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„Ernährungstherapie bewirkt viel Gutes“

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Christian Löser ist einer der führenden Ernährungsmediziner Deutschlands. Bis zu seinem Ruhestand 2020 war der Internist und Gastroenterologe Chefarzt am Roten-Kreuz-Krankenhaus in Kassel.
Christian Löser ist einer der führenden Ernährungsmediziner Deutschlands. Bis zu seinem Ruhestand 2020 war der Internist und Gastroenterologe Chefarzt am Roten-Kreuz-Krankenhaus in Kassel. © pixelgrafie.com - axel sauerwein/ behringstr. 1/ 34121 Kassel

Internist Löser über Essen und Heilung

Herr Löser, Fachgesellschaften warnen vor den Risiken einer keimarmen Ernährung für Krebskranke, viele Kliniken halten aber daran fest. Warum setzt sich wissenschaftliche Erkenntnis in der Praxis nicht durch?

Der gesicherte Wissensstand der Ernährungsmedizin wird insgesamt nicht adäquat umgesetzt. Fast alle Krebspatienten rutschen irgendwann in die Mangelernährung, doch oft werden die Risiken weder erkannt noch rechtzeitig ernährungstherapeutisch behandelt. Vielen Ärzten fehlt die ernährungsmedizinische Kompetenz, weil das Thema im Medizinstudium nicht vorkam. Zudem sind Ernährungs- und die Krebsmedizin nicht ausreichend verzahnt. Das wird besser, aber nur langsam.

Kliniken argumentieren, dass sich mit Ernährungsmaßnahmen in den wenigen Tagen eines Krankenhausaufenthalts ohnehin nicht viel bewirken lasse …

Das ist grundfalsch! Wir haben wissenschaftlich einen radikalen Paradigmenwechsel vollzogen, der leider noch nicht überall angekommen ist: Essen stillt nicht einfach nur ein Grundbedürfnis. Die Ernährung von Kranken gehört nicht zur Basispflege, sie ist hocheffektiver Teil von Prävention und ärztlicher Therapie, gerade bei chronischen Erkrankungen. Es gibt klare Belege dafür, dass sich mit Ernährungstherapie auch in wenigen Tagen vieles bewirken lässt: kürzere Klinikaufenthalte, höhere Lebensqualität, bessere Heilungsverläufe und sogar niedrigere Sterberaten.

In Ihrer Zeit in Kassel ließen Sie Patient:innen durch Ernährungsfachleute betreuen, es gab individuell auf den Bedarf ausgerichtete Mahlzeiten. Weshalb war dort möglich, was andernorts nicht geschieht?

Ich habe meinem Geschäftsführer viele Studien auf den Tisch gelegt und ihn überzeugt, zudem gab es eine Anschubfinanzierung durch Sponsoren. Am Ende sahen alle, wie Patienten regelrecht aufgeblüht sind. Konsequente Ernährungstherapie ist eine Win-Win-Win-Situation: Ärzte und Patienten profitieren von besserer Medizin – und der Verwaltungsdirektor, weil er sogar Geld sparen kann. Denn wenn wir weniger Komplikationen und kürzere Verweildauern erreichen, bleibt der Klinik mehr von den Fallpauschalen übrig, die ihnen die Kassen zahlen. Das Problem ist nur: Wenn Sie neue Stellen für Ernährungsteams schaffen, sind die Kosten sofort sichtbar. Studien belegen aber, dass sich das langfristig rechnet. Im klinischen Alltag ist der ökonomische Nutzen jedoch erstmal schwer zu dokumentieren.

Muss die Politik nachsteuern?

Ja, der Bundesgesundheitsminister steht in der Pflicht. Wir brauchen eine Vorschrift, dass alle Patienten bei Aufnahme in ein Krankenhaus auf Mangelernährung gescreent werden. Wenn nötig, müssen sie ein Anrecht auf Ernährungstherapie haben – das ist bisher nicht der Fall. Jede Klinik muss dazu ein Ernährungsteam haben und eine Küche, die eine individuell auf den Bedarf ausgerichtete Kost anbieten kann. Wahrscheinlich fehlt dafür der Lobbydruck. Ich bin mir sicher: Wenn es für ein Medikament so starke evidenzbasierte Daten gibt wie für die Ernährungstherapie bei Mangelernährung, würde die Pharmalobby sofort durchsetzen, dass es auch eingesetzt wird.

Interview: Martin Rücker

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