republikanische Senator Lamar Alexander aus Tennessee forderte ihn öffentlich auf, die Position zu revidieren. Doch Trump will um keinen Preis Schwäche zeigen. Er beobachte die „gewaltige Zerstörung“ des Virus, twitterte er, um sich in Schuldzuweisungen zu üben: „Ich werde immer wütender auf China.“

Noch ärgerlicher dürfte ihn der Blick auf seine Umfragewerte machen: Die durchschnittlichen Zustimmungswerte sind auf 41,2 Prozent gestürzt. Satte 56,2 Prozent der Amerikaner sind inzwischen unzufrieden mit ihrem Regierungschef, der sich im Kampf gegen die Pandemie selbst zum „Kriegspräsidenten“ ernannt hatte. Es sehe so aus, „als hätte sich der Kriegspräsident ergeben (…) und das Schlachtfeld verlassen“, konstatierte der demokratische Präsidentschaftsbewerber Joe Biden bitter.

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