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Solidaritätsdemo vor Gelsenkirchens Synagoge im Mai. Beim Protest gegen Antisemitismus fehlen junge Menschen, beklagt Simovich.
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Solidaritätsdemo vor Gelsenkirchens Synagoge im Mai. Beim Protest gegen Antisemitismus fehlen junge Menschen, beklagt Simovich.

Antisemitismus

„Wer freies Palästina ‚from the River to the Sea‘ fordert, meint Palästina ohne Israel“

  • Hanning Voigts
    VonHanning Voigts
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  • Thomas Kaspar
    Thomas Kaspar
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Israels scheidende Generalkonsulin Sandra Simovich über vier beglückende und bestürzende Jahre in Deutschland.

Frau Simovich, nach vier Jahren als Generalkonsulin in München kehren Sie zurück nach Israel. Sind Sie froh, wieder nach Hause zu gehen?

Ich habe gemischte Gefühle. Es ist natürlich toll, nach Hause zu kommen, dorthin, wo ich meine Familie, meine Freunde und meine Tochter habe. Aber zugleich bin ich traurig, dass ich gehen muss. Ich habe sechs Jahre in Deutschland gelebt, und es wird mir wirklich fehlen. Sie haben so ein wunderbares Leben hier.

Sandra Simovich beim Gespräch mit der FR.

Wie meinen Sie das?

Im Vergleich zu meinem Land haben Sie alles in allem keine größeren Probleme. Keine echten Sicherheitsprobleme, und im Großen und Ganzen haben Sie hier ein sicheres und ruhiges Leben. Und dazu noch diese großartige Natur, Kultur, freundliche Leute. Sie führen in Deutschland wirklich ein tolles Leben in der Mitte Europas, und die Deutschen sollten das mehr wertschätzen.

Israel und Deutschland: Junge Menschen zur Toleranz zu erziehen

Was an Ihrem Leben in München wird Ihnen denn dann am meisten fehlen?

Für mich als Diplomatin war es nie selbstverständlich, dass ich so leicht mit Leuten in Kontakt kommen und gut zusammenarbeiten konnte. Meine Kolleginnen und Kollegen in anderen Ländern haben es da oft schwerer. Ich denke, Israelis und Deutsche teilen letztlich dieselben Ziele: junge Menschen zur Toleranz zu erziehen, die Gesellschaft besser zu machen. Und deshalb war es toll für mich, in Deutschland zu arbeiten. Persönlich wird es mir fehlen, dass ich mit dem Auto in einer Stunde zu unglaublichen Bergen und Seen fahren kann. Und mir werden die tollen Museen und die Brezeln fehlen (lacht).

Zur Person

Sandra Simovich, 46, ist eine rumänisch-israelische Juristin und war von August 2017 an Generalkonsulin des Staates Israel in München. Vier Jahre lang war sie für Kontakte in Hessen, Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und das Saarland zuständig.

Vor München war sie von 2000 bis 2005 israelische Botschafterin in Rumänien und von 2012 bis 2014 Beraterin der israelischen Botschaft in Berlin. Als Nächstes wird sie für das Außenministerium in Jerusalem arbeiten. han

Was war Ihr persönlicher Höhepunkt in diesen vier Jahren?

Kurz nachdem ich hier war, kam Präsident Reuven Rivlin nach München, um den Erinnerungsort für die elf israelischen Sportler und den deutschen Polizisten einzuweihen, die bei dem Terroranschlag während der Olympische Spiele 1972 getötet worden waren. Ansonsten habe ich viel mit Schulen zu tun gehabt und Kooperationen zwischen deutschen und israelischen Universitäten angeschoben. Es ist mir ein besonderes Anliegen, gute Kontakte zur jungen Generation in Deutschland aufzubauen.

Palästina: Vergleiche mit Holocaust unpassend

Wie haben Sie die jungen Leute in Deutschland erlebt?

Was mich in einem negativen Sinne beeindruckt hat, war eine Schülerin, die mich bei einer Diskussion gefragt hat, was der Unterschied sei zwischen dem Holocaust und dem, was mit den Palästinensern geschehe. Später hat sie sich bei mir entschuldigt. Das Problem ist aber nicht die Schülerin, sondern die doppelte Ignoranz, die hinter ihrer Frage steht. Es ist ein Nichtwissen über die Geschichte und ein Nichtwissen über das, was heute in Israel geschieht. Ich glaube, das Bildungssystem muss neue Wege finden, um die Jugend wirklich zu erreichen. Man darf jungen Menschen nicht nur Fakten und Jahreszahlen beibringen, sondern muss bei ihnen Empathie für die Opfer des Holocaust wecken, damit sie die Einzigartigkeit dieses Verbrechens begreifen. Insgesamt scheint mir leider, dass nicht genügend junge Leute politisch interessiert sind und sie zu wenig Energie darauf verwenden, sich zu informieren. Bei Kundgebungen gegen Antisemitismus habe ich oft vor allem ältere oder jüdische Leute gesehen. Das tut mir leid. Wir brauchen einen Aufschrei der gesamten Gesellschaft.

In der Bundesrepublik diskutieren wir schon seit längerem, ob die etablierte Erinnerungskultur noch Lehren aus der Geschichte vermittelt.

Gedenktage und Rituale der Erinnerung sind sehr wichtig, aber sie müssen eben auch Gefühle und Empathie wecken. Wenn man junge Leute erreichen will, muss man die Erinnerungskultur öffnen und zum Beispiel neue Medien in die Vermittlung einbeziehen, die von der Jugend wirklich verwendet werden.

In Deutschland wird auch gerade gefeiert, dass es hier seit 1700 Jahren jüdisches Leben gibt. Wie haben Sie die heutige jüdische Gemeinschaft wahrgenommen?

Mir ist immer wichtig, dass die Leute verstehen, dass deutsche Juden Deutsche sind. Ich musste immer wieder erklären, dass ich Israel vertrete, nicht die jüdische Gemeinschaft in Deutschland. Und dann ist das Erste, was vielen Leuten zu Juden und Deutschland einfällt, der Holocaust. Dabei leben Juden schon ewig hier und haben viel zur deutschen Kultur und Entwicklung beigetragen.

In Frankfurt wird an der Lichtigfeldschule wieder Abitur gemacht, die Stadt bekommt eine Jüdische Akademie. Gibt es nicht viele positive Entwicklungen?

Doch, definitiv. Mein Sohn geht in München auf eine jüdische Schule, es gibt dort eine sehr aktive Gemeinde. Und die gibt es in vielen, auch kleineren Städten. Darüber bin ich sehr froh. Auf der anderen Seite gibt es immer noch das Bild von den gepackten Koffern, auf denen Juden hier leben. Das bleibt ein Problem. Und viele deutsche Juden sind sehr froh, dass sie im Ernstfall Israel als sicheren Hafen haben.

Antisemitische Demos oder Anschlag in Halle nur die Spitze des Eisbergs

Im Mai haben Bilder von antisemitischen und israelfeindlichen Demonstrationen auf deutschen Straßen für Entsetzen gesorgt. Wie haben Sie diese Entwicklung wahrgenommen?

Wir haben in dieser Zeit Hunderte Hassnachrichten bekommen, oft mit Gewaltdrohungen. Das war entsetzlich. Und dann gab es diese Demonstrationen gegen Israel. Da wird „Free Palestine!“ gerufen, was erst einmal gut klingt. Aber wenn Leute ein freies Palästina „from the River to the Sea“ fordern, dann meinen sie ein Palästina ohne Israel. Und glauben diese Leute wirklich, dass es den Palästinenserinnen und Palästinensern hilft, wenn die Hamas Gaza kontrolliert? Worüber ich mich im Mai gefreut habe, war, dass Politikerinnen und Politiker deutlich gesagt haben, dass Migrantinnen und Migranten mit antisemitischen Ansichten keinen Platz in Deutschland haben. Und es gab auch viel öffentliche Solidarität mit Israel. Das hat gutgetan.

Tut die deutsche Gesellschaft genug gegen Antisemitismus?

Ich finde es wichtig sich klarzumachen, dass Ereignisse wie antisemitische Demos oder der Anschlag in Halle nur die Spitze des Eisbergs sind. Der Antisemitismus ist auch da, wenn es ruhig ist. Und dann frage ich mich, warum die Meinungsfreiheit in Deutschland so absolut gesetzt wird. Sie ist zweifellos ein hohes Gut, aber es gibt auch das Recht von Betroffenen, vor Hassrede geschützt zu werden. Es gab diese Plakate der Neonazi-Partei „Die Rechte“ mit dem Slogan „Israel ist unser Unglück“. Warum wird das zugelassen? Da sollte die Meinungsfreiheit stärker gegen andere Rechte abgewogen werden.

Haben Sie noch eine Abschiedsbotschaft an Deutschland?

Ich würde mir wünschen, dass die Deutschen Israel als ein Land sehen, wo man Urlaub machen, Spaß haben, studieren und gute Geschäfte machen kann. Israel ist nicht nur Holocaust und Nahostkonflikt, Israel ist ein wunderbares Land mit sehr viel Potenzial.

Interview: Thomas Kaspar und Hanning Voigts

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