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Eric Zemmour – Der Verteidiger des Antisemitismus

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Von: Stefan Brändle

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Eric Zemmour
Eric Zemmour Mitte Januar 2021. © Francois Nascimbeni/AFP

Der französische Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour steht diese Woche gleich zweimal vor Gericht. Der Vorwurf könnte schwerer kaum sein.

Paris – Eric Zemmour wurde an diesem Montag (10.01.2022) zu einer Buße von 10.000 Euro wegen rassistischer Sprüche verurteilt. Der 63-jährige Publizist hatte sich auf dem rechtslastigen Sender CNews über unbegleitete Minderjährige aus dem Maghreb ausgelassen: „Es sind Diebe, Mörder, Vergewaltiger, das ist alles, was sie sind.“

Die Staatsanwältin befand, Zemmour habe „die Grenzen der Meinungsäußerungsfreiheit überschritten“. Zemmour, der nicht zur Verhandlung erschienen war, legte sofort Berufung ein. Er stellt sich auf den Standpunkt, er habe „keine Rasse oder Ethnie“ angegriffen, weshalb der Tatbestand gar nicht zutreffen könne. Das letztinstanzliche Urteil wird erst nach den Präsidentschaftswahlen im April erwartet.

Wahl in Frankreich: Eric Zemmour attackiert die offizielle Geschichtsschreibung

Dieser Prozess war nur das Vorspiel zu einem zweiten Gerichtsfall, der an diesem Donnerstag entschieden wird – und der im aktuellen Wahlkampf viel mehr hermacht. Der Tatbestand lautet da auf „Bestreiten eines Verbrechens gegen die Menschheit“. Zemmour hatte – ebenfalls auf CNews – behauptet, die Führungsfigur des Vichy-Regimes, Ex-General Philippe Pétain, habe „französische Juden gerettet“. Damit versucht er quasi die mit den Nazis kollaborierende Staatsführung zu rehabilitieren, die nach der Niederlage gegen Hitler 1940 von Paris in die unbesetzte zentralfranzösische Bäderstadt Vichy umgezogen war.

Eric Zemmour Mitte Januar bei einer Veranstaltung in Villers-Cotterets, nordöstlich von Paris. Foto by FRANCOIS NASCIMBENI / AFP.
Eric Zemmour Mitte Januar bei einer Veranstaltung in Villers-Cotterets, nordöstlich von Paris © Francois Nascimbeni/AFP

Zemmour attackiert die offizielle und weitgehend unbestrittene Geschichtsschreibung, die zwischen dem feigen Kollaborateur Pétain und dem heroischen Résistance-Kämpfer Charles de Gaulle entschieden hat. Er übernimmt die hanebüchene These der extremen Rechten und des „Front National“-Gründers Jean-Marie Le Pen, Pétain sei damals Frankreichs „Schild“ gewesen und de Gaulle das „Schwert“; in einer Art nationalen Arbeitsteilung hätten sie zusammen gegen Nazi-Deutschland gekämpft.

Zemmour übernimmt rechtsextreme These: Geschichtsrevisionismus in Frankreich

All dies – und noch viel mehr – verbirgt sich in Zemmours Aussage über den „Judenretter“ Pétain. Doch ist faktisch etwas dran an dieser Aussage? Nur auf den ersten Blick. Aus Frankreich wurden unter dem Vichy-Regime proportional weniger Menschen jüdischen Glaubens – 70.000 – in die Vernichtungslager deportiert als beispielsweise aus Belgien und den Niederlanden. Das ist aber nicht Pétains Verdienst, sondern erklärt sich aus dem Umstand, dass Frankreich nur zur Hälfte von deutschen Truppen besetzt war; viele Verfolgte konnten sich deshalb in den Süden absetzen und dort leichter untertauchen. Die wiederum erklärt, dass unter den 70.000 aus Frankreich Deportierten 50.000 wenig Integrierte oder Vernetzte aus dem Ausland waren – hauptsächlich Polen, Deutschland und Russland. Als der Sprache weitgehend Unkundige gerieten sie rasch in die Fänge der französischen Polizei.

Philippe Pétain mit Hermann Göring 1941. Foto: AFP.
Philippe Pétain mit Hermann Göring 1941. © AFP

Pétain schützte die jüdische Gemeinde Frankreichs keineswegs: Er verfolgte und beraubte sie gleich von 1940 an mit offen antisemitischen Gesetzen. Als die Nazis 1942 die Endlösung vorantrieben, lieferte sein Regime mehr Menschen dem sicheren Tod aus, als die deutsche Besatzungsmacht verlangt hatte. Davon zeugt die bekannte Razzia des Vel d’Hiv; in diesem Pariser Sportstadion wurden 13.000 Menschen jüdischen Glaubens zusammengetrieben, 4115 von ihnen Kinder. 80 Prozent besaßen einen französischen Pass und wurden von Pétains Schergen nicht etwa beschützt, wie Zemmour behauptet, sondern in den sicheren Tod geschickt. Nur ganz wenige jüdische Kinder überlebten den Horror.

Gericht in Frankreich stellt richtig: Pétain war an Politik der Judenvernichtung beteiligt

Zemmour verdreht damit schlicht die Fakten. Ein Gericht bestätigte vor einem Jahr, Pétain habe sich „an der von den Nazis betriebenen Politik der Judenvernichtung beteiligt“. Zemmour wurde aus Gründen freigesprochen, mit denen sich das Berufungsgericht am Donnerstag befassen muss. Die historische Frage ist hingegen geklärt. Die Wissenschaft in Frankreich und namentlich auch der amerikanische Vichy-Spezialist Robert Paxton – der in den 70er Jahren ein bahnbrechendes Standard-Werk schrieb – verwirft Zemmours These. De Gaulles Enkel Pierre zeigte sich „schockiert“: In Wahrheit sei Hitler von der Judenhatz durch Pétains Gendarmen „überrascht“ gewesen.

Charles de Gaulle besucht französische Truppen im Zweiten Weltkrieg. Foto: AFP.
Charles de Gaulle besucht französische Truppen im Zweiten Weltkrieg. © AFP

Bleibt die Frage, warum sich Zemmour mit einer so kruden Theorie in die Nesseln setzt. Der Pétain-Forscher Pascal Ory vermutet, Zemmour versuche einen Brückenschlag von der klassischen hin zur extremen Rechten. Denn der Präsidentschaftskandidat – in Umfragen derzeit auf Platz vier – insinuiert letztlich, Pétain habe nicht antisemitisch, sondern „national“ gehandelt, als er versuchte, wenigstens die französischen Juden zu verschonen.

Geht Zemmours Rechnung auf? Pétain wird nur noch von Hardlinern in Ehren gehalten

Ob die Rechnung des selbst ernannten Nonkonformisten aufgeht, ist fraglich. Zemmour mag erkannt haben, dass historische Fragen in französischen Wahlkämpfen bisweilen wichtiger sind als aktuelle Themen wie Steuern oder Renten.

Pétain aber hält wirklich nur noch eine Handvoll unbelehrbarer Nostalgiker, Antisemiten und Nationalisten in Ehren. Bedeutend mehr Menschen könnten wegen der Pétain-Polemik von Zemmour abrücken, auch wenn sie seinen Hardliner-Thesen zu Immigration, Islam und nationaler Identität zustimmen.

Zemmour eckt bei der jüdischen Gemeinde in Frankreich an: Sie wissen, wer ihre Großeltern verfolgt hat

Zudem verscherzt es Zemmour sich mit der jüdischen Gemeinde Frankreichs, der bedeutendsten Westeuropas. Die Jüdinnen und Juden wissen, wie ihre Großeltern verfolgt wurden. Selbst jüdisch-algerischer Abstimmung, hatte Zemmour viele von ihnen erst für sich gewonnen, als er – zu Recht – erklärte, viele Juden würden heute aus salafistisch unterwanderten Banlieue-Vierteln vertrieben.

Aber er wirbt auch um die Antisemiten im Land. So zweifelt er, der Jude, in der Dreyfus-Affäre 1894 sogar die Unschuld des jüdischen Offiziers als „nicht eindeutig“ an. Provokant mag das sein. Doch einen Wahlkampf gewinnt man damit heute kaum mehr. (Stefan Brändle)

Bereits zu Beginn seines Wahlkampfes sorgte der rechtsradikale Zemmour für Schlagzeilen, bei der Auftaktveranstaltung soll es zu Schlägereien gekommen sein.

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