Alle Stimmen müssen gehört werden: „Black Lives Matter“-Demonstration in Frankfurt.
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Alle Stimmen müssen gehört werden: „Black Lives Matter“-Demonstration in Frankfurt.

Protestbewegung

Die Vernetzten

  • Jan Sternberg
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Antirassismus, Klimaschutz, Gerechtigkeit: Protestbewegungen schlagen Brücken zueinander. Wie tragfähig sind die neuen Bündnisse?

In acht Minuten und 46 Sekunden hat sich das Leben von Perla Londole verändert. Acht Minuten und 46 Sekunden lang schaute die 22-jährige Jurastudentin aus Mainz zu, wie George Floyd in Minneapolis starb, wie er um sein Leben flehte, nach seiner Mutter rief. Sie sah, wie der weiße Polizist sein Knie nicht aus dem Nacken des Afroamerikaners nahm.

„Ich konnte mitzählen, wie lange er noch zu leben hatte“, erzählt sie im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). „Ich bin nicht gerade nah am Wasser gebaut, aber das hat mich wirklich persönlich mitgenommen.“

Londole ist nicht nur Studentin, sondern auch Youtuberin und stark auf Instagram aktiv. Da lag es nahe, dass sie ihrer Wut, ihrer Trauer und ihren Gedanken in den sozialen Netzwerken Luft machte. „Ich will etwas organisieren“, schrieb sie. So fing es an.

In Stuttgart hatte Nadia Asiamah eine ähnliche Idee. Ein stiller Protest schwebte ihr vor, mehr ein Flashmob als eine Demonstration. 20, 30 Leute, ganz in Schwarz gekleidet, schweigend, mit Plakaten. Eine „Silent Demo“ eben.

Protest in Minneapolis, Minnesota: In den USA begannen die Demonstrationen gegen die Diskriminierung, in Europa gehen sie weiter.

Auch Asiamah ist 22 Jahre alt, auch sie ist präsent auf Youtube und Instagram, macht dort witzige, persönliche Filme über ihren Alltag für ein paar Hundert Zuschauer. Politisch aktiv war keine der beiden Frauen. Und keine von ihnen hätte sich träumen lassen, eine knappe Woche nach ihrer ersten Idee vor Zehntausenden von Menschen zu stehen, Nadia am vergangenen Samstag in Stuttgart und Perla in Mainz, und die größten Demonstrationen dieses Jahres organisiert zu haben. In mehr als 20 Städten demonstrierten wahrscheinlich mehr als 200 000 Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Ihre erste Nachricht hatte auf Instagram bald 40 000 Likes, und als es nach dem Pfingstwochenende konkret wurde, kamen ihre sozialen Netzwerke an den Rand der Belastungsgrenze. Ebenso wie die jungen Frauen selbst. Geschlafen haben sie in den Tagen vor ihrer ersten Demonstration kaum noch. Und nach dem Wochenende ging es nahtlos weiter. „Das war erst der Anfang“ und „Wir sind noch nicht fertig“, betitelten Londole und Asiamah ihr neuestes Video.

Fast überall haben junge Afrodeutsche diese Demos organisiert. In Hamburg zum Beispiel meldete die 20-jährige Schauspielerin Audrey Boateng die Demonstration an, auch für sie war es eine Premiere. Und auch sie war überwältigt und am Ende überfordert von den Massen, die gegen Rassismus auf die Straße gingen. „Es sollte nie wirklich eine große Demo werden“, erzählt sie dem RND. An Abstandsgebote war nirgendwo mehr zu denken.

Warum aber geschieht das gerade jetzt? Warum hat der Tod von George Floyd im weit entfernten Minneapolis in Deutschland Massenproteste ausgelöst, die es nach dem bis heute ungeklärten Tod von Oury Jalloh 2005 in einer Dessauer Arrestzelle nicht gab? Die es nach der Selbstenttarnung der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) nicht gab, auch nicht nach dem rechtsterroristisch motivierten Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke? Nicht nach den Morden im Münchner Olympia-Einkaufzentrum 2016, als der Täter seine Opfer nach ihrem Aussehen auswählte? Nicht nach den neun Toten in den Hanauer Shishabars im Februar?

Protest in Frankfurt vom 10. Juni: Die Menschen wollen Veränderungen.

„Es gibt in der Bevölkerung eine Grundstimmung, die auf Veränderungen drängt“, sagt der Berliner Bewegungsforscher Dieter Rucht. „Ich bin meistens eher skeptisch, was die Langlebigkeit von Bewegungen angeht. Aber wir sind an einem Punkt angekommen, an dem die Brücken zwischen einzelnen Themen und einzelnen Organisationen stärker werden.“

Am Sonntag wird wieder in mehreren Städten in Deutschland demonstriert. Die Organisation „Unteilbar“, die schon 2018 mehr als 200 000 Menschen in Berlin auf die Straße brachte, will ein kilometerlanges „Band der Solidarität“ durch Berlin und andere Städte ziehen.

Wann die nächsten „Silent Demos“ stattfinden, wollen Londole und Asiamah noch nicht bekanntgeben. Sie denken auch über andere Aktionsformen nach. An Youtube-Videos zum Beispiel. „Ich würde gerne ein Video mit einem Polizisten machen“, plant Londole, „damit ich erklären kann, was die Polizei darf und was nicht. Viele Schwarze Menschen haben Angst vor der Polizei, trauen sich nicht, sie zu rufen. Ich will die Polizei nicht schlechtreden, aber ich will aufklären.“

Die Hamburger Demo-Organisatorin Audrey Boateng will da noch weitergehen. Im Gegensatz zu Londole und Asiamah ist sie bereits seit Jahren politisch aktiv, ist immer wieder bei Anti-Rassismus-Demos mitgelaufen. „George Floyd war ein Auslöser, aber nicht der Grund, warum ich auf die Straße gegangen bin“, sagt sie. Sie will „für alle ein Zeichen setzen, die von Rassismus betroffen sind, für alle Menschen mit Migrationshintergrund“.

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