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Erschreckend präzise Vorhersage

  • Pitt v. Bebenburg
    vonPitt v. Bebenburg
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Regierungexperten sagten eine Pandemie bereits 2012 voraus, die in ihrem Verlauf in vielen Punkten der jetzigen Corona-Krise droht.

Die Corona-Pandemie ist auf erstaunliche Weise von Fachleuten der Bundesregierung vorhergesagt worden, und zwar bereits 2012. In einer „Risikoanalyse“, die Anfang Januar 2013 als Bundestags-Drucksache mit der Nummer 17/12051 veröffentlicht wurde, wird das aktuelle Geschehen in äußerst präziser Weise als Szenario beschrieben.

Darin warnten die Experten vor einer möglichen Überlastung des Gesundheitssystems in einem solchen Fall. „Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können“, heißt es in der Analyse.

Die Autoren nahmen folgende Situation an: „Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung eines hypothetischen neuen Virus, welches den Namen Modi-Sars-Virus erhält.“ Als Symptome wurden, wie in der aktuellen Coronakrise, Fieber und trockener Husten angenommen. Der Zeitraum von der Infektion bis zu den ersten Symptomen wurde auf bis zu 14 Tage geschätzt, auch dies ähnlich wie bei Corona.

„Obwohl die laut Infektionsschutzgesetz und Pandemieplänen vorgesehenen Maßnahmen durch die Behörden und das Gesundheitssystem schnell und effektiv umgesetzt werden, kann die rasche Verbreitung des Virus aufgrund des kurzen Intervalls zwischen zwei Infektionen nicht effektiv aufgehalten werden“, schrieben die Autoren weiter.

Sie gingen bereits vor sieben Jahren von diesem Verlauf aus: „Nachdem erkannt ist, dass es sich um einen über die Atemwege übertragbaren Erreger handelt, wird die Bevölkerung sehr schnell über generelle Schutzmaßnahmen informiert (z. B. Hygieneregeln befolgen, Massenansammlungen vermeiden, ÖPNV meiden, angeordnete Maßnahmen nach Infektionsschutzgesetz befolgen).“ Auch die Uneinsichtigkeit mancher Menschen wurde vorhergesagt: „Fraglich ist, inwieweit die kommunizierten Empfehlungen/Anweisungen umgesetzt werden.“

Wirtschaftliche Auswirkungen aus dem Szenario finden sich heute in der Realität wieder. So gingen die Autoren von einer deutlichen Reduzierung des Flug- und Bahnverkehrs aus. Die Versorgung der Bevölkerung könne sichergestellt werden, auch wenn die Lieferung der Waren „nicht in gewohnter Menge und Vielfalt möglich“ sei. Flächendeckende Ladenschließungen werde es aber nicht geben.

In der Prognose für den Straßenverkehr verschätzten sich die Experten jedoch, wenn man ihr Szenario mit heute vergleicht. „Der Individualverkehr nimmt durch Ausfall bzw. Meidung von Massenverkehrsmitteln zu“, erwarteten sie. Derzeit allerdings geht es auf den Straßen ruhig zu.

Man kann nur hoffen, dass das Szenario auch im entscheidenden Punkt an der Wirklichkeit vorbeigeht. Die Regierungsexperten gingen von drei Infektionswellen aus, die sich über drei Jahre hinziehen, bis ein Impfstoff gefunden ist. Bereits in der ersten Welle, die länger als ein Jahr dauert, erkranken in dem Szenario 29 Millionen Menschen.

Die Experten errechneten innerhalb von drei Jahren 7,5 Millionen Tote und weitere Opfer, die an anderen Krankheiten sterben, weil „sie aufgrund der Überlastung des medizinischen und des Pflegebereiches keine adäquate medizinische Versorgung bzw. Pflege mehr erhalten können“.

Das Szenario von 2012 zeigt, dass die Experten sich schon lange auf Krisenzeiten vorbereiten. Im Netz und einigen Medien werden aber auch Stimmen laut, die angesichts der damaligen Analyse meinen, dass die Regierung jetzt schneller und strenger hätte reagieren müssen.

Selbst diese Debatte wurde in dem Szenario vorweggenommen. „Die Suche nach ,Schuldigen’ und die Frage, ob die Vorbereitungen auf das Ereignis ausreichend waren, dürften noch während der ersten Infektionswelle aufkommen“, heißt es darin. „Ob es zu Rücktrittsforderungen oder sonstigen schweren politischen Auswirkungen kommt, hängt auch vom Krisenmanagement und der Krisenkommunikation der Verantwortlichen ab.“

Von Pitt von Bebenburg

Eine Vorhersage könnte eintreten: Angestellte in der Pflege sind derzeit noch mehr gefordert. In der Coronakrise verlassen tausende Pflegekräfte aus Osteuropa Deutschland – es droht ein Notstand.

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