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Türkische Soldaten nähern sich der Stadt Manbidsch.

Syrien

Erdogans riskanter Feldzug

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Die Türkei setzt die Kurden in Syrien unter Druck, Donald Trump verlangsamt den Abzug. Wie verhält sich Russland in dem Konflikt?

Russland wird nach dem angekündigten Abzug der Amerikaner im Syrienkonflikt immer mehr zur Schlüsselmacht in der Region. Das weiß auch die türkische Führung in Ankara. Deshalb reiste kurz vor dem Jahreswechsel eine ranghohe türkische Delegation unter Führung des Außenministers und des Verteidigungsministers nach Moskau. Es ging um eine Abstimmung der Syrienpolitik und der militärischen Operationen.

Das Konfliktpotenzial bei diesen Themen ist hoch, denn beide Regierungen verfolgen in Syrien gegensätzliche Ziele. Ankara kämpft gegen die syrische Kurdenmiliz YPG, betrachtet sie als Terrororganisation. Die Türkei hat Landesteile im Nordwesten Syriens besetzt und plant eine neue Offensive östlich des Euphrat. Russland kann als wichtigster Verbündeter des Assad-Regimes aber kein Interesse daran haben, dass sich die Türkei in Syrien festsetzt.

Das Ergebnis des Treffens in Moskau scheint denn auch mager zu sein. Man habe sich darauf geeinigt, „verstärkt zusammenzuarbeiten und so endgültig die terroristische Bedrohung zu bekämpfen“, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow nach der Konferenz. Offen blieb, um welche Terroristen es geht: Während Russland wohl eher an den Kampf gegen die IS-Terrormiliz denkt, nimmt die Türkei die YPG aufs Korn.

Türkei: Armee gegen Guerilla im Nachteil

Die Türkei verfügt zwar über die zahlenmäßig größte Nato-Armee nach den USA. Gegen Guerillakämpfer kommen konventionelle Streitkräfte aber kaum an. Das zeigt der Kurdenkrieg in der Türkei, in dem es auch nach fast 35 Jahren keinen klaren Sieger gibt. Auch die geplante Offensive gegen die YPG könnte ein langer und blutiger Feldzug werden.

Noch verwickelter wird die Situation auf dem Kriegsschauplatz, seit die syrische Armee am vergangenen Freitag meldete, sie sei in die von den Amerikanern geräumte Stadt Manbidsch eingerückt – und zwar auf Bitten der YPG. Damit zeichnet sich ein neues Zweckbündnis ab. Aus Sicht der YPG wäre es sinnvoll, nach einem Abzug der USA und angesichts der drohenden türkischen Offensive den Schutz des Assad-Regimes zu suchen.

Wir schnell die US-Truppen das Feld räumen, ist unklar. US-Präsidenten Donald Trump hatte zwar angekündigt, zügig das Land zu verlassen. Doch nach einer Unterredung mit dem einflussreichen republikanischen Senator Lindsey Graham, soll der Abzug nun langsamer erfolgen.

Wegen dieser Unklarheit ist nun auch offen, wie Erdogan weiter verfährt. Er hatte vor Weihnachten zwar angekündigt, mit der Offensive „ein wenig zu warten, bis wir die konkreten Resultate des amerikanischen Rückzugsplans sehen“. Zugleich setzt der türkische Staatschef aber die Vorbereitungen für die Invasion fort. Die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu meldete am Sonntag aus der Grenzprovinz Sanliurfa den Aufmarsch weiterer Panzer, Mannschaftswagen und Artilleriegeschütze.

Der Aufmarsch soll offenbar den Druck auf die Kurdenmilizen erhöhen. Völlig offen ist bisher, wie die Türkei den versprochenen Kampf gegen die IS-Terrormiliz, oder was von ihr in Syrien noch übrig ist, führen will. Erdogan hatte US-Präsident Donald Trump telefonisch zugesichert, die Türkei sei dazu entschlossen und militärisch auch in der Lage. Aber die letzten noch vom IS beherrschten Gebiete in Syrien liegen im Südosten, weitab der türkischen Grenze und der vom türkischen Militär kontrollierten Region.

Hat die Türkei jetzt freie Hand?

Dieser Landesteil wird weitgehend von syrischen Regierungstruppen beherrscht. Die Türkei könnte dort den IS nur aus der Luft angreifen. Erdogan würde damit allerdings eine direkte militärische Konfrontation mit dem Assad-Regime sowie dessen Verbündeten Russland und Iran riskieren. Damit bekäme der Syrienkonflikt eine noch gefährlichere Dimension.

Anfangs hatte man in Ankara den amerikanischen Abzug als großen persönlichen Erfolg Erdogans hingestellt: Der Staatschef habe US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat am 14. Dezember davon überzeugt, die Soldaten aus Syrien abzuziehen. Damit schien die Türkei freie Hand im Kampf gegen die Kurdenmilizen im Nordosten des Bürgerkriegslandes zu bekommen. Aber bei nüchterner Betrachtung müsste Erdogan inzwischen erkennen, dass die militärische Lage nach dem Abzug der Amerikaner für die Türkei nicht einfacher, sondern komplizierter wird.

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