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Ernst Ulrich von Weizsäcker: „Es braucht eine neue Klima-Außenpolitik“

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Von: Joachim Wille

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Den Ernst der Lage wollen viele „einfach nicht wahrhaben“, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker.
Den Ernst der Lage wollen viele „einfach nicht wahrhaben“, sagt Ernst Ulrich von Weizsäcker. © Digifoodstock / Imago Images

Forscher Ernst Ulrich von Weizsäcker über fünf Jahrzehnte Umweltdebatte, ökologische Erfolge und vertane Chancen.

Professor von Weizsäcker, Putins Krieg hat die Politiker:innen in Deutschland und der EU wachgerüttelt. Nun soll es mit dem Verzicht auf fossile Energien ganz schnell gehen. Warum braucht es solch einen Anlass dafür?

Weil viele Menschen den Ernst der Lage einfach nicht wahrhaben wollten. Das betrifft unsere Abhängigkeit von fossilen Energien aus dem Ausland genauso wie die Klimakrise. Noch Mitte Februar, vor Kriegsbeginn, hätte ein klimapolitischer Aufruf zum rasend schnellen Verzicht auf fossile Energien zu einem wütenden Protest in Deutschland geführt.

Auch wenn Deutschland auf russisches Gas, Öl und Kohle verzichtet und stattdessen Wind- und Sonnenstrom in unserem Land forciert und Öl und Flüssiggas aus Amerika und dem Nahen Osten kauft, reicht das nicht, weil der deutsche Beitrag zu den globalen Treibhausgasemissionen nur zwei Prozent beträgt.

Ernst Ulrich von Weizsäcker

Der Titel Ihres jüngsten Buchs lautet „So reicht das nicht!“. Gilt das nun immer noch?

Leider ist das so. Auch wenn Deutschland auf russisches Gas, Öl und Kohle verzichtet und stattdessen Wind- und Sonnenstrom in unserem Land forciert und Öl und Flüssiggas aus Amerika und dem Nahen Osten kauft, reicht das nicht, weil der deutsche Beitrag zu den globalen Treibhausgasemissionen nur zwei Prozent beträgt. Wir müssen mithelfen, dass auch die übrigen 98 Prozent stark reduziert werden. Das heißt, wir brauchen eine neue Klima-Außenpolitik, die es in Entwicklungsländern wie Indien oder Algerien lukrativ macht, früher aus der Kohle und dem Öl auszusteigen. Grundgedanke ist der „Budget-Ansatz“, gemäß dem alle Länder ein pro Kopf gleiches Anrecht auf die für das 1,5- oder Zwei-Grad-Ziel insgesamt noch zulässigen Emissionen erhalten. Das würde uns nötigen, CO2-Lizenzen aus dem Süden zu kaufen. Dann würde es dort lukrativ, Kohlekraftwerke stillzulegen, auf Sonnenenergie umzusteigen und die dadurch frei werdenden Lizenzen an den Norden zu verkaufen.

Was sind die wichtigsten Zeichen der globalen Umweltkrise?

Die Wetterkapriolen werden immer intensiver. Der Meeresspiegel kann womöglich verheerend stark ansteigen. Die Austrocknung der Böden kann schlimm werden.

Enst Ulrich von Weizsäcker (81) ist einer der renommiertesten deutschen Umweltexperten. Er ist Ehrenpräsident des Thinktanks Club of Rome, der mit seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 weltweit bekannt wurde. 
 Im Jahr 1981 kam Weizsäcker, der Biologie und Physik studiert hat, als Direktor an das UN-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in New York. Von 1984 bis 1991 war er Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik in Bonn, Paris und London. 1991 wurde er Gründungspräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Von 1998 bis 2005 war er SPD-Bundestagabgeordneter. jw
Enst Ulrich von Weizsäcker (81) ist einer der renommiertesten deutschen Umweltexperten. Er ist Ehrenpräsident des Thinktanks Club of Rome, der mit seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums“ 1972 weltweit bekannt wurde. Im Jahr 1981 kam Weizsäcker, der Biologie und Physik studiert hat, als Direktor an das UN-Zentrum für Wissenschaft und Technologie in New York. Von 1984 bis 1991 war er Direktor des Instituts für Europäische Umweltpolitik in Bonn, Paris und London. 1991 wurde er Gründungspräsident des Wuppertal-Instituts für Klima, Umwelt und Energie. Von 1998 bis 2005 war er SPD-Bundestagabgeordneter. jw © Imago

Nun läuft die Umweltdebatte seit mindestens 50 Jahren. 1972 kam das legendäre Buch „Die Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome heraus, dessen Ehrenpräsident Sie sind. Zugleich fand der erste UN-Umweltgipfel in Stockholm statt. Warum haben fünf Jahrzehnte nicht gereicht, um eine Wirtschaftsweise zu entwickeln, die die von der Natur gesetzten Grenzen einhält?

Die Umweltsorgen von 1972 hatten so gut wie gar nichts mit dem Klima zu tun. Sie betrafen vor allem Luft- und Wasserverschmutzung. Und der Club of Rome hat – unzutreffend – die baldige Erschöpfung der Rohstoffe befürchtet. Die Erkenntnis einer möglichen großen Klimaveränderung gab es erst in den späten 1980er-Jahren, und ab dann hat man in Deutschland und anderen wohlhabenden Ländern das Thema Klima vernünftig angepackt. Die Entwicklungsländer hatten mehrheitlich andere Sorgen.

Vor 30 Jahren, im Juni 1992, fand der große UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro statt, an dem Sie teilgenommen haben. Das schien der Wendepunkt zu sein, ein Aufbruch nach dem Ende des kalten Krieges …

Ja, die Verabschiedung der Klimakonvention und der Konvention über biologische Vielfalt in Rio waren sensationelle Fortschritte. Der Erdgipfel war getragen von einem wunderbaren Optimismus. Aber Umwelt war in der Volksseele der meisten Länder noch kein Topthema.

Als Sie damals aus Rio zurückkamen, da dachten Sie, nun beginnt das ökologische Zeitalter?

Naja, ich hatte drei Jahre vorher ein Buch mit dem Titel „Erdpolitik“ geschrieben, in dem ich hoffnungsfroh das 21. Jahrhundert als das Jahrhundert der Umwelt bezeichnete. Aber das war eine krasse Außenseitermeinung. Wirtschaftswachstum war und blieb in praktisch allen Ländern der Welt vordringlich.

„Fridays for Future“ demonstrieren im April in München. Er ziehe mit der Bewegung an einem Strang, sagt von Weizsäcker.
„Fridays for Future“ demonstrieren im April in München. Er ziehe mit der Bewegung an einem Strang, sagt von Weizsäcker. © IMAGO/Alexander Pohl

Was konkret hat damals diese große Wende verhindert? Und wer?

Besagte Volksseele, überall auf der Welt. Die Aufbruchstimmung nach dem Ende des kalten Krieges, die auch Rio beflügelte, ist danach in die neoliberale Ideologie ausgewandert, die in den USA von Reagan und in Großbritannien von Thatcher bereits vorangetrieben worden war. Ihr Ziel: Staatliche und erst recht globale Vorsorgeregeln abbauen, weil doch „der Markt“ den besseren Riecher für die Geldanlage und den technischen Fortschritt habe als der Staat. Eine „Erdpolitik“ hatte da kaum eine Chance.

Sie waren während der rot-grünen Zeit im Bundestag, 1998 bis 2005. Was waren die Erfahrungen?

Die SPD und die Grünen waren mutig. Sie haben eine ökologische Steuerreform, den Atomausstieg und das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) durchgesetzt. Die Ökosteuer machte Energieverbrauch teurer und die Lohnnebenkosten billiger und half dadurch etwa, 300 000 Arbeitsplätze zu sichern oder neu zu schaffen. Und das EEG war der weltweit wirksame Anstoß für eine fantastische Verbilligung der Solarenergie. Die machte den Klimaschutz auf einmal absolut bezahlbar. Die 16 Jahre der Merkel-Regierungen entsprachen weitgehend der „Volksseele“. Und sie waren klimapolitisch fortschrittlicher als die fast aller anderen Länder. Aber das reicht eben nicht.

Langer Kampf

Es war der Auftakt für die globale Umweltpolitik: „Nur eine Erde“, die erste UN-Umweltkonferenz, die Anfang Juni 1972 in Stockholm stattfand. Die 112 Teilnehmerstaaten beschlossen, ein System der globalen Umweltüberwachung einzurichten sowie ein UN-Umweltsekretariat zu gründen, das zur Keimzelle des UN-Umweltprogramms Unep in Nairobi wurde. Zudem verabschiedeten sie einen Aktionsplan mit 106 Empfehlungen zum Schutz der Umwelt und legten mit der „Deklaration zur Umwelt des Menschen“ den Grundstein für das Umweltvölkerrecht. Problem allerdings: Die Staaten des damaligen Ostblocks blieben der Konferenz fern, weil die Bundesrepublik die Teilnahme der DDR verhindert hatte.

Die internationale Umweltdebatte richtig in Fahrt gebracht hatte im März 1972 die Veröffentlichung der Studie „Die Grenzen des Wachstums“ durch den Club of Rome. Sie rechnete die Entwicklung von Weltbevölkerung, Nahrungsmittelproduktion, Industrialisierung, Umweltverschmutzung und Ressourcenverbrauch hoch. Ergebnis: Ein Kollaps droht binnen 100 Jahren, falls keine entschiedenen Schritte unternommen werden.

Zwanzig Jahre später, 1992, fand dann nach dem Ende des Kalten Krieges der legendäre UN-„Erdgipfel“ in Rio de Janeiro statt, auf dem fast alle Staaten der Erde vertreten waren. Hier wurden drei Konventionen verabschiedet – zum Klimaschutz, zur biologischen Vielfalt und zur Bekämpfung der Wüstenbildung. Außerdem die „Agenda 21“, ein entwicklungs- und umweltpolitisches Aktionsprogramm mit konkreten Handlungsempfehlungen für das 21. Jahrhundert. Dieser Aufbruch versandete dann allerdings zunehmend. Statt „Rio“ setzten sich der ökonomische Neoliberalismus und die Turbo-Globalisierung durch. jw

Hätten Sie sich ein Szenario vorstellen können, wie es nun mit Putins Krieg eingetreten ist? Dass fossile Energie Kriege finanziert und als Waffe eingesetzt wird?

Ich hatte nicht an so einen Schock gedacht.

Sind Sie für ein Erdgas-Embargo gegen Russland, um Putins Krieg nicht mehr weiter zu finanzieren? Oder ist Wirtschaftsminister Habecks Strategie des Ausstiegs bis 2024 richtig?

Natürlich ist uns der Frieden heute erst mal wichtiger als alles andere. Ob ein Embargo dafür hilfreich wäre, weiß ich nicht. Der Fossil-Ausstieg ist vernünftig, aber er wird dazu führen, dass wir grünen Wasserstoff importieren müssen. Die heimische Produktion reicht hinten und vorne nicht. Ob 2024 oder etwas später richtig ist, ist im Kern eine wirtschafts- und sozialpolitische Frage.

An der deutschen Küste sollen bis zu zwölf Flüssiggas-Terminals entstehen. Passt das überhaupt zur Energiewende? Umweltverbände machen Front dagegen.

Flüssiggas-Terminals machen unser Land robuster, aber klimapolitisch wichtiger fände ich den Import von klimaneutralem Methanol und Ammoniak, hergestellt mit Ökostrom in Afrika oder Arabien, wo die Kilowattstunde Photovoltaik nur noch einen Eurocent kostet.

Auch jetzt, während des Ukraine-Krieges, profitieren die klassischen Energiekonzerne und die fossil-atomaren Strukturen. Die Ölmultis und die US-Fracking-Industrie machen irre Zusatzprofite, die Kohle erlebt eine Renaissance und Milliarden fließen in die Entwicklung neuer Atomkraftwerke. Verkehrte Welt?

Verkehrte Welt ist ein schöner Ausdruck.

Ist dieser Rollback noch zu verhindern?

Er muss verhindert werden, gerade bei der Atomenergie. Atomenergie ist nicht nur eine Energiequelle, sondern kann auch die Technologie von Atomwaffen füttern und Terroristen auf böse Gedanken bringen.

Sollte man die Extraprofite der Energiekonzerne abschöpfen, die sie in der Ukraine-Krise machen? So wie Großbritannien es beschlossen hat?

Auf jeden Fall. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit.

Sie haben immer gefordert: „Die Preise müssen die ökologische Wahrheit sagen“. Was heißt das in der aktuellen Situation, wo die Preise quasi explodieren? Und die Ampel-Regierung einen Tankrabatt eingeführt hat?

Ich habe nie gesagt, man solle die „ökologische Wahrheit“ auf Heller und Pfennig ausrechnen und dann dem Energiepreis aufsatteln. Ich finde bloß, es muss von Jahr zu Jahr lukrativer werden, ökologisch und Klima-schädigende Handlungen zu unterlassen und die bislang völlig unterbelichtete Energieeffizienz zu steigern. Bloß muss diese Verteuerung sozialpolitisch und auch für den gewerblichen Mittelstand abgefedert werden. Bei „explodierenden“ Preisen darf man auch mal gegensteuern.

In Ihrem Buch zitieren Sie die Idee des verstorbenen Physikers und Energie-Vordenkers Gerhard Knies, die auf das Zusammenleben, die „Kohabitation“ der 200 Staaten der Welt, zielt. Zitat: „Nationalstaaten mutieren von Konkurrenten zu Partnern. Das Militärbudget schrumpft und das Geld geht in Projekte, die beiden Partnern nützen.“ Wie realistisch ist das, in einer Welt mit Putin, wo auch Deutschland 100 Milliarden Euro zusätzlich in die Rüstung steckt?

Das haben Knies und ich lange vor dem Putin-Krieg formuliert. Aber jetzt gilt die Idee erst recht. Der Ärger ist, dass in den Gehirnen vieler Machthaber, auch in Donald Trumpfs Kopf, die gnadenlose Rivalität der Völker gegeneinander die eigentliche Spielregel ist. Das ist für einen labilen Planeten eine grundfalsche Philosophie. Mein Buch hat ein ganzes Kapitel über die Notwendigkeit neuer Philosophie, einer neuen Aufklärung. Da ziehe ich mit Fridays for Future am gleichen Strang.

(Interview: Joachim Wille)

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