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Erfinder der „asiatischen Werte“

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Von: Willi Germund

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Gedenken an Singapurs "Vater der Nation".
Gedenken an Singapurs "Vater der Nation". © dpa

Lew Kwan Yew, der Begründer des Stadtstaats Singapur, ist 91-jährig gestorben. Mit ihm verliert Asien einen der letzten noch lebenden Zeitzeugen, die den blutigen Zweiten Weltkrieg erlebten und anschließend eine politische Schlüsselrolle bei der Dekolonialisierung der Region spielten.

„Unternehmt nichts, um mein Leben zu retten. Lasst mich eines natürlichen Todes sterben“, hatte Singapurs „Vater der Nation“ Lee Kuan Yew verfügt. Die Ärzte gehorchten so, wie der Stadtstaat Singapur sich während seiner 50-jährigen Geschichte an Gehorsam gegenüber „Harry“ – so der Spitzname – gewöhnt hatte. Am Montagmorgen starb der 91-jährige Mann, der in Cambridge studierte und seinen autoritären Führungsstil mit Konfuzius nachempfundenen Ansichten von „asiatischen Werten“ rechtfertigte.

Kaum eine Zeit bleibt im sonst intensiv durchleuchteten Leben des Mannes, unter dem sich Singapur nach der Trennung von Malaysia von einem verruchten, mit Lastern gepflasterten Hafen in eine moderne Finanzmetropole verwandelte, so mysteriös, wie sein Leben unter der japanischen Herrschaft.

Er soll damals für eine Nachrichtenagentur der Besatzer gearbeitet haben – und er soll nur knapp einer Hinrichtung durch sie entgangen sein.

Die japanische Besatzung bezeichnete Lee Kwan Yew später als das „wichtigste Ereignis seines Lebens“. Während des Jura-Studiums in Großbritannien hatte er zuvor bereits gelernt, dass die Briten keine Zukunft als Kolonialherren in Südostasien hatten. „Weder die Briten noch die Japaner haben das Recht, uns herum zu kommandieren“, erklärte er.

Anwalt und politischer Straßenkämpfer

Mit Lee Kuan Yew verliert Asien einen der letzten noch lebenden Zeitzeugen, die den blutigen Zweiten Weltkrieg in Asien erlebten und anschließend eine politische Schlüsselrolle bei der Dekolonialisierung der Region spielten.

Als Anwalt polierte er seine Fähigkeiten als mitreißender Redner. Als Gründer der „Peoples Action Party“ (PAP) entwickelte er sich nach 1954 zu einem politischen Straßenkämpfer.

Das spürten seine politischen Gegner und Kritiker in Singapur, die Lee Kwan Yew mit Hilfe der Gerichte in den finanziellen Ruin trieb. Nachdem sein Sohn Lee Hsien Loong 2004 als Premierminister in die Fußstapfen des Vaters trat, erstickten Singapurs Gerichte auch den Vorwurf im Keim, der Stadtstaat befinde sich wie andere asiatische Länder in der Hand einer Familiendynastie.

„Wenn wir nicht aufpassen“, warnte Lee Kwan Yew seine Landsleute Mitte der 60er Jahre, „könnten die Zustände in Singapur schlimmer werden als in Süd-Vietnam“. Angesichts solch unverhüllter Warnungen fügten sich die Bewohner des Stadtstaats schnell in die Regeln, die der „Löwe von Singapur“ ihnen aufzwang.

Für das ökonomische Wachstum wurden politische und persönliche Freiheiten geopfert. Der starke Staat stand an erster Stelle der Bedeutung.

Lee Kwan Yew bescherte seinen Landsleuten im Gegenzug eine funktionierende Sozialversicherung, Gesundheitsversorgung und gute Löhne. „Menschenrechte und Freiheiten wurden dem ökonomischen Erfolg geopfert“, fasste Amnesty International am Dienstag die Hinterlassenschaft des „Vaters der Nation“ zusammen.

Es gab kein Thema, zu dem Lee Kwan Yew schwieg. „Chinas Nachbarn sind nicht von der Behauptung überzeugt, dass kleine und große Länder gleich sind und China keine Hegemonie anstrebt“, erklärte er unumwunden. „Der militante Islam betrachtet die USA als Bedrohung. Die Unterstützung Israels bestärkt dieses Gefühl der Bedrohung. Wir haben einen langen und schwierigen Kampf vor uns“, tönte er ein anderes Mal.

„Solange Führer sich um das Wohlergehen ihrer Leute kümmern, werden sie den Führern gehorchen“, beschrieb Lee Kwan Yew einmal sein Glaubensbekenntnis. Viele Bewohner des Stadtstaats denken längst anders. „Wenn wir frei wählen könnten, würde Lee Kwan Yew’s Partei sofort verlieren“, sagt eine Finanzmaklerin in Singapur.

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