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In der Krise steigt die Gefahr von Gewalt gegen Frauen und Kinder. 

Gewalt

Erschrocken über die eigene Brutalität

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Wie gewaltbereite Männer per Videokonferenz neue Verhaltensstrategien entwickeln – ein Sozialarbeiter berichtet.

In Zeiten von Corona steht Sozialarbeiter Jonas Lemli Männern über digitale Kanäle bei. Er ist Krisen- und Gewaltberater bei dem Projekt „Echte Männer reden“. Die Beratung richtet sich unter anderem an Männer, die gegenüber ihrer Partnerin und den Kindern gewalttätig geworden sind. Im Protokoll von fehlender Selbstreflexion, berichtet er von häuslicher Gewalt und Strategien für Konflikte in der Familie:

„Im Projekt ,Echte Männer reden‘ berate ich Männer und Jugendliche. Und zwar haben wir drei Schwerpunkte: Lebenskrisen wie Trennung, Jobverlust oder den Tod eines Angehörigen und zum anderen Gewalt gegen die Partnerin oder die eigenen Kinder und eigenes Opfererleben von Gewalt. Viele Männer kommen aus eigener Motivation zu uns, oft selbst erschrocken von ihrem Verhalten oder tief verzweifelt von ihrer Lebenslage. Bei anderen ist unser Beratungsangebot ein Teil der Bewährungsauflagen.

Oberstes Ziel ist es immer, dass die Männer Verantwortung für ihr Handeln übernehmen, neue Verhaltensstrategien entwickeln, um zum Beispiel zu verhindern, dass man wieder in der Familie gewalttätig wird. Im Beratungsprozess erarbeiten wir Strategien, sprechen über Kommunikation, Wahrnehmung vom eigenen Verhalten und grundsätzliche Probleme und analysieren erste Entwicklungen.

Oft begleite ich die Männer so über viele Wochen und Monate. Normalerweise ist dabei der persönliche Kontakt, das persönliche Gespräch sehr wichtig. Aber in Zeiten von Corona wäre das kaum möglich. Wir können uns schlecht mit Mundschutz gegenübersitzen, mal ganz abgesehen davon, dass es im Sozialwesen ohnehin an Schutzkleidung mangelt. Auch der Umzug in einen größeren Raum und mehr Abstand war für uns keine eine gute Option. Deshalb haben wir uns für ein Experiment entschieden und zwar eine digitale Beratung per Videokonferenz.

Video war für mich eine wichtige Voraussetzung für dieses Experiment. Immer lebt die Beratung von der Zwischenmenschlichkeit und zwar nicht nur von Stimme, sondern eben auch von Mimik und Gestik. So fällt es dem Mann und mir leichter, den Fokus zu halten und das für die Beratung nötige Vertrauen für eine Beratung aufzubauen. Bei einer reinen Telefonberatung wäre die Gefahr der Ablenkung durch Mails oder Smartphone vermutlich deutlich größer. So spüre ich schneller, ob mein Gesprächspartner auch bei der Beratung bei sich selbst ist oder nicht.

Mein Eindruck nach den ersten Wochen ist positiv. Ich bin überrascht, wie gut das Angebot angenommen wird und habe das Gefühl, dass unsere gemeinsam erarbeiteten Schritte und Ideen nicht weniger nachhaltig sind als in einer klassischen Beratung. Drei bis sechs Beratungsgespräche habe ich im Moment pro Tag, Tendenz leicht steigend. 80 Prozent meiner Klientel aus der Corona-freien Zeiten betreue ich nun digital. Außerdem bekommen wir regelmäßig neue Anfragen – allerdings noch auf vergleichbarem Niveau wie in ,normalen‘ Zeiten.

Der viel zitierte Anstieg der Gewaltbereitschaft mancher Männer ist bei uns im Moment kaum mehr als eine Vorahnung. Das wird sich vermutlich noch ändern. Die Erfahrungen aus Italien, Spanien und China zeigen, dass die Fälle der häuslichen Gewalt deutlich zunehmen. Dafür gibt es viele Gründe: Existenzängste, unsichere Zukunft, die Doppelbelastung Job und Betreuung, fehlende Rückzugsorte, vielleicht noch Drogen und der daraus resultierende Kontrollverlust.

Bis die Männer, die vielleicht im Moment gewalttätig werden oder Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren, zu uns kommen, können noch einige Wochen, vielleicht Monate vergehen. Anderen fehlt manchmal das Schuldbewusstsein oder die Selbstreflexion, um sich Hilfe zu holen. Leider gilt bei manchen Männern ein Schlag ins Gesicht oder auf den Po immer noch als bewährte Erziehungsmethode.

Dazu kommt, dass viele Kontrollinstanzen, wie Sportvereine, Schulen oder Kitas, aber auch das Jugendamt und die Jugendhilfe-Einrichtungen im Moment kaum Einblick in die Familie haben. Es kann schon jetzt eine große Dunkelziffer geben. Wir spüren, dass die Corona-Pandemie bei unseren aktuellen Klienten zunehmend Spuren hinterlässt.

Ein großes Thema ist die Einsamkeit. Für viele Männer war das ,Machen‘ ein wichtiger Teil der sozialen Kontakte – das Engagement im Sportverein oder das gemeinsame Schrauben am Auto. All das fällt jetzt weg. Frauen fällt es, allgemein gesagt, leichter, über die eigenen Probleme zu sprechen und mal eine Freundin anzurufen. Bei den Männern kommt das seltener vor. Außerdem berichten viele von einer zunehmenden „Überforderung“ mit der Situation. Der Job steht auf dem Spiel oder knapp bemessenes Kurzarbeitergeld sorgt für Existenzsorgen.

Dazu kommt häufig die unklare Betreuungssituation oder die Sorge um Angehörige. Manche Männer sind auch zum ersten Mal über längere Zeit mit ihren Kindern allein zu Hause, weil die Frau vielleicht im Krankenhaus oder dem Supermarkt arbeitet. Auch diese Überforderung kann schnell dazu führen, dass Mann die Kontrolle verliert. Das eigene Rumschreien ist dabei ein klares Zeichen dieser Überforderung. Ich arbeite mit meinen Klienten vor allem an ,Exit-Strategien‘.

Was ist, wenn ich merke, dass ich mein Kind nur noch anschreie und vielleicht sogar kurz davor bin zuzuschlagen? Der beste und einfachste Rat ist immer ,Rausgehen‘, mal was trinken, tief und kontrolliert atmen, dabei die Sekunden im Kopf zählen und so wieder in Kontakt mit sich selbst kommen. Am besten kommuniziert man dieses Gefühl auch an die Partnerin. ,Ich muss mal kurz vor die Tür. Mir ist die Situation gerade zu anstrengend. Kannst du vielleicht mal kurz die Kinderbetreuung übernehmen?‘. Ein solcher Satz wirkt Wunder.

Und ich erlebe immer wieder, dass ein eingeübter ,Notfallplan‘ eine immense Erleichterung für die Männer ist, gerade wenn sie schon mal gewalttätig wurden und Angst vor einem Rückfall haben. Außerdem suche ich mit den Männern nach neuen Perspektiven auf die Situation. So abgedroschen es klingen mag: Wir müssen uns alle mit Corona arrangieren. Wir können schlecht etwas gegen geschlossene Kitas oder Kontaktverbote tun. Und ja, die Situation ist anstrengend und doof.

Umso wichtiger ist es, auf kleine Erfolge stolz zu sein, darauf, dass ein Tag vielleicht gut rumgegangen ist, jeder ein bisschen Spaß hatte und es wenig Streit gab. Vor ein paar Tagen sagte mir ein Vater etwas sehr Schönes. Klar sei die Kurzarbeit gerade doof, aber er habe nun endlich mehr Zeit für seine Kinder, und das lasse seine Familie stärker zusammenrücken.“

Aufgezeichnet von Birk Grüling

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