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Wer erschoss den Jungen Mohammed Al Dura?

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Recherchen zu einer Wahrheit im palästinensisch-israelischen Konflikt / Esther Schapira stellt ein Lehrstück über Zensur und Selbstzensur im Journalismus vor

"Die deutsche Israelin Esther Schapira leistet ganze Arbeit und setzt alle ihre Fähigkeiten zur Verteidigung von Staatsverbrechen und Staatsverbrechern ein und outet sich damit als zionistische Propagandamitarbeiterin. (. . .) Haben die Zionisten schon alles in der Hand und können die deutschen Medien sich aus diesem Würgegriff nicht mehr befreien?" fragt das "Muslim-Markt-Team" im Internet. Frau P. aus Hamburg möchte wissen, ob mein "journalistischer Eifer vielleicht durch einen israelischen Scheck angefacht worden sein mag". Herr V. aus Ulm empört sich darüber, dass "die ARD sich zum Knecht israelischer Propaganda" macht und führt als Beweis meinen Namen an ("der HR beauftragt eine Esther Schapira, also eine Jüdin, Zweifel zu säen"). Der Film sei "das übelste Machwerk an primitiver Propaganda, das seit den Zeiten eines Goebbels auf die Menschheit losgelassen wurde". Herr T. schließlich "empört" sich per Mail "über die Propagandasendung" und will wissen, wie "im Moment des Holocaust der Palästinenser eine Sendung wie diese ausgestrahlt werden" kann.

Vier von Hunderten von Briefen, Anrufen, Mails und Artikeln, die mich auf meinen Film in der ARD erreicht haben. "Drei Kugeln und ein totes Kind - Wer erschoss Mohammed Al Dura?" aus der Reihe "Das rote Quadrat" lief im März 2002 und löste eine beispiellose Medien- und Zuschauerresonanz aus. Die Medienkritiken waren durchweg positiv, die Zuschauerreaktion dagegen war äußerst geteilt. Lob, Nachdenklichkeit, Empörung.

Das Interessante dabei: Es gab kaum anonyme Äußerungen. Selbst die eingangs zitierten Zuschauer schrieben mit vollem Namen und Adresse, offenkundig, weil sie nicht befürchten müssen, dafür belangt zu werden. Vor dem Hintergrund der beständigen Klage, dass es hier zu Lande ein Tabu sei, Juden oder Israel zu kritisieren, ist es schon erstaunlich, wie klar sich selbst eindeutige Antisemiten wieder in die Öffentlichkeit wagen.

Doch zurück zum Anlass der Empörung des Muslim Markt, von Frau P., Herrn V. und Herrn T. Welche Ungeheuerlichkeit hat mein Film gezeigt?

"The Israeli army killed our friend. Shame on them", rufen die Schüler im Sprechchor. Sie sind 13, 14 Jahre alt, und ihr Lehrer ist stolz auf sie. Er hat die beiden Sätze mit Kreide an die Tafel geschrieben. Englischunterricht in El Bureish im Gaza-Streifen. Propagandaauftritt für die ausländische Kamera, die die Botschaft in die Welt trägt. Mohammed Al Dura, ihr Mitschüler, wurde von israelischen Soldaten getötet. Daran sollen diese Kinder so wenig Zweifel haben wie Millionen Zuschauer und Leser in aller Welt. Mohammed Al Dura wurde zum Märtyrer und zum Symbol des unschuldigen Kindes, das von einer brutalen Besatzungsarmee kaltblütig ermordet wurde.

Wohl kaum ein Bild verkörpert die Anklage gegen Israel so eindeutig, so grausam wie jene Fernsehszene. Zwölf Jahre war er, als er mit seinem Vater hinter einem Betonfass Schutz suchte im Feuergefecht zwischen Israelis und Palästinensern an jenem verhängnisvollen 30. September 2000. An diesem Tag entstanden die 52 Sekunden, in denen Mohammed und sein Vater Jamal Al Dura angstverzerrt in die Kamera und in Richtung des israelischen Kontrollpostens schräg gegenüber auf der anderen Seite der Kreuzung schauen. Schüsse sind zu hören. Staub wirbelt auf. Der Vater ist getroffen, dann der Sohn. Reglos liegt er im Schoß seines Vaters. Weltweit laufen diese Bilder noch am selben Abend in den Nachrichten.

Doch was zeigen sie? Den Tod Mohammed Al Duras? Wie ein Kind von israelischen Soldaten erschossen wird? Einen Unfall? Einen Mord?

Diese Fragen stellt die Fernsehdokumentation und löst schon allein dadurch so viel Empörung aus. Fragen, die für die Palästinenser keine sind. "Warum er nicht ermittelt habe", wollten wir von General Saib Ajez, dem damaligen Polizeichef in Gaza, wissen und bekamen eine klare Antwort: "Wenn es Differenzen gibt bei der Beurteilung eines bestimmten Falles, wenn eine Ermittlung notwendig wird, dann findet natürlich eine genaue Untersuchung statt. Aber wenn alle der Meinung sind, dass der Betreffende der Mörder ist, dann werden natürlich solche genauen Untersuchungen nicht gemacht." Und auf unsere Nachfrage, worin sich denn alle einig seien, sagte er ebenso schlicht und eindeutig: "Es ist die israelische Seite, die diesen Mord verübt hat."

Nun mag diese Haltung für den Polizeichef von Gaza nachvollziehbar sein. Welches Interesse sollte er mitten in der blutigen Auseinandersetzung um die politische Zukunft seines Volkes an der möglichen Erkenntnis haben, dass alles vielleicht auch ganz anders gewesen sein könnte? Warum sollte die Propagandawirkung dieser 52 Sekunden einer Wahrheitsfindung wegen gefährdet werden, die im ungünstigsten Fall die eigene Bewegung diskreditieren und im günstigsten Fall nur bestätigen würde, was ohnehin weltweit geglaubt wird? Erschreckend ist dagegen, wie viele Menschen in Deutschland und anderen Ländern der westlichen Welt ebenfalls der Meinung sind, dass sich in diesem Fall die genaue Recherche erübrigt, weil der Schuldige doch schon feststeht. Und dieselben Zuschauer, die mir aufgrund meines Namens, um es milde auszudrücken, Befangenheit unterstellen, halten es für völlig irrelevant, wie und durch wen die Bilder entstanden, die scheinbar so eindeutig sind.

Talal Abu Rahme, ein palästinensischer Kameramann, war im Auftrag des französischen Fernsehsenders France 2 unterwegs, um Bilder vom zweiten Tag der "Al Aksa Intifada" zu drehen. Abu Rahme wusste bereits am Tag zuvor, dass an der Netzarim-Kreuzung an diesem Tag etwas los sein würde. Jeder in Gaza wusste es, denn die Netzarim-Kreuzung ist einer der "hot spots", der Brennpunkte, im Gaza-Streifen. Ihr palästinensischer Name ist "Kreuzung der Märtyrer". Viele sind an dieser Kreuzung getötet worden: Palästinenser und Israelis.

Der befestigte israelische Kontrollposten ragt wie eine hässliche, eilig zusammengeschusterte Betontrutzburg auf. Präzisionsschützen der israelischen Armee beobachten jede Bewegung an diesem neuralgischen Punkt und sind das Ziel für palästinensischen Protest gegen die Besatzung. Hier führt die Hauptstraße vom Süden vorbei an Mohammeds Dorf El Bureish nach Gaza. Diese Straße wird nur von Palästinensern befahren. Die Zufahrtsstraße vom Grenzübergang Karni zur israelischen Siedlung Netzarim kreuzt sie. Israelis und Palästinenser kontrollierten die Kreuzung gemeinsam, als beide noch auf Frieden hofften. Das war vor dem 30. September, an dem die Kinder in Gaza schulfrei hatten, um ebenfalls dem Aufruf zum "Kampftag" folgen zu können. Tausende Demonstranten sammelten sich vor dem israelischen Posten an der Netzarim-Kreuzung, schlossen ihn ein. Zunächst war alles wie seit Jahren erprobt. Steine und Brandsätze einerseits, Gummigeschosse und Tränengas andererseits. Und überall Kameraleute, Fotografen, wie bestellt. Doch gegen Mittag leerte sich die Kreuzung. Dann fielen die ersten Schüsse. Die heftigen Schusswechsel dauerten bis in die Abendstunden.

Die Bilder, die Mohammed und seinen Vater Jamal Al Dura zeigen, sind zu Beginn der Schießerei entstanden. Sie kauern hinter einem Betonfass schräg gegenüber vom rund 120 Meter entfernten israelischen Posten auf der anderen Straßenseite. Ihnen gegenüber sitzt der Kameramann Talal Abu Rahme im Schutz eines Kleinbusses und filmt die beiden.

In den dann folgenden 45 Minuten entstehen die Aufnahmen, die bei genauer Betrachtung mehr Fragen aufwerfen als beantworten. Talal Abu Rahme sagt, dass er in diesen 45 Minuten, die die beiden hinter dem Betonfass in Deckung waren, rund sechs Minuten gedreht habe. Veröffentlicht aber sind nur 52 Sekunden. Das vollständige Band hat France 2 nie gezeigt. Es steht im Tresor. Warum? Die veröffentlichte Sequenz jedenfalls zeigt keinen einzigen Schuss, der Vater oder Sohn getroffen hat. Im vermutlich entscheidenden Moment des tödlichen Schusses verdeckt eine Hand das Objektiv. Danach folgt ein Schnitt. Wahrnehmbar nur in der Analyse Einzelbild für Einzelbild.

Was zeigen die restlichen, unveröffentlichten fünf der insgesamt sechs Minuten, von denen der Kameramann spricht? France 2 behauptet, es gäbe kein unveröffentlichtes Material. Einer von beiden lügt. Talal Abu Rahme hat sich nach unserem Film nie wieder öffentlich zu dieser Frage geäußert. France 2 droht jedem, der von Manipulation spricht, mit einem Gerichtsverfahren wegen Verleumdung. Widersprüche, die nur für den unerheblich sind, dessen Meinung auch ohne Fakten auskommt.

Wer dagegen nach genauen Antworten sucht, stößt auf immer mehr Fragen. Mindestens 12 Kugeln haben Vater und Sohn getroffen. Keine einzige wurde sichergestellt. Warum nicht? Warum sind an der Mauer hinter den beiden Einschüsse sichtbar, die aus einem Winkel abgefeuert worden sein müssen, der den israelischen Posten ausschließt? Zum Zeitpunkt des Schusswechsels laufen mehrere Menschen ungeschützt über die Kreuzung. Warum werden sie nicht von den Israelis beschossen? Warum sollten Scharfschützen 45 Minuten benötigen, um ein unbewegliches Ziel zu treffen? Und schließlich: Warum sollten sie überhaupt einen unbewaffneten Mann und seinen Sohn vorsätzlich erschießen?

Die minutiöse Rekonstruktion ergibt keine Beweise, jedoch eine Reihe von Indizien, die eher für palästinensische als für israelische Schützen sprechen. Nicht mehr und nicht weniger. Der Film lässt die Frage offen. Woher also kommt die Empörung?

Grundsätzlich gilt, dass viele Zuschauer auf der Suche nach der Bestätigung für vorgefasste Meinungen sind. Journalisten als Bildbeschaffer für die Bilder im Kopf. Doch selten tritt dieser Mechanismus so offen zutage wie im Nahostkonflikt. Und selten sind Journalisten so willig dabei, diese Rolle zu spielen, weil sie vielfach übereinstimmt mit der eigenen Haltung.

Zwölf Tage nach Mohammeds Tod, am 12. Oktober 2000, entstanden im Westjordanland ebenfalls Bilder, die um die Welt gingen. Sie zeigten, wie eine aufgebrachte Menschenmenge vor dem Polizeigebäude in Ramallah begeistert jubelte, als ein regloser Körper aus dem Fenster im ersten Stock geworfen wurde. Dann erschien ein Mann, der der Menge mit blutigen Händen winkte. Es gab auch Bilder, wie ein zweiter Mann vor dem Gebäude von Menschen zu Tode geschleift wurde. Die Opfer: Zwei Israelis, die sich verfahren hatten und mit ihrem israelischen Kennzeichen versehentlich in Ramallah im Westjordanland gelandet waren. Palästinensische Polizei hatte sie daraufhin festgenommen und zur Polizeistation gebracht. Dort wurden sie dann gelyncht, eine gnädig abstrakte Bezeichnung für die Art, wie sie zu Tode gequält, durch die Straßen geschleift, bei lebendigem Leib angezündet wurden.

Yosi war 38 Jahre alt. Er hinterließ drei kleine Kinder. Vadim war 33 Jahre alt. Er hatte vier Tage zuvor geheiratet. Über sein Handy musste seine Frau mit anhören, wie ihr Mann gelyncht wurde. Yosi und Vadim sind aus dem Gedächtnis der Medienwelt längst entschwunden. Ihr Schicksal wäre auch damals weitgehend unbeachtet geblieben, wenn es nicht die Fernsehbilder gegeben hätte.

Die Geschichte von der Verbreitung dieser Bilder erzählt ein eigenes, weitgehend unbekanntes Kapitel der journalistischen Wahrheitsfindung. Gedreht wurden sie vom Kamerateam von RTI, einer kleinen privaten italienischen Fernsehstation. Dieses Team war aber keineswegs das einzige vor Ort. Wie in Netzarim drängten sich auch vor der Polizeistation in Ramallah an diesem Tag die Fotografen und Kamerateams, darunter ein britischer Fotograf, ein polnisches TV-Team, ein Producer für ABC Network und ein Team des ZDF. Das polnische Team wurde umzingelt und von palästinensischer Polizei geschlagen. Das ZDF-Team wurde ebenfalls attackiert, der Reporter als "Jude" beschimpft. Erst als er seinen deutschen Ausweis zeigte, ließen sie von ihm ab.

Allen Kameraleuten und Fotografen wurde das Material beschlagnahmt. Kameras wurden zerschlagen. Kaum jemand der Kollegen hat darüber berichtet. Warum nicht? Die Antwort liegt vielleicht in der Reaktion, mit der die italienische Journalistin konfrontiert war, der es als Einziger gelang, ihre dramatischen Bilder herauszubringen und zu senden. Sie erhielt Morddrohungen, musste die Region verlassen und wurde in Italien unter Polizeischutz gestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt war die Journalistin des kleinen Senders RTI weitgehend unbekannt gewesen. Sobald die Rede von einem italienischen Fernsehteam war, dachte jeder an die große staatliche Station RAI und ihren Korrespondenten Ricardo Cristiano. So auch diesmal. Vier Tage später druckt die palästinensische Zeitung Al Hayat al Jadidah ein Schreiben Ricardo Cristianos mit einer Klarstellung des Vorgangs, gerichtet an "Meine geschätzten Freunde in Palästina." Darin heißt es wörtlich: "Wir beglückwünschen Euch und denken, dass es unsere Pflicht ist, Euch über den wahren Verlauf der Geschehnisse am 12. Oktober in Ramallah in Kenntnis zu setzen." Es folgt die Beteuerung, dass der private Konkurrent RTI und nicht die RAI, also er, für die Veröffentlichung verantwortlich sei, obwohl zunächst dieser Eindruck entstanden sei. "Wir betonen, dass der Ablauf nicht so war, denn die Regeln der palästinensischen Autonomiebehörde für journalistische Arbeit in Palästina werden von uns immer respektiert (und wir werden auch fortfahren, sie zu respektieren), und wir sind glaubwürdig in unserer präzisen Arbeit. Wir danken Euch für Euer Vertrauen, und Ihr könnt sicher sein, dass dieses Handeln nicht unserem Stil entspricht. Wir würden und werden so etwas niemals tun. Bitte akzeptiert meine Segenswünsche."

Cristiano verlor daraufhin seine Akkreditierung in Israel, wurde von der RAI abberufen und ist jetzt zuständig für Vatikanberichterstattung beim Hörfunk. Ich hätte gern von ihm selbst erfahren, wie die "Regeln" der palästinensischen Autonomiebehörde für journalistische Arbeit aussehen und wozu genau er sie "beglückwünscht" hatte. Er hätte auch gern geantwortet, durfte aber nicht. Ohne Genehmigung seines Arbeitgebers RAI drohe ihm die Kündigung, wenn er über die Ereignisse von Ramallah spreche. Die RAI untersagt ihm jede Äußerung. Doch auch ohne seine Erklärung lässt sich vermuten, wie es zu diesem Brief kam. Ricardo Cristiano hatte Morddrohungen erhalten, wegen der vermeintlich von ihm "verschuldeten" Veröffentlichung der Bilder vom Lynchmord aus Ramallah. Diese Drohungen sind kein Einzelfall.

Im November 2000 veröffentlicht Al Hayat einen Brief der Palästinensischen Journalisten-Vereinigung, in dem die Nachrichtenagentur AP für ihre Darstellung des "Kampfes der Palästinenser" verurteilt wird. Falls AP die Berichterstattung nicht ändere, heißt es dort, würden "alle notwendigen Maßnahmen gegen AP-Mitarbeiter" angewendet.

Der Korrespondent des amerikanischen Magazins Newsweek, Joshua Hammer, und sein Fotograf Gary Knight wurden am 29. Mai 2001 unmittelbar nach einem Interview im Gaza-Streifen von ihren Interviewpartnern, Mitglieder der Fatah, verschleppt und erst nach heftigen Protesten vier Stunden später wieder freigelassen.

Für ausländische Journalisten ist dies eher die Ausnahme, für einheimische dagegen gängige Praxis. "Kritiker der Palästinensischen Autonomiebehörde werden zuweilen von einem Angehörigen der Sicherheitskräfte zu einem Kaffee eingeladen, um erst Tage, Wochen oder sogar Monate später wieder freigelassen zu werden", schreibt nicht etwa die Pressestelle der israelischen Regierung, sondern Amnesty International. "Seit ihrer Gründung 1994", heißt es im Jahresbericht 2000, "hat die Palästinensische Autonomiebehörde die Freiheit der Presse zunehmend eingeschränkt durch eine Vielzahl von Maßnahmen, darunter Verhaftungen, Verschleppung durch Sicherheitskräfte. (. . .) Viele der Verhafteten konnten keinen Kontakt zur Außenwelt aufnehmen und einige waren Folter ausgesetzt."

Die Maßnahmen zeigen Wirkung. "Um diese Art der Misshandlung zu vermeiden, üben einige palästinensische Journalisten nun Selbstzensur, wie sie zugeben, indem sie entweder die Berichterstattung über ein Ereignis entsprechend abändern oder bestimmte Dinge gar nicht erwähnen." Nicht erwähnt werden etwa die Todesurteile in den palästinensischen Gebieten, die ohne jedes ordentliche Gerichtsverfahren vollstreckt werden, oder die gängige Lynchjustiz für vermeintliche Kollaborateure. Vor diesem Hintergrund ist es hochgradig problematisch, dass die Kontrolle über die Berichterstattung und vor allem die Hoheit über die Bilder inzwischen fast ausschließlich bei Palästinensern liegt.

Weit über neunzig Prozent der Kameraleute, die in Gaza und der Westbank arbeiten, sind Palästinenser. Sie arbeiten im Auftrag westlicher Fernsehstationen und Agenturen. Sie entscheiden, auf welches Ereignis sie ihre Kamera richten. Sie wählen das Material aus, das sie in die Studios nach Jerusalem und Tel Aviv überspielen. Und sie teilen dem Korrespondenten telefonisch mit, was sie gesehen haben. Daraus entsteht der Reporterbericht. So war es im Fall Mohammed Al Dura. So ist es die Regel. Aus einer Reihe von nachvollziehbaren Gründen und Sachzwängen sind westliche Journalisten und Kameraleute nur in Ausnahmefällen selbst vor Ort.

Erstens: Es ist gefährlich. Bei den Auseinandersetzungen wird scharf geschossen. Kriegsreporter sind selten an der Front. Das war im Golf-Krieg so. Das war in Kosovo so. Das war in Afghanistan so. Offiziell herrscht in Israel kein Krieg. Es gibt keinen klaren, vorhersehbaren Frontverlauf. Doch das macht die Sache nicht ungefährlicher. Im Gegenteil. Wer noch dazu die Sprache nicht beherrscht, und die meisten westlichen Journalisten sprechen weder Hebräisch noch Arabisch, bleibt sicherheitshalber besser im klimatisierten Studio und lässt sich die Bilder von der Front überspielen. Panzerweste hin oder her. Zudem bleiben ihm so mögliche journalistische Gewissenskonflikte erspart. Er kommt erst gar nicht in die Verlegenheit, Bilder zu sehen, deren Verbreitung gefährliche Konsequenzen haben könnte, weil sie nicht den "Regeln der Berichterstattung" palästinensischer Lesart entsprechen. Regeln, die jeder offiziell dementiert und die doch jeder kennt. Regeln eben, auf die sich Ricardo Cristiano in seinem Brief explizit bezogen hat. Regeln, gegen die die Kollegen dringend öffentlich protestieren und die sie zum Gegenstand ihrer Berichterstattung machen müssten.

Doch damit geriete das System selbst ins Wanken, denn welcher Journalist mag schon zugeben, dass er selbst vom Ort des Geschehens fast ebenso weit entfernt ist wie der Zuschauer zu Hause? Wer mag öffentlich eingestehen, dass er Angst hat? Wer räumt ein, dass er nicht selbst recherchiert hat und nur gefilterte Informationen verarbeitet?

Zweitens: Die Aktualität lässt keine Zeit für eine journalistische Recherche vor Ort. Längst hat der im Medienwettbewerb gewonnen, der die Information am schnellsten liefert. Schnelligkeit geht dabei vor und zwingend auf Kosten der Gründlichkeit. Wenn an nachrichtenstarken Tagen allein sieben Regelsendungen und dann noch zusätzliche Sondersendungen mit Beiträgen beliefert werden müssen, dann hat ein Reporter vor Ort keine Chance, er sitzt am Schneidetisch. Dort muss er sich darauf beschränken, die angelieferten Bilder und Informationen zu bearbeiten, ohne sie zu hinterfragen. Redlicherweise müsste dann aber zumindest die Quelle genannt werden. Das Material wird entweder direkt von der israelischen Armee gedreht oder eben von palästinensischen Kameraleuten vor Ort. Beides ist journalistisch problematisch. Beides wird üblicherweise nicht erwähnt.

Das Ergebnis sind die immergleichen Bilder, die uns aus Nahost erreichen. Es sind die Bilder, die unsere Zuschauer erwarten, weil wir sie ihnen liefern. Und wir liefern sie, weil sie erwartet werden. Ein Kreislauf, bei dem vor allem eines auf der Strecke bleibt: die Wahrheit. Die nämlich ist deutlich komplizierter, als die Welt der Schlagzeilen und Aufmacher sie suggeriert. Und die so gefärbte Berichterstattung schadet beiden Kriegsparteien, weil sie den Graben vertieft. Israel fühlt sich durch die tendenziöse Berichterstattung verunglimpft, igelt sich ein und wird immer unzugänglicher auch für berechtigte Kritik. Doch auch die Sieger im Medienkrieg, die Palästinenser, verlieren. Je weniger differenziert berichtet wird, je selbstverständlicher Zensur ausgeübt werden kann, umso schwerer haben es jene, die sich für demokratische Verhältnisse, für eine Verhandlungslösung und damit für eine Zukunft ihres Volkes in Freiheit und friedlicher Nachbarschaft mit Israel einsetzen. Niemand darf aussuchen, was wir sehen dürfen, wir wollen und müssen alles sehen. Das ist der Grundsatz für Pressefreiheit. Dieser Grundsatz ist universell. Er gilt ebenso wie die Menschenrechte, ohne entschuldigende "landestypische" Abstriche. Menschenrechtsverletzungen sind Menschenrechtsverletzungen. Folter ist Folter. Zensur ist Zensur. Egal wo.

FR vom 12.11.2002

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