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Erdogan (r.) und Imam Ali Erbas beten vor der neuen Moschee.

Ditib-Moschee in Köln

Erdogans perfekte Inszenierung

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Der türkische Staatspräsident nutzt die umstrittene Eröffnungsfeier der Zentralmoschee in Köln zur Selbstdarstellung.

Das ist nicht sein Ehrenfeld. Das ist „exterritoriales Gebiet“: Jupp Wirges atmet einmal ganz tief durch. Ein paar Drängelgitter, Flatterband und Beamte einer Einsatzhundertschaft trennen den sozialdemokratischen Bezirksbürgermeister von dem Gebäude, für dessen Bau er sich über all die Jahre so vehement eingesetzt hat.

Gegen alle Widerstände hat Wirges die Zentralmoschee verteidigt. Immer und immer wieder. Und im Laufe der Jahre dafür viel Prügel einstecken müssen. Nicht nur von den Rechten. Jetzt steht Wirges draußen vor der Freitreppe der Moschee. Hinter ihm fährt ein Wasserwerfer auf.

Die Einladung zur Eröffnungszeremonie hat ihm ein Bote der Türkisch-Islamischen Union Ditib am Freitag in den Rathaus-Briefkasten geschmissen. „Koranrezitation, ein paar Begrüßungsworte, aber nicht von uns, dann soll man ein Band durchschneiden, husch husch, alles vorbei.“ Wirges hat sie abgelehnt. Genau wie Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Als Statist und Klatschapparat für den türkischen Staatspräsidenten steht er nicht zur Verfügung. „Wenn der wieder weg ist, müssen wir das alles aufkehren, was er hier zerdeppert hat. Das Band der Verbindungen der Menschen hier im Veedel ist sehr dünn geworden. Das ist nur noch ein Bindfaden.“ 

Türkische Sicherheitsleute spielen Polizei

Noch ist Erdogan nicht eingetroffen. Im „exterritorialen Gebiet“ kommt es zu ersten Problemen. Versuche türkischer Sicherheitskräfte, vor der Moschee „Polizei“ zu spielen, ersticken die Einsatzkräfte im Keim. An der Ecke Innere Kanalstraße/Vogelsanger Straße beschimpfen sich Erdogans Anhänger und Gegner. Die Polizei muss schlichten und sieht sich genötigt, per Twitter klarzustellen: „Unsere Einsatzkräfte sind vor Ort, türkische Sicherheitskräfte wurden abgewiesen. Wir sorgen für Ihre Sicherheit.“ Jenseits von Wirges und der Sicherheitsschleusen, auf dem Platz oberhalb der Freitreppe vor dem Haupteingang zur Moschee, wartet das von der Ditib handverlesene und mit roten VIP-Karten ausgestattete Publikum auf die Ankunft seines Präsidenten. Die Inszenierung ist perfekt. 

Niemand macht sich mehr die Mühe, die Abhängigkeit der Ditib vom türkischen Staat zu kaschieren. Das wäre angesichts dieser Inszenierung auch vollkommen sinnlos. Die Kölner Moschee sei eine „Quelle des Stolzes für die in Deutschland lebenden Muslime und ein Zeichen des Friedens und der Kultur des Zusammenlebens“, begrüßt Ditib-Vorstand Yasar Asikoglu seinen Staatspräsidenten, dankt Kölns Altoberbürgermeistern Fritz Schramma (CDU) und Jürgen Roters (SPD), dem Moscheebeirat und Henriette Reker für die Unterstützung. Sie alle haben die kurzfristigen Einladungen ausgeschlagen. Wie Jupp Wirges. Auch er findet Erwähnung und kann das sogar deutlich hören. Draußen vor der Tür.

Die Parallelgesellschaft vor dem Moscheeeingang ist am Höhepunkt der Eröffnungszeremonie angekommen. Ihr Staatspräsident spricht. Das zerrüttete Verhältnis der Ditib zur Kölner Stadtgesellschaft erwähnt er nur am Rande, spricht von Kommunikationsproblemen. Der Verärgerung darüber, dass die Stadt Köln eine geplante Großkundgebung mit 25.000 Menschen vor der neuen Moschee aus Sicherheitsgründen abgelehnt und ihm damit den ganz großen Bahnhof verhagelt hat, blitzt nur einmal ganz kurz auf. 

Wie schlecht die Stimmung tatsächlich ist, hat der AKP-Abgeordnete Mustafa Yeneroglu den Journalisten schon vorab in die Aufnahmegeräte diktiert. „Wir wollten hier gemeinsam mit Muslimen und Nichtmuslimen, mit Bio-Deutschen und Bio-Türken feiern. Dafür ist dieses Ereignis da.“ Das habe die Stadt Köln mit „Kleinigkeiten, an den Haaren herbeigezogenen Geschichten und juristischen Haarspaltereien“ verhindert. Es habe niemals ein Redeverbot für Kölns Oberbürgermeisterin gegeben. „Das war zu keiner Zeit ein Thema. Der Präsident hat mich sogar explizit damit beauftragt, noch einmal zu ihr zu gehen und sie zu bitten, sie möge an der Einweihung teilnehmen.“ 

Unter der Moscheekuppel, die mit ihrer durchbrochenen Fassade für Offenheit und Transparenz stehen soll, inszeniert Erdogan sich in einer Rede, die 38 Minuten dauert, derweil selbst. Der Bau des Architekten Paul Böhm sei ein Ort, an dem es keine Trennung und keine Diskriminierung gebe, ein „Werk für die Stadt Köln, die diese Werte in sich trägt“. Die Moschee müsse ein „Zentrum des Zusammenlebens“ werden. „Menschen, die hierherkommen, werden niemals in Terror verwickelt sein. Sie werden den Frieden predigen und verbreiten.“

Erdogan schlägt versöhnlichere Töne an

Der Ton klingt deutlich versöhnlicher als beim Staatsbankett mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in Berlin. Die Inhalte sind es nicht. Erneut ruft er zu einem entschlosseneren Kampf gegen die Gülen-Bewegung auf. Seine Regierung macht den in den USA lebenden Prediger Fetullah Gülen für den Putschversuch vom Juli 2016 verantwortlich, bei dem 251 Menschen ums Leben gekommen waren. 

Auch die Landesregierung verwehrt Erdogan den großen Bahnhof. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) beschränkt sich darauf, ihn auf dem militärischen Teil des Flughafens Köln/Bonn zu empfangen. Die Blicke sind ernst, die Protagonisten wirken angespannt, als es später zum Händedruck kommt. Die große Bühne, ein Zusammentreffen bei der Einweihung der Moschee, hat Laschet dem Staatsgast nicht gewährt. Weil dies „nicht der richtige Ort für einen ernsthaften Austausch grundlegender Fragen“ gewesen wäre. Aber immerhin, Erdogan nimmt das Gesprächsangebot an. Und hat wohl auch zugehört, als Laschet versucht, ihm ins Gewissen zu reden.

Die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien „überschattet“ von der Sorge über die Entwicklungen in der Türkei, sagt der Ministerpräsident: Der bedenkliche Umgang mit der Presse- und Religionsfreiheit, die Verhaftungswellen, von denen auch deutsche Staatsbürger betroffen sind. Laschet fragt nach dem Schicksal einzelner Inhaftierter. Und betont, dass die Einflussnahme auf die Ditib ein Ende haben müsse.

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