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Türkei: Lebensmittelpreise steigen um mehr als 170 Prozent

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Von: Erkan Pehlivan

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Ein Ende der Preissteigerungen in der Türkei ist nicht in Sicht. Wer eine vierköpfige Familie ernähren will, braucht 20.140 TL. Der Mindestlohn liegt aber bei 4.235 TL.

Ankara - In der Türkei steigen die Preise für Lebensmittel und Energie unaufhaltsam. Jetzt hat die Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes „Birleşik Kamu-İş Konfederasyonu“ in einer Studie herausgefunden, dass die Lebensmittelpreise in der Türkei um 171,36 Prozent in den letzten 12 Monaten gestiegen sind. „Was die Bürger im Juni 2021 für 100 Lira gekauft haben, müssen sie jetzt 271, 36 TL ausgeben“, so die Experten in ihrer Studie. Brot, Mehl und Nudeln sind demnach im Durchschnitt um 169,89 Prozent teurer geworden. Fisch und Fleisch kosten 110, 39 Prozent mehr. Während Obst 180,99 Prozent teurer geworden ist, kostet Gemüse jetzt 477,2 Prozent mehr als noch im Juni vergangenen Jahres.

Türkei: Vierköpfige braucht mindestens monatlich 20.140 TL

Wegen der hohen Preise hat die Gewerkschaft die Armutsgrenze für eine vierköpfige Familie auf 20. 140 TL berechnet. Wer den Experte zufolge weniger als 6.779 TL verdient, der wird sich nicht richtig ernähren können. Gerade für Geringverdiener ist das ein großes Problem: Der Mindestlohn beträgt in der Türkei 4.235 TL (235 Euro).

Preissteigerungen in der Türkei allgegenwärtig
Marktplatz in Istanbul © IMAGO/Unal Cam

Türkei: Wirtschaftszahlen „nüchtern“ sehen

Der Wirtschaftsexperte und Ex-Diplomat Ömer Güler sieht die Lage etwas nüchterner. „Wir müssen das relativ sehen. Zwar gibt es Menschen, die mit dem Mindestlohn über die Runden kommen müssen, aber viele verdienen deutlich mehr und wohnen im Eigentum, das sie entweder selbst gekauft oder vererbt bekommen haben“, sagt der Wirtschaftsexperte zu FR.de. Viele sind zudem Doppelverdiener.

Ömer Güler, Wirtschaftsexperte und ehemaliger türkischer Diplomat, sieht die Wirtschaftszahlen nüchtern.
Ömer Güler, Wirtschaftsexperte und ehemaliger türkischer Diplomat © Ömer Güler/privat

Inflation laut „Ena Grup“ bei 170 Prozent

Dennoch seien die gestiegenen Preise deutlich spürbar, erklärt Güler. „Vieles ist in den vergangenen Jahren um das doppelte und mehr teurer geworden“, so Güler. Nicht nur bei den Lebensmitteln, sondern auch bei Energie und Mieten. Offiziell liegt die Inflation bei 70 Prozent. Doch Experten glauben nicht an diese Zahlen. Das Wirtschatsforschungsinstitut „Ena Grup“ gab die Inflation mit 160 Prozent an. Finanzminister Nureddin Nebati versucht es mit Durchhalteparolen. So haben die Pandemie den Volkswirtschaften zugesetzt, aber die Türkei sei auf Wachstumskurs, teilt der Minister über Twitter mit.

Türkische Lira verliert weiterhin an Wert

Neben den wirtschaftlichen Problemen verliert die Türkische Lira weiter an Wert. Der Euro kostet inzwischen 18,32 TL und der US-Dollar 17,37 Dollar. Wirtschaftsexperten wie Güler fordern daher eine Anhebung der Leitzinsen. Das würde zwar die Landeswährung stabilisieren, aber Arbeitslosigkeit nach sich ziehen. Eine Arbeitslosigkeit könne sich Präsident Recep Tayyip Erdogan aber nicht erlauben, weil in der Türkei nächstes Jahr Wahlen abgehalten werden, erklärt Güler. (Erkan Pehlivan)

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