Der Prozess gegen den früheren SS-Wachmann Bruno D. geht weiter.
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Der Prozess gegen den früheren SS-Wachmann Bruno D. geht weiter.

Stutthof-Prozess

Die Erinnerungslücken des Bruno D.

  • vonJoachim F. Tornau
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Im Stutthof-Prozess können auch Psychiater nicht erklären, wie der angeklagte frühere SS-Wachmann wirklich tickt.

Als er vom Gericht einmal gefragt wurde, ob er in Stutthof geweint habe, gab Bruno D. eine überraschende Antwort: Ja, erklärte der ehemalige KZ-Wachmann. Weil der Dienst so eintönig gewesen sei und weil er seine Familie vermisst habe.

„Der Satz“, bekannte in dieser Woche die Strafkammervorsitzende Anne Meier-Göring, „treibt mich immer noch um.“ Steht er doch in kaum fassbarem Widerspruch zu dem Grauen, das der heute 93-Jährige als junger SS-Mann in dem Konzentrationslager bei Danzig mit ansah – und das ihn, wie er beteuerte, bis heute beschäftigt. „Die Bilder, die gehen einem nicht aus dem Kopf.“ Die vor allem jüdischen Gefangenen, die vor seinen Augen litten und starben, sie hätten ihm „furchtbar leid“ getan, sagte er.

Ein junger Einzelgänger

Beihilfe zum Mord in mindestens 5230 Fällen wird Bruno D. wegen seiner Wachtätigkeit in Stutthof 1944/45 vorgeworfen. Seit Oktober wird vor dem Hamburger Landgericht verhandelt. Doch wie der Angeklagte wirklich tickt, ist nach 36 Verhandlungstagen immer noch ein Rätsel. Was im KZ geschah, ist für ihn ein Verbrechen, das will er damals schon so gesehen haben. Bei sich selbst erkennt er keine Schuld. Er zeigt sich aussagebereit, berichtet über teils abseitige Details. Geht es aber um das systematische Morden oder die Ankunft von Abertausenden Deportierten, will er davon nichts mitbekommen haben. Oder er kann sich nicht erinnern.

17 Jahre alt war D., als er nach Stutthof abkommandiert wurde. Der Prozess wird deshalb vor einer Jugendstrafkammer geführt – und ein Jugendpsychiater muss bewerten, wie es um die Unrechtseinsicht des jungen Bruno D. bestellt war. Am Donnerstag stellte Stefanos Hotamanidis sein Gutachten vor. Klare Antworten blieb er schuldig: Es sei nach 75 Jahren nicht mehr sicher zu unterscheiden, was der Angeklagte damals gedacht habe und was nachträgliche Deutungen seien.

Er glaube jedoch, sagte der Sachverständige, dass D. unter dem Dienst in Stutthof „nicht gelitten“ habe. Und dass er über das Unrecht seines Tuns schlicht nicht nachgedacht habe: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er sich damals überhaupt mit dieser Frage beschäftigt hat.“

Den jungen Bruno D. beschrieb er als Einzelgänger mit geringem Selbstwertgefühl, der zu striktem Gehorsam erzogen wurde und jenseits seiner Familie kaum soziale Kontakte hatte. „Bei schwacher Kommunikationsfähigkeit ist man eher Beobachter als Mitwirkender“, erklärte der Psychiater. Niemand also, der selbst das Heft des Handelns in die Hand nimmt. Statt aufzubegehren und seine Versetzung zu betreiben, habe sich D. mit dem Dienst als SS-Wachmann abgefunden.

Und was hat es mit den Erinnerungslücken auf sich? Der bereits am Dienstag vom Gericht angehörte Gerontopsychiater Bernd Meißnest vermutete, dass D. unangenehme Erinnerungen „verdrängt“ haben könnte, um sich selbst zu schützen. Ebenso gut könne es sein, dass er sie bewusst verheimliche. Oder: Er habe damals bloß gesehen, was er habe sehen wollen. Alles möglich, alles Spekulation. Nur eines konnte der Gutachter ausschließen: Es gebe keine Hinweise auf Demenz oder hirnorganische Störungen. Hotamanidis wiederum hält es für das Wahrscheinlichste, dass sich D. über die Jahre eine Erinnerung zurechtgelegt habe, mit der er leben könne – und an die er mittlerweile selbst glaube. „Ich möchte vergessen, nicht weiter aufarbeiten“, hat D. kürzlich betont. „Ich habe mein ganzes Leben gelebt, um zu vergessen, was der Krieg ausgelöst hat.“

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