1. Startseite
  2. Politik

Erinnerung an den ermordeten Journalisten Hrant Dink: „Ich bin ängstlich wie eine Taube“

Erstellt:

Von: Yağmur Ekim Çay

Kommentare

Hrant Dink war für viele Menschen ein Symbol der Völkerverständigung. Ihr Schmerz sitzt tief.
Hrant Dink war für viele Menschen ein Symbol der Völkerverständigung. Ihr Schmerz sitzt tief. © afp

... sagte einer der wohl mutigsten Journalisten der Türkei über sich selbst. Hrant Dink stand für die Idee des Friedens, er wurde ermordet. An seinem 16. Todestag erinnert Yağmur Ekim Çay an sein kämpferisches Leben

Zwei abgelaufene Schuhe schauen aus einem Leichentuch heraus, ein Riss geht durch die Sohle des rechten. Ein großer Körper liegt auf der Straße im Istanbuler Viertel Sisli. Dieses Bild wird in der Türkei am 19. Januar 2007 überall gezeigt. Es ist ein dunkler Tag für das Land, der Faschismus hat ein weiteres Leben gekostet. Der Journalist Hrant Dink ist tot. Er wurde mit drei Kugeln vor dem Gebäude seiner Zeitung erschossen.

Der Mord an Hrant Dink stellt sich in eine traurige Tradition. Metin Göktepe, Uğur Mumcu und Abdi İpekçi – so die Namen der Journalisten, die ebenfalls in der Türkei ermordet wurden. Fälle, die der türkische Staat ebenso versuchte, zu vertuschen. Im Fall Dink wird der 17-jährige Täter festgenommen. Doch das Bild seiner Verhaftung, welches den Mann mit türkischer Flagge und zwei stolzen Polizisten zeigt, macht ihn unter Faschist:innen zu einem „Helden“. Die weiße Mütze, die er am Tag der Tat trug, wird zum Modetrend.

Im nachfolgenden Gerichtsprozess stellt sich dann heraus: Die Polizei wusste von den Plänen, Hrant zu ermorden – das belegen Aufnahmen der eigenen V-Leute. „Er hat es schon lange verdient“, sagt ein V-Mann kurz nach Hrants Tod zu einem Polizisten. „Selbst wenn wir es nicht waren, hätte es jemand anderes getan.“ Der Mittäter behauptet während des Verfahrens, den Auftrag zu dem Mord aus Polizeikreisen erhalten zu haben. Das geplante Ende eines kämpferischen Lebens.

Ebendieses Leben beginnt 1954 in der anatolischen Stadt Malatya. Hrant, wie man ihn in der Türkei üblich beim Vornamen nennen würde, muss schon im Alter von sechs Jahren mit seiner Familie nach Istanbul ziehen. Ein Jahr später wird er in das armenische Waisenhaus Gedikpaşa in Istanbul geschickt, nachdem seine in Armut lebenden Eltern sich trennen. Die Winter verbringt er fortan dort, die Sommer im sogenannten Kamp Armen, einem armenischen Waisenhaus in der Istanbuler Gemeinde Tuzla.

Dort hilft er schon als Kind beim Aufbau des Hauses, lernt schließlich auch Rakel kennen: eine Armenierin aus der Osttürkei, ebenfalls ohne Eltern. Hrant bringt Rakel Armenisch und Türkisch bei, da sie zu diesem Zeitpunkt nur Kurdisch spricht. „Ez ji te hezdikim“, sagt der 15-jährige Hrant eines Tages zu Rakel – „Ich liebe dich“ auf Kurdisch. Sie werden einander Eltern, Geschwister und Geliebte. 20 Jahre lang leben sie in Kamp Armen, bekommen dort gemeinsam Kinder.

„Ich habe in meinem Leben nie mit einer terroristischen Organisation zu tun gehabt. Ich habe nie jemandem etwas getan, aber ich bin ein guter Armenier und ein guter Linker, und das macht mich für dieses Land schwierig.“

Hrant Dink

„Unser Atlantis“, so nennt Hrant das Waisenhaus und übernimmt zusammen mit Rakel die Leitung. Sie bauen Feigen- und Olivenbäume an, kaufen Pferde, Hasen, Lämmer, gehen jeden Tag ans Meer und machen es zu einem Zuhause für Kinder, die keines haben. Aber ihr „Atlantis“ währt nicht lange.

Nach dem Militärputsch von 1980 wird Kamp Armen geschlossen, unter dem Vorwurf „armenische Militante“ heranzuziehen. Hrant wird verhaftet. „Sie nutzten das Haus für niemanden. Sie nutzten es nicht für Kinder oder ältere Menschen. Sie haben es leer gelassen“, sagt er später, die Erinnerung schmerzt ihn noch Jahre später.

Diskriminierung gehört spätestens jetzt zu Hrants Alltag. Zeitweise ändert er seinen Namen auf Türkisch zu Fırat, um seine türkische linke Gruppe zu schützen – eine Verbindung zu armenischen Gruppen könnte sie in Gefahr bringen. Die Schließung von Kamp Armen und die Festnahmen 1980 bringen ihn dazu, sich mehr und mehr zu politisieren, nicht aber zu radikalisieren. Er sei „ein anderer Armenier“, sagen viele über ihn, nennen ihn „ahparig“ – Bruder auf Armenisch.

Sowohl die türkischen, als auch die armenischen Faschist:innen hassen ihn. „Ich bin aus der Türkei und ein Armenier, das ist meine Identität. Niemand soll uns Ausländer oder Diaspora nennen. Ich bin in dem Land, in dem meine Vorfahren seit Tausenden von Jahren gelebt haben“, sagt Hrant. Beim Militär wird er gezwungen, die Toiletten zu putzen, dabei die türkische Nationalhymne zu singen. Er wird in türkischen Gefängnissen gefoltert, als angeblicher Terrorist. „Ich habe in meinem Leben nie mit einer terroristischen Organisation zu tun gehabt. Ich habe nie jemandem etwas getan, aber ich bin ein guter Armenier und ein guter Linker, und das macht mich für dieses Land schwierig.“

Trotz allem liebt er die Türkei. Er singt anatolische Lieder und spielt abends die Saz. Selbst in den schwierigsten Zeiten will er das Land nicht verlassen. „23,5. April“ (der „dreiunzwanzigeinhalbste“ April) nennt er das Gefühl zwischen Trauer und Glück als Armenier aus der Türkei, der sich auf den 23. April, den Tag der nationalen Souveränität in der Türkei, freut und am 24. April, dem Tag, an dem der Völkermord an den Armenier:innen begann, trauert. „Wie viele Menschen auf der Welt befinden sich in diesem Dilemma? Es ist weder leicht zu verstehen noch leicht zu erklären.“

„Wir sind alle Armenier, wir sind alle Hrant“: Tausende Menschen gedenken des Journalisten auf Armenisch, Kurdisch und Türkisch.
„Wir sind alle Armenier, wir sind alle Hrant“: Tausende Menschen gedenken des Journalisten auf Armenisch, Kurdisch und Türkisch. © afp

Er sieht die Lösung des türkisch-armenischen Konflikts im gegenseitigen Dialog. „Heute, ob Türken oder Armenier es wollen oder nicht. Allah im Himmel hat entschieden, dass Türken und Armenier Nachbarn sind und Seite an Seite leben werden. Und sie müssen in Frieden miteinander leben. Unsere Aufgabe ist es, diesen Frieden zu schaffen.“ Um diesen Frieden zu schaffen, gründet er 1996 die Zeitung „Agos“, die er als „empathisch gegenüber Menschen aus der armenischen Diaspora, Bürgern Armeniens, türkischen Armeniern und Bürgern der Türkei“ bezeichnet. Die erste armenische Zeitung auf Türkisch. Und das in Zeiten, in denen das Wort „Armenier“ dort als Schimpfwort verwendet wird, viele Armenier:innen wegen angeblichem Terrorismus verhaftet und linke Medienschaffende durch Bombenanschläge und Folter getötet werden. Aber Hrant als „guter Linker“, wie er sich selbst nennt, weiß, dass es Mut zur Veränderung braucht. Eine Veränderung für „alle, nicht nur für die Türken oder Armenier.“

„Allah im Himmel hat entschieden, dass Türken und Armenier Nachbarn sind und Seite an Seite leben werden. Und sie müssen in Frieden miteinander leben. Unsere Aufgabe ist es, diesen Frieden zu schaffen.“

Hrant Dink

Die türkische Presse bezeichnet die neue Zeitung als „terroristisch“, beschuldigt sie auch, mit der Armenischen Geheimarmee zur Befreiung Armeniens (ASALA) und der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zu kooperieren. Die Situation eskaliert 2004: „Agos“ veröffentlicht eine Recherche, nach der Sabiha Gökçen, die Adoptivtochter des türkischen Staatsgründers Atatürk, ein armenisches Waisenkind war. Das Generalsekretariat des türkischen Generalstabs bezichtigt Agos der Beleidigung des Türkentums.

Es folgt ein rechter Medienmob gegen Hrant Dink und „Agos“. Hrant wird dreimal wegen „Beleidigung des Türkentums“ nach Artikel 301 des türkischen Strafgesetzbuchs angeklagt und zur Haft verurteilt. Hrant kann die Beschuldigungen nicht nachvollziehen. Er schöpft die internen Berufungsmechanismen voll aus – doch er ist müde. Immer wieder stehen Faschist:innen vor seiner Tür, fordern ihn auf, die Türkei zu verlassen und drohen, dass sie eines Nachts wiederkommen werden.

Nach dem Mord

Im Hrant-Dink-Prozess wurden drei hochrangige Polizeibeamte zu lebenslanger Haft verurteilt. Die anderen insgesamt 74 Mitangeklagten erhielten geringere Haftstrafen oder wurden aufgrund mangelnder Beweislage freigesprochen.

Hrant Dinks Familie und Freundeskreis kämpfen seit Jahren für die Aufklärung. Eine umfassende Untersuchung des Falles wurde nie durchgeführt.

Die Türkei ist laut Einschätzung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte für den Mord mitverantwortlich. Der Staat habe Hrant Dinks Recht auf Leben verletzt und keine wirksame Untersuchung seiner Ermordung durchgeführt.

Die „23,5-Hrant-Dink-Gedenkstätte“ zeigt die Träume, Werte und Worte des Journalisten in seinem alten Büro in Istanbul. Unter www.hrantdink.org/memorysitevirtualtour kann die Ausstellung virtuell besucht werden.

Die Hrant-Dink-Stiftung bietet seit 2007 diverse Bildungsprojekte in den Bereichen „Kultur und Kunst“, „Geschichte“, „Demokratie und Menschenrechte“ sowie „Beziehungen Türkei-Armenien“ an.

Die Wochenzeitung „Agos“ wird seit Hrant Dinks Tod weiterhin veröffentlicht und hat eine wöchentliche Auflage von mehr als 5000 Exemplaren.

68 Medienschaffende wurden nach Angaben des türkischen Journalistenverbandes zwischen 1909 und 2022 in der Türkei getötet.

In der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen steht die Türkei auf Platz 149 von 180. Derzeit sitzen 24 Journalist:innen in Haft. (yec)

„Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe, aber ich werde mein Land nicht verlassen und weglaufen. Ich habe mich schon daran gewöhnt, von nun an werde ich ein bisschen ängstlicher leben“, schreibt Hrant im Jahr 2004. Etwas ängstlicher als sonst, aber weiterhin mutig. Im Jahr 2006 sagt er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Reuters: „Natürlich sage ich, dass es sich um einen armenischen Völkermord handelt, denn die Ereignisse zeigen, dass es so ist.“ Im September des gleichen Jahres folgt ein weiteres Verfahren gegen ihn.

2007 wird es nicht besser. Sein Briefkasten ist voll mit Hasszeilen und Drohungen, weder Staatsanwaltschaft noch Polizei unternehmen etwas dagegen. „Ich bin ängstlich wie eine Taube... aber ich weiß, dass die Menschen in diesem Land keine Tauben anrühren. Tauben setzen ihr Leben auch in der Innenstadt fort, sogar in Menschenmassen – ein bisschen ängstlich, aber gleichzeitig auch frei.“ Diese Zeilen schreibt er im Januar 2007, in der Hoffnung, dass ihm nichts passieren wird. Doch die Taube wird angerührt: Hrant wird am 19.01. 2007 vor seiner „Agos“ erschossen .

Hrant Dink war ein besonderer Journalist, ein wichtiger linker Intellektueller, ein liebevoller Vater für viele armenische Kinder und „ahparig“ für unzählige Freund:innen. Er wird in der Türkei beigesetzt, wie er es sich gewünscht hat. „Du hast deine Liebsten verlassen, du hast deine Kinder und Enkelkinder verlassen, du hast meinen Schoß verlassen. Du hast dein Land nicht verlassen, mein Schatz“, sagt Rakel Dink 2007 vor den Tausenden Menschen, die zu seiner Beisetzung in Istanbul erscheinen. Vielen von ihnen mit „Wir sind alle Armenier“-Schildern. Auch in diesem Jahr wird man in Istanbul an ihn erinnern, vor seiner „Agos“, der heutigen „23,5-Hrant-Dink-Gedenkstätte“. Sein Leben und seine Arbeit haben eine wichtige Aufgabe hinterlassen: Der Kampf für den Frieden.

Auch interessant

Kommentare