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Ende März 1945: Zwei Jeeps der US-Army fahren über den Kaiserplatz. Links das schwer beschädigte Hotel Frankfurter Hof.
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Ende März 1945: Zwei Jeeps der US-Army fahren über den Kaiserplatz. Links das schwer beschädigte Hotel Frankfurter Hof.

Erinnerungen an den Tag, als der Krieg für Frankfurt vorbei ist

Ausgangssperre, Hausdurchsuchungen und rollende Panzer: FR-Leser haben ihre Erlebnisse mit amerikanischen Soldaten aufgeschriebenGestern vor 60 Jahren war der Zweite Weltkrieg für Frankfurt vorbei. Gegen 16 Uhr am Donnerstag, 29. März 1945, verkündete der US-Sender in Luxemburg nach vier Tagen "Endkampf" die endgültige Einnahme der Stadt durch Einheiten von General George S. Pattons 3. Armee. FR-Leser erinnern sich. Weitere Berichte in Chronik 1945 im Dossier 60 Jahre Kriegsende

Von FRED KICKHEFEL

Frankfurt · 29. März · Mit jedem "runden" Gedenktag wird die Zahl der Zeitzeugen begreiflicherweise kleiner. Viele, die man nicht mehr befragen kann, haben Zeugnisse in Form von Aufzeichnungen, Interviews oder Filmaufnahmen hinterlassen. Noch freilich leben zu diesem 60. Jahrestag des Kriegsendes in Frankfurt Menschen, die die Ereignisse miterlebt und in unterschiedlicher Weise verarbeitet haben. Einige dieser Frankfurter haben der FR ihre teilweise ganz persönlich eingefärbten Erinnerungen an die letzten Tage des Krieges geschrieben.

Säuberliche Handschrift

Da ist etwa die 84-jährige Hedwig Karl, geborene Horn, die ihre Anmerkungen in gut lesbarer Handschrift auf liniertes Papier gebracht hat, einschließlich der Anmerkung "Jüngste von 6 Kindern" - zwei ihrer Brüder sind in Russland gefallen, der jüngste kam schwer verletzt aus Frankreich zurück. Frau Karl erinnert sich: "Es war abend und plötzlich hörten wir jemand rufen: ,die Amerikaner sind da!'... Dann hörten wir Motorengeräusche. Wir schauten ganz ängstlich aus dem Fenster und tatsächlich sahen wir amerikanische Armeefahrzeuge durch unsere Straße fahren... Es war wie eine Erlösung nach diesen fürchterlichen Zeiten, die wir durchgemacht hatten... Wir waren 8 Personen, ausgebombt, und hatten nur vier Betten. Aber wir schliefen!"

Die Frankfurterin Lotte Fiedler, die heute in Neu-Isenburg lebt, hat, ebenfalls in säuberlicher Handschrift "Ein erschreckendes Erlebnis in den letzten Kriegstagen" zu Papier gebracht. Einer der Mitbewohner ihres Elternhauses in Sachsenhausen hatte "geäußert: ,Wenn die Amis kommen, läge sein Gewehr mit Munition am Kellerfenster schußbereit!' Inzwischen stand ein Panzerwagen gegenüber unseres Hauses. Ich eilte von draußen in den Keller und fand ein Gewehr mit einem Kasten voller Munition. Ich lief mit dem Gewehr senkrecht vor meinem Körper haltend nach draußen...". Ein Mitbewohner nahm die Munitionskiste und Frau Fiedler und er warfen das Kriegsgerät in ein Trümmergrundstück. "Welch Wunder, daß die Amis von ihrem Panzer aus mich nicht entdeckten! Nach 2 Tagen kam ein Amerikaner in unser Haus und machte Hausdurchsuchung bis zum Keller! Was wäre passiert, wenn diese ,schrecklichen Dinge' noch dagewesen wären!"

Ein Marienbild hilft

Ein anderes Erlebnis mit amerikanischen "Besuchern" weiß Anneliese Hollerbach ("ich bin Jahrgang 1922 und habe vieles erlebt") zu berichten: "Am nächsten Tag, 27. 3. kamen die Amerikaner in unseren Stadtteil. Sie gingen von Haus zu Haus. Am Hauseingang blieben 2-3 Soldaten stehen, weitere 2-3 gingen mit ihrem Anführer von Wohnung zu Wohnung. Sie machten Schränke und Schubladen auf und nahmen mit, was ihnen gefiel (Fotos, Schmuck usw.) Meine Eltern, bei denen ich wohnte, hatten im Schlafzimmer ein großes Marienbild. Der Amerikaner machte bei uns die Schlafzimmertür auf, sah das Bild und sagte: ,Du Katholik?' Mein Vater bejahte das, der Soldat drehte sich um und ging, ohne etwas in der Wohnung anzufassen, mit seinen Leuten ins Treppenhaus. Wir waren alle sehr erstaunt und froh."

Froh war vielleicht auch der damals 16-jährige Luftwaffenhelfer Rolf Böcher (später Mitarbeiter des städtischen Sozialamts), in seiner Flakstellung am Riedberg, dass er keine Mathematik lernen musste. "Wir hielten uns seit Tagen in Alarmbereitschaft an den Kanonen auf." Er hatte die Rechnung freilich ohne seinen alten Mathe-Lehrer gemacht, der von seiner Wohnung in der Hügelstraße zu Fuß zum Riedberg lief. "Die nur noch vierköpfige Klasse musste sich in einer Baracke versammeln und einen vorschriftsmäßigen Unterricht über sich ergehen lassen." Erst als ein Offizier dem alten Herrn die militärische Lage erklärt hatte, erkannte der den Ernst der Situation. Er "griff nach Hut, Stock und Aktentasche, ließ sich von uns in den Mantel helfen und verließ mit den Worten: ,Da muß ich ja gehen, sonst sind die Herren Amerikaner noch vor mir zu Hause'... den Ort unseres letzten Unterrichts." Der gewissenhafte "Pauker" überstand den "Endkampf" unbeschadet und: "Die Flakstellung wurde rechtzeitig geräumt und alle Batterieangehörigen überlebten den schrecklichen Krieg."

Zigaretten und Schokolade

Überlebt hat auch der spätere Diplom-Ingenieur Günter Crass, Jahrgang 1929, der vom 19. bis 31. März gar ein handschriftliches Tagebuch verfasste, das er inzwischen ("ohne Korrekturen") in seinen Computer eintippte: "28. März 1945. Heute ist wieder großer Hamstertag. Die Menschenmasse räumt ein H.V.M. (Heeresversorgungsmagazin). Auch ich bin dabei. Hier gibt es Wurst, Fleisch, Käse, Marmelade, Zucker, Mehl, Zwieback, Nudeln und vieles anderes. Ich hole vier Kisten Büchsenwurst (96 Büchsen) und eine Kiste Marmelade. Am Abend kommen ungefähr 60 Amerikaner mit Autos in Enkheim an. Sie verschenken Schokolade und Zigaretten. Die Amerikaner ziehen sich aber wieder in der Nacht zurück. Heute schlafen wir das letzte Mal im Bunker.

30. März 1945. Das Leben geht seinen alten Gang. Von abends 7 - morgens 7 ist Ausgangssperre. Bei uns am Wald sieht man selten amerikanische Soldaten. Panzer rollen den ganzen Tag. Die Flieger sind den ganzen Tag am Himmel. In den frühen Morgenstunden sind einige deutsche Flugzeuge am Himmel. Sie werden wie rasend von unserer neuen Flakabwehr beschossen...".

Für Frankfurt also ist der Krieg vorbei, freilich nicht für alle Frankfurter. Noch werden bis zur Kapitulation am 8. Mai, sechs Wochen später, Tausende von Soldaten aus der Mainstadt fallen oder später in Kriegsgefangenschaft sterben. Und -zig Tausende sind bis heute vermisst, ihr Schicksal bleibt unbekannt.

Weitere Berichte in Chronik 1945 im Dossier 60 Jahre Kriegsende

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