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Erdogans Propaganda-Video zündet nicht

  • Frank Nordhausen
    vonFrank Nordhausen
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Der Versuch des türkischen Staatschefs, eine „religiöse Generation“ heranzuziehen, fruchtet nicht - bei der Jugend kommt er nicht mehr an.

Angesichts rapide fallender Zustimmungswerte für den Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan bei der um die Jahrtausendwende geborenen „Generation Z“ hat sich seine regierende islamische AKP eine Videokampagne in den sozialen Medien ausgedacht. Das schnell geschnittene Zweieinhalb-Minuten-Video mit dem Titel „Wer bist du?“ führt in einer Tour de Force durch die islamische und türkische Geschichte der letzten 1500 Jahre, die – wen wundert’s – auf den regierenden Autokraten zuläuft. Womit die AKP wohl nicht gerechnet hatte: Das Youtube-Filmchen sorgt in den sozialen Medien seither für heftige Kontroversen und erreichte eher das Gegenteil seiner Absicht.

Das Video der AKP-Jugendorganisation beginnt mit einer Zeichentrick-Kamelkarawane nach Mekka und den Worten „Du bist jung, du fängst gerade erst an. Du hast viel Arbeit, du hast viel Ärger“, tröstet dann „Du bist nicht allein“, und erklärt, dass jede Jugend des großartigen Landes mit wichtigen muslimischen Persönlichkeiten aus Vergangenheit und Gegenwart identisch sei. Das Video endet damit, dass alle Figuren zusammenströmen und ein Bild Erdogans erstellen, während der Sprecher pathetisch verkündet: „Auch Palästina ist ein Teil deiner Sache, ebenso wie Kaschmir.“ Dann: „Du bist die Türkei.“ Und dann: „Du bist die Hoffnung der Ummah, du bist Recep Tayyip Erdogan.“

Anders als angedacht reagierten die meisten Social-Media-Nutzer nicht mit Zustimmung, sondern mit ganz individuellen Antworten auf die Frage: „Wer bist du?“. Tausende Nutzer posteten oder teilten persönliche Ansichten auf Twitter, die der AKP nicht gefallen konnten. „Wir sind Bürger, die auf der Straße erfroren sind, wir sind Studenten, die Selbstmord begehen, mit einer Lira auf ihren Konten, wir sind das hoffnungslose Trinken von Zyanid aus Armut, wir sind Opfer von Arbeitsunfällen und Femiziden, wir sind streikende Arbeiter, wir sind Kinder, die im Schatten gepanzerter Fahrzeuge aufwachsen, und dank Ihnen leben wir zufällig ohne jede Zukunft“, schrieb ein Twitter-Nutzer.

Die Antworten erinnerten an die vielen Opfer des Erdogan-Regimes: „Ich bin der Mann, der sich aus Verzweiflung selbst anzündete, weil er kein Essen für seine Kinder mehr bereitstellen konnte“, schrieb ein Nutzer. „Ich bin all die getöteten Frauen, deren Tod vertuscht wurde, deren Beweise verschwanden, die man vergessen machen will“, twitterte eine junge Frau.

Umfragen zeigen, dass Erdogans erklärte Absicht, eine „religiöse Generation“ heranzuziehen, ins Leere läuft. In Erdogans Amtszeit hat die Religiosität in der Türkei ab- und nicht zugenommen, wie eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Konda bereits 2019 zeigte. Ausgerechnet in der Generation Z, die keinen anderen Regierungschef als Erdogan kennt, verzeichnete eine Umfrage der renommierten Gezici-Forschungsgruppe vom Juni sogar einen erdrutschartigen Rückgang religiöser Überzeugungen.

„Es wäre eine ironische Wendung des Schicksals, wenn sich herausstellen würde, dass die Generation Z Erdogan im Jahr 2023 entmachtet“, schrieb der bekannte türkische Analyst Burak Bekdil kürzlich. Bei den nächsten regulären Wahlen im Jahr 2023 werden rund zwölf Prozent der Wahlberechtigten der Generation Z angehören – und damit eine entscheidende Rolle an der Urne spielen.

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