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Zwei US-Soldaten mit Blick auf die Grenze zwischen Syrien und der Türkei nahe Manbidsch. Die US-Armee zieht sich aus dem Gebiet zurück, die türkischen Streitkräfte formieren sich dagegen.

Türkei

Erdogan verlegt weiter Truppen nach Syrien

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Der Rückzug der USA aus dem Kriegsland ist für die Türkei ein zweischneidiges Schwert.

Regierungsnahe türkische Medien feiern den angekündigten Abzug der US-Soldaten aus Syrien als großen diplomatischen Erfolg für Präsident Recep Tayyip Erdogan. Er sei es gewesen, der US-Präsident Donald Trump in einem Telefonat Mitte Dezember davon überzeugt habe, die amerikanischen Truppen aus Syrien abzuziehen. Erdogan bekommt damit freie Hand für seinen geplanten Feldzug gegen die syrischen Kurdenmilizen. Aber der amerikanische Rückzug könnte der Türkei in Syrien neue Konflikte bescheren.

Die Türkei habe entschieden, mit ihrer geplanten Militäroffensive im Norden Syriens „ein wenig zu warten, bis wir die konkreten Resultate des amerikanischen Rückzugsplans sehen“, sagte Erdogan. Am 8. Januar will die ständige Syrien-Arbeitsgruppe der Türkei und der USA in Washington zusammentreffen, um über Einzelheiten des Rückzugs der rund 2000 amerikanischen Soldaten zu beraten, meldete die regierungsnahe türkische Zeitung „Sabah“. Danach könnte eine Entscheidung über die türkische Militäroffensive fallen. Aufgeschoben ist jedenfalls nicht aufgehoben. Man werde die Kurden „in jenen Gräben und Tunneln, die sie jetzt an der Grenze ausheben, begraben“, kündigte Erdogan an.

Trotz des angekündigten Aufschubs setzte die türkische Armee am Wochenende ihren Truppenaufmarsch in der Region fort: Ein Konvoi von etwa 200 Fahrzeugen und Panzern überquerte nach Augenzeugenberichten die syrische Grenze und rollte auf die Stadt Manbidsch zu, eine Hochburg der Kurdenmiliz YPG. Die USA hätten ihre 300 bis 400 bisher in Manbidsch stationierten Soldaten von dort bereits abgezogen, meldete das türkische Staatsfernsehen TRT am Sonntag.

Kontakte zu Islamisten

Für die USA war die YPG bisher der wichtigste Verbündete im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS). Das sorgte für ständige Spannungen mit der Türkei, denn aus deren Sicht ist die YPG als syrischer Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK selbst eine Terrororganisation. Die Rolle der Amerikaner und der Kurden im Kampf gegen den IS soll nun die Türkei übernehmen. Sie könne mit dem IS, oder was davon in Syrien noch übrig sei, leicht fertigwerden, versicherte Erdogan in dem Telefonat mit Trump. Aber die Haltung der Türkei gegenüber den Dschihadisten wirkte oft ambivalent, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der engen Beziehungen Erdogans zu radikal-islamischen Gruppen wie der Hamas und den Muslimbrüdern. Priorität hatte für ihn stets der Kampf gegen die Kurdenmiliz. Wenn Außenminister Mevlüt Cavusoglu jetzt ankündigt, die türkische Armee werde Syrien östlich des Euphrat „von Terroristen säubern“, dann dürfte er damit nicht den IS, sondern die YPG meinen.

Bereits 2016 startete die Türkei unter dem Namen „Schutzschild Euphrat“ eine erste Militäroperation gegen die Kurdenmilizen in Nordsyrien. Im Januar dieses Jahres folgte eine weitere Offensive gegen die kurdische Enklave Afrin.

Jetzt nimmt sich die Türkei noch mehr vor. Die Kurden stellen in Syrien 15 Prozent der Bevölkerung, kontrollieren aber 30 Prozent im Norden und Osten des Landes. Die YPG hat dort 2016 zusammen mit lokalen arabischen Gruppen eine Art Selbstverwaltung installiert. Will die Türkei dieses Gebiet erobern, müsste sie einen langen und wahrscheinlich verlustreichen Feldzug führen. Es ist eine offene Frage, ob sich die Regierung angesichts der heraufziehenden Rezession ein solches militärisches Unternehmen politisch und finanziell leisten kann.

Neue Konflikte

Erdogan riskiert damit überdies Konflikte mit dem Iran und Russland. Beide Länder werden mit dem amerikanischen Rückzug mehr denn je zu Schlüsselmächten in Syrien. Als wichtigste Verbündete des Assad-Regimes werden sie es kaum zulassen, wenn die Türkei nun versuchen sollte, ein Drittel des Landes militärisch zu besetzen.

Was das angeht, könnten sich die Interessen des Irans und Russlands mit denen der YPG decken. Führt das zu einem neuen Bündnis, würden die Karten völlig neu gemischt. Erdogan mag sich rühmen, Trump den Rückzug abgetrotzt zu haben. Ob diese Entscheidung der Türkei wirklich nützt, ist aber fraglich.

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