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Häftlinge nach der Befreiung im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau im Januar 1945.

Holocaust

Erinnern, wenn die Überlebenden nicht mehr da sind

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Schüler werden zu Botschaftern, Computer helfen beim Verstehen - Ansätze für die Vermittlung für die Zeit nach den Überlebenden.

Noch sind sie da, in Fleisch und Blut. Sie gehen in Schulen, erzählen den Kindern und Jugendlichen von ihrer eigenen Kindheit und Jugend während des Nationalsozialismus. Doch die Überlebenden des Holocaust, die als Zeitzeuginnen und Zeitzeugen auftreten, sind heute, 75 Jahre nach Kriegsende, weit über achtzig oder neunzig Jahre alt.

Sie haben lange für die Vermittlung des Holocaust an die heutigen Generationen gearbeitet. Doch in naher Zukunft wird es keine Überlebenden mehr geben. Mit jedem Zeitzeugen, der stirbt, verblasst die Möglichkeit, ihre Erinnerungen aus erster Hand zu hören. Ihnen Fragen zu stellen, sich von ihren Erzählungen direkt berühren zu lassen – oder nicht?

Seit Jahrzehnten wird versucht, die Erzählungen haltbar zu machen. So baut die von Steven Spielberg gegründete Shoah Foundation seit 1994 ein Archiv mit Videoaufnahmen von Zeitzeugen-Interviews auf und das Illinois Holocaust Museum & Education Center fängt die Erzählenden mit aufwendiger Technik ein, um sie als 3D-Hologramme auch in Zukunft von ihrem Schicksal erzählen lassen zu können.

Es gibt viele Ansätze, dem Vergessen vorbeugen und die Erinnerungen so authentisch wie möglich zu bewahren. Denn zu Anlässen wie dem 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau werden wieder die Befürchtungen laut, dass man ohne diese die letzte lebende Verbindung zu dem Unsäglichen, das in den Lagern geschah, verliert. Damit wächst auch die Sorge, dass der Holocaust und Auschwitz abstrakter werden, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt; dass die Geschichte verschwimmt und das Grauen des NS-Regimes für die kommenden Generationen immer weniger verständlich wird.

Auf die Zeit ohne Zeitzeugen hat sich auch der Verein Heimatsucher aus Essen vorbereitet: Die Pädagoginnen und Pädagogen haben in den vergangenen Jahren Holocaust-Überlebende in ganz Deutschland besucht und sich intensiv mit deren Geschichten auseinandergesetzt, denn sie wollen als „Zweitzeug*innen“ fungieren. Die Geschichten nehmen die „Zweitzeug*innen“ dann mit in Schulen und erarbeiten mit Schülerinnen und Schülern von den Klassen vier bis 13 die Inhalte dieser Erzählungen.

„Es geht uns dabei besonders darum, auf emotionaler Ebene von den Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zu erzählen“, sagt Katharine Müller-Spirawski, eine der Geschäftsführerinnen des Vereins. Denn die unmittelbare Begegnung und die Emotionen, die das bei den Zuhörern auslöse, sei schließlich das, was unvermeidlich mit dem Tod der Holocaust-Überlebenden verloren gehe. „Es wird zudem immer schwieriger, noch Überlebende zu finden“, sagt Müller-Spirawski. „Und viele von denen, die noch da sind, möchten nicht mehr so viel reisen oder nicht mehr vor Klassen oder großem Publikum sprechen.

Gedenkstätten

Eine Mehrheit der Deutschen ist dafür, alle Schüler zum Besuch eines ehemaligen Konzentrationslagers zu verpflichten. In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sprachen sich 56 Prozent für solche Pflichtbesuche mindestens einmal in der Schulzeit aus. 34 Prozent sind dagegen. 10 Prozent machten keine Angaben. dpa

In regelmäßigen Projektwochen an Kooperationsschulen werden dann auch Schülerinnen und Schüler zu „Zweitzeug*innen“ ausgebildet. „Uns geht es darum, dass die Kinder und Jugendlichen ihren Freunden und Familien von dem Gehörten berichten und es so weitertragen“, sagt Müller-Spirawski.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt, hat eine etwas andere Sicht auf den unvermeidbaren Verlust der Überlebenden. Er findet, ihnen werde eine übergroße Aufgabe zugeschrieben. „Wir nehmen sie damit in eine Verantwortung, die sie gar nicht zu tragen haben“, sagt Mendel. Das sei zudem nicht immer so gewesen: „Dass wir uns so sehr für die Überlebenden interessieren, ist relativ neu. Nach 1945 hat es zunächst vier bis fünf Jahrzehnte niemanden interessiert, was sie zu erzählen hatten. Hinzu kommt, dass die Überlebenden, deren Geschichten wir uns anhören, weltweit ein paar Tausend sind. 98 Prozent der Zeitzeugen in Deutschland waren Täter, Mitläufer oder Zuschauer“, so Mendel. Wer also nach Zeitzeugen suche, könne auch in der eigenen Familie anfangen. Der Pädagoge findet dass es verkürzt, sogar falsch sei, anzunehmen, die Vermittlung des Holocaust würde nach dem Tod der Überlebenden an Qualität verlieren.

„Wir brauchen ohnehin einen anderen Ansatz“, findet Mendel. Es gehe ihm in der Bildungsstätte nicht darum, Betroffenheit zu vermitteln. Vielmehr solle eine Selbstreflexion der Jugendlichen angestoßen werden. „Wir haben dabei den Vorteil, dass wir kein ‚authentischer‘ Ort sind, wie eine KZ-Gedenkstätte. Wir können uns andere Vermittlungsansätze überlegen, die woanders vielleicht nicht angebracht wären.“

So hat die Bildungsstätte zum Beispiel für ihr interaktives Lernlabor mir Computerexperten und Gamern zusammengearbeitet, um die Inhalte spielerischer vermitteln zu können. Dort gibt es unter anderem eine Vorurteilsbrille. Diese projiziert weitverbreitete Stereotype auf Bilder von Menschen; die Besucherinnen und Besucher der Bildungsstätte sollen mit eingefahrenen Denkmustern konfrontiert werden und den Umgang mit den eigenen Vorurteilen überprüfen.

Zum Handeln anregen

Ein spezieller Bodyscanner sucht nach vermeintlichen „Anomalien“ im Körperbau der Besucherinnern und Besuchern, fasst sie in Gruppen zusammen und teilt ihnen willkürlich negative Attribute zu. So sind alle mit kurzen Haaren plötzlich unordentlich, alle mit langen Beinen zum Beispiel Langweiler. Dieser Moment der zusammenhangslosen Zuschreibung irritiert die Jugendlichen - und führt automatisch zu einer Diskussion darüber, ob es richtig ist, Mensch aufgrund ihres Äußeren zu bewerten.

So wird das Lernen über die Shoa zum Lernen über des Ausgrenzen von Menschengruppen. Mendel und sein Team wollen so nicht nur über die Schrecken des NS-Regimes informieren, sondern auch irritieren und Gespräche initiieren. „Uns ist es wichtig, dass unsere Besucher ein Bewusstsein zum Thema entwickeln und davon ein Handeln ableiten“, so Mendel.

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