Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Wieder auf der Flucht: Wegen der Kämpfe zwischen der Taliban und der Regierung verlassen in Afghanistan mehr und mehr Menschen ihre Heimatregionen. Hoshang Hashimi/AFP
+
Wieder auf der Flucht: Wegen der Kämpfe zwischen der Taliban und der Regierung verlassen in Afghanistan mehr und mehr Menschen ihre Heimatregionen. Hoshang Hashimi/AFP

Bundeswehr

Ortskräfte in Afghanistan: Erst gekündigt, dann zurückgelassen

  • Ursula Rüssmann
    VonUrsula Rüssmann
    schließen

Afghanische Ortskräfte unterstützten die Entwicklungshilfeorganisation GIZ. Jetzt fühlen sie sich von Deutschland im Stich gelassen.

Kabul – Nicht nur afghanische Ortskräfte der Bundeswehr, auch einheimische Beschäftigte anderer deutscher Einrichtungen fürchten nach dem Abzug der deutschen Armee um ihr Leben. Man werde schutzlos zurückgelassen, heißt es in Hilferufen Betroffener, die der Frankfurter Rundschau vorliegen. Einer von ihnen ist Nasrullah Hamed Sarwari. Er hat für Projekte der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gearbeitet.

Sarwari schreibt per E-Mail aus Kabul, wo er und seine Familie sich vor den Taliban verstecken: „Seit ich von den Taliban angegriffen und bedroht wurde, ist unsere Lage furchtbar und deprimierend. Ich habe Angst, ich weiß nicht, was mit mir und meiner Familie passieren wird. Ich habe Frau und drei Töchter, sie sind zweieinhalb Jahre, fünf Jahre und zehn Jahre alt. Meine Frau hat aufgehört zu studieren und ich kann meine Kinder wegen der Drohungen nicht in die Schule und in den Kindergarten schicken.“

Afghanische Ortskräfte: Wegen Bedrohungen gekündigt

Seit 2010 hat Sarwari nach eigenen Angaben für die GIZ gearbeitet. 2017 entlässt die Organisation ihn, weil er wegen der Drohungen eine Gefährdungsanzeige gestellt hat. Das entsprechende Schreiben liegt der FR vor, zur Begründung nennt die GIZ darin den Antrag Sarwaris auf Aufnahme in das sogenannte Ortskräfteverfahren (OKV), also auf Schutz und Ausreise. Vor wenigen Tagen, am 30. Juni 2021, erhält Sarwari dann den finalen Ablehnungsbescheid: Man habe nicht feststellen können, „dass Sie derzeit einer besonderen Bedrohung ausgesetzt sind, die sich aus Ihrer Beschäftigung bei der afghanisch-deutschen Entwicklungszusammenarbeit bzw. der GIZ ergibt“, heißt es in der E-Mail mit dem Betreff „Ihr OKV-Antrag“. Sie liegt der FR ebenfalls vor. Beste Grüße richtet das Bundesentwicklungshilfeministerium aus. Es folgt ein Hinweis, der das Dokument als Serienschreiben ausweist: „Bitte antworten Sie nicht auf diese E-Mail. Eingehende E-Mails können nicht beantwortet werden.“

Sarwari hat, wie er angibt, als Elektriker und Wachmann für die GIZ gearbeitet, die Entwicklungsprojekte der Bundesregierung umsetzt. Auch wurde er beim Risk Management Office (RMO) eingesetzt.

Das RMO ist eine Abteilung der GIZ in Afghanistan, die die Gefährdungslage aller Beschäftigten permanent durchleuchtet. Schließlich sei er, so Sarwari, für den Schutz von GIZ-Mitarbeiter:innen bei der Arbeit und in ihren Unterkünften zuständig gewesen. „Das letztere hat mich bei den Gruppen, die mich bedroht haben, bekannt und verhasst gemacht.“

Afghanistan: Drohungen und Übergriffe auf Ortskräfte

Neben Drohungen berichtet der Afghane auch von Übergriffen. Demnach lauerten ihm an seinem alten Wohnort maskierte Männer auf und verprügelten ihn, er sei daraufhin mit der Familie umgezogen, aber auch am neuen Ort sei er telefonisch bedroht worden. In seinem eigenen Haus sei er durch das Fenster beschossen worden.

Die GIZ als sein Arbeitgeber war sehr zufrieden mit ihm. Das geht auch aus dem Kündigungsschreiben von 2017 hervor: „Wir schätzen Ihren Einsatz und ihr Engagement während ihrer Zeit bei der GIZ Afghanistan und dem RMO sehr“, heißt es da. Warum dann trotzdem die Entlassung?

Afghanistan: GIZ beschäftigt noch 1000 Ortskräfte - auch nach Abzug der Bundeswehr

Wenn lokale Mitarbeitende bedroht würden, könne das „zu ihrem Schutz“ geschehen, antwortet eine GIZ-Sprecherin auf FR-Anfrage. Die Kündigung „beeinträchtigt nicht die Berechtigung auf ein Ortskräfteverfahren“, ergänzt sie.

Insgesamt beschäftigt die GIZ den Angaben zufolge noch rund 1000 Ortskräfte in Afghanistan. Das Entwicklungshilfeministerium hat frühzeitig angekündigt, man werde auch nach dem Truppenabzug weiter am Hindukusch bleiben und brauche die Einheimischen – entsprechend restriktiv scheint jetzt der Umgang mit gefährdeten Ortskräften zu sein.

Afghanistan: Restriktiver Umgang mit gefährdeten Ortskräften

Während Mitarbeiter der Bundeswehr antragsberechtigt sind, wenn sie nicht vor 2013 beschäftigt waren, gilt das bei der GIZ und beim Auswärtigen Amt nur für die, deren Vertrag nicht länger als zwei Jahre zurückliegt. Auch Hamed Sarwari fällt unter diese Ausschlussklausel - durch die Kündigung seitens der GIZ 2017.

Der Leiter des Patenschaftsnetzwerks Afghanische Ortskräfte, Marcus Grotian, kritisiert die pauschale Auschlussregelung scharf. Der Bundeswehrsoldat, der selbst früher im Afghanistaneinsatz war, bestätigt: „An uns wenden sich unzählige GIZ-Ortskräfte, die jetzt dringend Hilfe brauchen.“

Ortskräfte in Afghanistan: „Zuerst entlassen, dann werden ihre Anträge abgelehnt“

Dass offenbar die bei der Sicherheitsabteilung RMO beschäftigten Einheimischen besonders gefährdet sind, betont ein weiterer Appell. Der Autor namens Muzhda Aslami beschreibt den gleichen Ablauf wie Sarwari, wenn von den Taliban bedrohte GIZ- und RMO-Mitarbeiter eine Gefährdungsanzeige gestellt haben: Die Betroffenen würden „zuerst entlassen, dann werden ihre Anträge abgelehnt“ – und er zitiert wortwörtlich die gleiche Formulierung, die auch Sarwari erhielt: Eine Gefahr aufgrund einer GIZ-Beschäftigung liege nicht vor. Aslamis Folgerung: „Trotz der verheerenden Lage scheint die GIZ verhindern zu wollen, dass ihre Ortskräfte Visa für Deutschland beantragen.“

Insgesamt hat die Bundesregierung nach eigenen Angaben bisher gut 2400 Visa für rund 450 Ortskräfte und ihre Familien erteilt. „Einige hundert“ seien bereits in Deutschland eingetroffen, hieß es am Freitag.

Regierungssprecher Steffen Seibert versprach zudem weitere Hilfe: Deutschland kenne die Verantwortung „gegenüber denen, die uns geholfen haben“. Es sei „sehr vieles im Gange“, sagte er, konkret wurde er nicht.

Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte

Infos: patenschaftsnetzwerk.de

Afghanistan: Kaum noch Wege für Ortskräfte, eine Gefährdungsanzeige zu stellen

Ganz konkret versucht derweil Grotians Patenschaftsnetzwerk, zu retten, was und wer zu retten ist. Denn selbst Anspruchsberechtigte finden jetzt nach dem Abzug der Bundeswehr kaum noch Wege, überhaupt eine Gefährdungsanzeige zu stellen. Von den zwei Anlaufbüros für Ortskräfte, die die Bundesregierung angekündigt hatte, arbeitet erst seit wenigen Tagen eines in Kabul, betrieben von der Internationale Organisation für Migration (IOM). Inzwischen beherrschen die Taliban 90 Bezirke (von 399) im Land, Reisen und Fliehen wird immer gefährlicher.

Laut Auswärtigem Amt soll die zweite Anlaufstelle in Masar-e-Sharif eröffnen, was aber aus Sicherheitsgründen bisher nicht geschehen sei. Das deutsche Generalkonsulat dort ist geschlossen, die Taliban stehen vor den Toren der Stadt. „Wir versuchen, die, die von den Taliban gejagt werden, jetzt irgendwie nach Kabul zu lotsen“, sagt Marcus Grotian.

Ortskräfte in Afghanistan: Partnerschaftsnetzwerk bemüht sich um Reise nach Deutschland

„Versuchen Sie, Kabul zu erreichen, wenn nötig, undercover – solange Sie noch können“, appelliert das Netzwerk auf seiner Facebook-Seite an Gefährdete. In Kabul bemüht sich die Initiative um eine sichere Unterkunft für die Geflüchteten und sammelt Geld für Flüge nach Deutschland. Denn die Tickets für sich und ihre Familien müssen die, die als gefährdet anerkannt sind, selbst zahlen. Für Ortskräfte, die als Köche oder Reinigungskräfte für die Deutschen gearbeitet haben, eine kaum zu stemmende Summe.(Ursula Rüssmann)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare