PARS PRO TOTO

"Erlöst und vernichtet"

Bereits 1975 diskutierten viele lieber über deutsches Leid als über deutsche Schuld. Theodor Heuss (FDP), der erste Bundespräsident, sah schon 1946 in der

Von RUDOLF WALTHER

Bereits 1975 diskutierten viele lieber über deutsches Leid als über deutsche Schuld. Theodor Heuss (FDP), der erste Bundespräsident, sah schon 1946 in der Befreiung "die fragwürdigste Paradoxie der Geschichte", weil das Land gleichzeitig "erlöst und vernichtet" worden sei. Hermann Glaser stellt nun eine große Zahl von Berichten, Zeugnissen und Dokumenten aus dem Jahr 1945 zusammen, die die militärische, politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Situation Deutschlands am Ende der nationalsozialistischen Herrschaft ausleuchten.

Das Lesebuch zeigt, wie vielfältig der Wunsch verbreitet war nach einem "Neuanfang, der das Eingedenken an Leid und Grauen" einschloss. Andererseits blendet es die Kehrseite zu stark aus. Über den tatsächlichen Neuanfängen, die maßgeblich die Besatzungsmächte durchsetzten, unterschätzt Glaser jene Kontinuitäten, die die Rede von der angeblichen "Stunde Null" nachhaltig erschüttern.

Das Dorf Brettheim

Diese Kontinuitäten belegt Jürgen Bertrams Das Drama von Brettheim, das sich am 7. April 1945 - kurz vor der Befreiung und der Kapitulation - im hohenlohischen Dorf Brettheim abgespielt hat. Getreu den Durchhalteparolen von Generaloberst Jodl und Konsorten sollten vier minderjährige, schwer bewaffnete Hitlerjungen die mit Panzern anrückenden US-Truppen aufhalten. Der Bauer Friedrich Hanselmann und ein paar couragierte Bürger entwaffneten die Jungen und warfen deren Panzerfäuste, Handgranaten und Gewehre in den Dorfteich. Als Max Simon, Generalleutnant der Waffen-SS, davon erfuhr, forderte er eine strenge Bestrafung der Täter.

Im Schnellverfahren wurden drei Dorfbewohner zum Tode verurteilt, darunter der Hauptlehrer und NS-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer und Bürgermeister Leonhard Gackstetter. Beide hatten sich als Beisitzer des Gerichts geweigert, das Urteil zu unterschreiben. Am 10. April wurden sie hingerichtet und vier Tage lang an Bäumen hängen gelassen. Am 14. April 1945 wurden im Nachbardorf Kirchberg sechs Personen, darunter vier polnische Zwangsarbeiter, erschossen, weil sie für die Übergabe des Dorfes geworben hatten.

Mit Flugblättern hatten die US-Truppen Brettheimer wie Kirchheimer zur Kapitulation aufgefordert. Nachdem das Hissen von weißen Flaggen mit der Todesstrafe bedroht worden war, griffen US-Verbände das Dorf mit Flugzeugen, Artillerie und Panzern an. Neun von zehn Häusern wurden zerstört, 17 Menschen getötet. Nach dem Krieg kämpften die Hinterbliebenen der Opfer vergeblich um deren Anerkennung als Opfer von Willkürjustiz. Bigotterweise würdigte Hans Filbinger, der später selbst als "furchtbarer Jurist" aktenkundig wurde, im November 1960 "die beispielhafte Haltung" der drei Brettheimer Opfer der Blutjustiz. Generalleutnant Simon wurde von einem britischen Gericht wegen eines Massakers in Norditalien zunächst zum Tode verurteilt, 1948 zu 21 Jahren Haft begnadigt. Im November 1954 kam Simon frei und fasste Fuß im Versicherungsgewerbe in Dortmund, wo er am 4. Februar 1961 starb.

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