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Die Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln, hier auf Lesbos, sind jetzt schon überfüllt.

Griechenland

Erdogan, der unheimliche Nachbar

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In Griechenland wächst die Sorge über die unberechenbare Politik des türkischen Staatschefs.

Am Mittwoch hat der neue griechische Premierminister Kyriakos Mitsotakis am Rand der UN-Vollversammlung in New York seine erste Begegnung mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Für die Griechen ist Erdogan ein zunehmend schwieriger Partner: Der Anstieg der Flüchtlingszahlen, der Streit um die Bodenschätze im östlichen Mittelmeer und Erdogans Rüstungspläne belasten die Beziehungen der beiden Nachbarländer.

Es sind keine Kriegsschiffe, die Tag für Tag in größerer Zahl aus der Türkei über die Ägäis kommen, sondern Schlauchboote. Und sie bringen keine Soldaten, sondern Schutzsuchende zu den griechischen Inseln. Und doch sind diese Schiffe eine große Bedrohung für Griechenland. Wenn Erdogan seine Ankündigung wahrmacht und den Flüchtlingen „die Tore öffnet“, würden nicht nur die griechischen Inseln der östlichen Ägäis im Chaos versinken.

Dem ganzen Land stünde eine beispiellose humanitäre Katastrophe bevor, wenn binnen kurzer Zeit Hunderttausende oder gar Millionen Menschen aus der Türkei kommen. Wirklich problemfrei waren die Beziehungen zwischen beiden Völkern nie, seit die Griechen in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts gegen die türkischen Besatzer rebellierten und ihren eigenen Nationalstaat gründeten. Die Osmanenherrschaft liegt zwar zwei Jahrhunderte zurück. Aber für viele Griechen ist sie immer noch ein allgegenwärtiges Trauma.

Krisen, wie 1996, als die beiden Nato-Partner wegen des Streits um zwei unbewohnte Ägäisinseln an den Rand eines Krieges gerieten, wechselten mit Phasen der Entspannung, wie Ende der 1990er Jahre, als sich die Außenminister Giorgos Papandreou und Ismail Cem um eine Aussöhnung bemühten. Selten war das bilaterale Konfliktpotenzial aber so brisant wie jetzt. Erdogan stellt offen den Vertrag von Lausanne zur Disposition, der 1923 die Grenzen zwischen beiden Ländern definierte – Erdogan spricht von „künstlichen Grenzen“.

Kürzlich posierte er dann bei einer Rede in der türkischen Militärakademie demonstrativ vor einer Landkarte, auf der die gesamte Osthälfte der Ägäis als türkisches Hoheitsgebiet eingezeichnet ist – einschließlich griechischer Inseln wir Rhodos, Kos, Lesbos, Samos und Chios.

Zu seinem Expansionsdrang passt, dass Erdogan jetzt in der Ägäis und im östlichen Mittelmeer den Nachbarn Griechenland und Zypern ihre Wirtschaftszonen streitig macht. Er schickte mehrere Bohrschiffe, die dort nach Öl und Gas suchen – begleitet werden sie von Einheiten der türkischen Kriegsmarine.

Die militärischen Drohgebärden bekommen eine besonders brisante Dimension, seit Erdogan kürzlich Ansprüche auf Atomwaffen für sein Land anmeldete. Helfen könnte ihm dabei sein neuer Freund Wladimir Putin: Russland baut derzeit das erste Atomkraftwerk in der Türkei. Spätestens das Streben nach „der Bombe“ macht Erdogan in den Augen der Griechen zu einem unheimlichen Nachbarn.

Und Erdogan steht unter Druck: die Wirtschaftskrise, die jüngsten Wahlniederlagen, das Scheitern seiner Syrienpolitik und jetzt die Zerfallserscheinungen seiner eigenen Partei – das alles macht den türkischen Staatschef erst recht zu einem unberechenbaren Akteur. Mitsotakis dürfte es schwer haben, bei dem ersten Treffen in New York die Absichten des türkischen Präsidenten zu ergründen.

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