Erinnerung spricht

Studien zur sexuellen Gewalt durch SS und Wehrmacht

Von BEA LUNDT

Dass in Kriegszeiten der Ort von Frauen "zu Hause" sei, dass sie die Männer an der Front bestenfalls moralisch oder durch das Sammeln warmer Kleidung unterstützen und als mögliche Opfer plündernder Feinde in Gefahr sind, solche Vorstellungen sind gerade am Beispiel des Zweiten Weltkrieges in den letzten Jahren viel diskutiert worden. Doch - während in anderen Ländern schon lange Soldatinnen im Einsatz sind - hat auch die Bundeswehr vor kurzem Frauen aufgenommen. Sind wir nun Zeugen einer Neuentwicklung? Oder haben Frauen nicht auch in der Vergangenheit bereits selbstständig handelnd die Geschichte gestaltet, ja, waren sie nicht sogar "Täterinnen", mithin auch mitverantwortlich für die Verbrechen der Nationalsozialisten?

Geradezu heroisiert wurde die Gestalt der "Trümmerfrau", die freilich nur eine Ersatzfunktion erfüllte, bis die Männer aus der Kriegsgefangenschaft zurückkamen und sie wieder verdrängten. Eine ganze Reihe von Publikationen der letzten Jahre hat darüber hinaus aktives Handeln von Frauen auch während der Kriegsjahre in allen möglichen Lebensbereichen nachgewiesen: bei der Kriegsproduktion, in der NSV, als Wehrmachthelferinnen, auch an der Front, vor allem als Krankenschwester. Auch innerhalb der Widerstandsbewegungen gab es bekanntlich politisch aktive Frauen. Zwei Neuerscheinungen kehren sich nun thematisch gegen diesen dominierenden Trend und stellen erneut die Frage nach männlicher sexueller Gewalt gegen Frauen während der Zeit des NS-Regimes in den Mittelpunkt. Wird hier ein bereits überholter "Opferdiskurs" neu entrollt?

Helga Amesberger, Katrin Auer und Brigitte Halbmayr vom Institut für Konfliktforschung in Wien beschäftigen sich in ihrer Studie mit den Viten von Österreicherinnen, die das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt haben. Es geht ihnen darum, "den Lebens- und Leidensgeschichten der Frauen ... gerecht zu werden und Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, aufzuzeigen sowie die Tabuisierung von sexualisierten Gewalterlebnissen aufzubrechen". In Tiefeninterviews mit den traumatisierten Betroffenen versuchen sie herauszuarbeiten, wie Frauen Vergewaltigung, sexuelle und andere Angriffe auf ihre körperliche Integrität erfuhren.

Das ist kein einfaches Unterfangen, beklagt doch keine der Betroffenen offen ein solches Erlebnis. Mit 43 Frauen haben sie Interviews durchgeführt, zwei Fallbeispiele stellen sie in den Mittelpunkt: Beide Frauen waren 1939 als junge Mädchen in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück eingeliefert und als "arbeitsscheue" "Zigeunerinnen" eingestuft worden; beide wurden sie durch männliches Lagerpersonal sexuell belästigt und vereinnahmt. Sehr ausführlich und einfühlsam werden die Erfahrungswelten der beiden Frauen im Detail entrollt, psychologisch anspruchsvoll analysiert und kommentiert. In der Tat ist es aufgrund dieser Zeugnisse wahrscheinlich, dass die jungen Frauen nicht nur in ihrer Naivität missbraucht, sondern einer "Sexzwangsarbeit" unterworfen und dabei auch vergewaltigt wurden.

Die Aussagen werden in den Zusammenhang der Fachliteratur über Bordelle der Deutschen Wehrmacht gestellt. Es schließen sich Kapitel an, die sich mit weiblicher Körperlichkeit befassen. Sie berichten aus der Sicht der Frauen über die Phänomene der im Lager fast immer ausfallenden Menstruation, über Schwangerschaft, Geburt, Mutterdasein und sexuelle Beziehungen aller Art während der Inhaftierung.

Mit ihrem mutigen Buch werden die Autorinnen sich nicht nur Freunde machen: die Geschichtsforschung hält sich an eine eindeutige Faktizität; die sehr auf ihre Professionalität bedachte Psychoanalyse wird ihnen vorhalten, nicht die entsprechende langjährige Spezialausbildung abgeschlossen zu haben; die feministische Forschung wendet sich zur Zeit gezielt den aktiv ihr Leben gestaltenden Frauen zu. Die rein quantitativ extrem dünne Basis steht einer Verallgemeinerung entgegen, die sie gleichwohl forsch im Titel suggerieren.

Facetten des Opfer-Diskurses

Offenbar sind sich die Autorinnen dieser vielfältigen Angriffsflächen durchaus bewusst, sie kennen die entsprechenden Diskussionen und versuchen die Einwände gegen ihr Vorgehen ausführlich zu widerlegen. So wählen sie einen geschickten Untertitel, dessen Anspruch, nämlich eine Mikroanalyse der bedrückenden "weiblichen Erfahrungen in NS- Konzentrationslagern" vorzulegen, sie zweifellos erfüllen. Möglicherweise lässt sich das Buch als Beitrag zur Differenzierung des "Opfer-Diskurses" verstehen, wobei dem Topos von der hilflosen Frau durchaus neue Facetten hinzugefügt werden. Aufgrund des Vertrauensverhältnisses, das sie zu den beiden Frauen aufbauen konnten, gelangten sie zu zunächst überraschenden Einsichten: Keineswegs wird nur vom Horror des Ausgeliefertsein berichtet. Die beiden Roma-Frauen entwickelten sogar einen gewissen Stolz auf ihre körperlichen "Qualitäten" und die Vorteile, die sie genossen, weil sie begehrt wurden. Schade, dass die Autorinnen diesen Aspekt des Umganges mit der Erinnerung an die Lagererfahrung nicht näher aufgreifen und thematisieren.

Während aus diesem Werk vor allem die Betroffenheit spricht, ist das zweite durch eine betont sachliche Distanz gekennzeichnet. Die Historikerin Birgit Beck legt in ihrere Dissertation eine Überblicksdarstellung über Sexualverbrechen vor, die zwischen 1939 und 1945 vor deutschen Militärgerichten verhandelt wurden. Quellenbasis sind vor allem die entsprechenden Aktenbestände aus dem Bundesarchiv Abtl. Militärarchiv Freiburg/Breisgau, Berlin/Lichterfelde sowie der Zentralnachweisstelle Kornelimünster. Über weibliche Selbstwahrnehmung können diese Schriften keine Auskunft geben, sie dokumentieren die Perspektive der Gerichte. Entsprechend formuliert die Autorin ein realistisches Ziel, nämlich "die rechtlichen Grundlagen, Mechanismen und Kriterien, die zu einer Strafverfolgung von Sexualverbrechen während des Zweiten Weltkrieges führten, exemplarisch aufzuzeigen".

Gleichwohl will auch Beck einen bisher wenig thematisierten Aspekt "sichtbar machen" und vor allem qualitative Faktoren herausarbeiten, was ihr zweifellos gelingt. Das zentrale Ergebnis der Studie ist die Relativierung der beiden bisher pauschal vertretenen Thesen: Zum einen ist es nicht zutreffend, dass die Wehrmacht sämtliche sexuellen Übergriffe ihrer Angehörigen auf Frauen einfach vertuschte. Auch in den unterworfenen Gebieten galten sie nicht einfach als Freiwild für deutsche Soldaten; Vergewaltigungen waren also keine "Kriegsstrategie". Noch schloss die Armee umgekehrt besonders brutal alle Vergewaltiger als schwarze Schafe aus ihren Reihen aus, um sich als "sauber" darzustellen. Gegen Ende des Krieges gingen die Verurteilungen zurück, was insbesondere Frauen aus der russischen Bevölkerung zu spüren bekamen.

Das Ansehen der Wehrmacht

Bis 1945 wurden insgesamt 5349 Soldaten wegen "Sittlichkeitsvergehen" verurteilt, eine Zahl, die Beck als eher gering bezeichnet. Bei dem Vergleich mit anderen Delikten zeigt sich in der Tat, dass eher typische Vergehen gegen die Disziplin und Kampfeskraft der Truppe sowie Fahnenflucht im Mittelpunkt der Strafverfolgung standen. Dennoch gab es ein deutliches militärisches Interesse, Taten zu ahnden, die die "Manneszucht" in Frage stellten. Man war besorgt um das Ansehen der Wehrmacht, fürchtete die Ausbreitung von Geschlechtskrankheiten.

Das Täterprofil für den Sexualstraftäter zeigt einen verheirateten Mann mit einem Durchschnittsalter von 27 Jahren, nicht viel älter als das typische Opfer, meist eine jüngere Frau aus der Zivilbevölkerung in den besetzten Ländern. Bei der Verurteilung dieser Männer kamen, so zeigen die Analysen der Verhandlungsprotokolle, Vorurteile über weibliches Verhalten und klassische "Vergewaltigungsmythen" zum Tragen: Grundsätzlich wurde Frauen eine gewisse Mitschuld an Sexualverbrechen gegen sie unterstellt. Unterschieden wurde zwischen "ehrbaren" und "nicht-ehrbaren" Frauen. Zur Klassifizierung einer Tat als Vergewaltigung musste eine massive Gegenwehr der Frau stattgefunden haben, ein gewisser weiblicher Widerstand galt als "normal".

Neben diesen vertrauten tauchen aber auch rassistische Argumente auf: Ohnehin sollte die Strafverfolgung einschlägig auffällig gewordener Männer vor allem verhindern, dass sie sich auch an deutschen Opfern vergriffen. Der Schutz der Ehre einer Arierin wurde höher bewertet als der einer nicht-arischen Frau. Entsprechend war auch die Geburt eines durch Vergewaltigung gezeugten arischen Kindes insgesamt erwünscht, bei nicht-arischen "Mischlingen" wurde die Abtreibung nahe gelegt.

Die beiden Werke sprechen unterschiedliche Leser und Leserinnen an: Während das letztere eine sorgfältige und wissenschaftlich wegweisende differenzierte Überblicksdarstellung ist, weist das erste vor allem Opfern, Angehörigen und Mitarbeitern von Konzentrationslagern einen Weg zum Verständnis und zum Umgang mit den Erfahrungen der Betroffenen. Zweifellos ist die Frage nach der Rolle von Frauen im Krieg ein "großes Thema", dessen vielfältige Perspektiven noch in keiner Weise erschöpfend ausgeleuchtet sind. Die Aneignung solcher umfangreicher Problembereiche erfolgt oft in Wellen. Eine neue Quellenbasis lässt eine eigentlich ad acta gelegte Perspektive in neuer Brisanz aufscheinen, und die Bearbeitung ermöglicht eine differenziertere Ausformulierung der Ausgangsthese.

Möglicherweise ist die Frage nach der sexuellen Gewalt gegen Frauen im Krieg noch nicht erschöpfend beantwortet. Weibliche Opfer männlicher Gewalt zu untersuchen, bedeutet nicht, alle Frauen als hilflose Wesen erscheinen zu lassen. Umgekehrt kann die Realität der Vergewaltigung von "gegnerischen" Frauen im Krieg nicht wegdiskutiert werden, selbst wenn ein Interesse daran besteht, den Fokus der Erforschung vor allem auf aktiv handelnde Frauen zu richten. In diesem Sinne stellen die beiden Neuerscheinungen eine wichtige Bereicherung der Debatte dar.

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